Illegale Downloads im Netz

Musikpiraten als Zielgruppe im Visier

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Darmstadt - Eine Studie der Technischen Universität (TU) Darmstadt und der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München zeigt Wege auf, wie man Musikpiraten ins Reich der Legalität zurückholen kann. Musikpiraterie ist mehr als ein strafrechtliches Vergehen. Von Lara Sturm

Sie zeigt den Kampf, der im Internet tobt: Onlineaktivisten fordern, es dürfe kein Eigentum im Netz geben. Branchen wie die Musikindustrie halten dagegen, wenn die Urheber nicht entlohnt werden, würde die Kreativbranche aussterben. Nur eines ist klar, für die Zukunft muss ein gemeinsamer Wertekodex geschaffen werden. Einen Vorschlag für einen neuen Umgang mit den Musikpiraten macht die Universitätsstudie. Die überraschende und scheinbar paradoxe Erkenntnis der Wissenschaftler: „Musikpiraten wollen zwar grundsätzlich nicht für ihre Musik bezahlen, aber wenn man ihnen geeignete kostenpflichtige Abo-Modelle anbietet, sind sie eher bereit zuzuschlagen“, berichtet Alexander Benlian, Professor für Information Systems and Electronic Services an der TU Darmstadt.

Für ihre Studie „Music as a Service: Eine Alternative für Musikpiraten?“, befragten die Forscherinnen und Forscher aus Darmstadt und München 8 000 Studierende nach ihrer Einstellung zu sogenannten Freemium-Geschäftsmodellen: Angeboten, bei denen Basisdienstleistungen wie Streaming gratis sind. Wer Zusatzleistungen möchte oder ein werbefreies Angebot, muss dafür bezahlen. Besonders interessant: In der – natürlich gänzlich anonymen – Stichprobe machten die Wissenschaftler auch 132 Musikpiraten aus, also Nutzer, die sich auf Internetplattformen mit illegalen Musikkopien versorgen. Und um deren Einstellung und Nutzungsverhalten geht es vor allem in der Studie. 

Illegale Downloader als Kunden

„Im Grunde“, sagt Benlian, „sind Piraten eine noch nicht wahrgenommenen Zielgruppe.“ Die Studie zeige, dass man illegale Downloader als Kunden „zurückgewinnen“ könne. Wichtig sei hierbei der Erstkontakt zwischen Anbieter und Kunde. Wenn Musikpiraten für eine begrenzte Zeit die Möglichkeit haben, alle technisch ausgefeilten Funktionen eines Premium-Angebots testweise kostenfrei zu nutzen, sind sie deutlich eher bereit als legale Nutzer, später dafür zu bezahlen. Dürfen sie dagegen mit einer Gratis-Basisversion auch nur eingeschränkte Funktionen ausprobieren, sind Piraten deutlich zurückhaltender. Hier unterscheidet sich der Pirat doch klar vom Durchschnitts-User: Der gibt sich schneller zufrieden und akzeptiert sogar Werbung.

Die Erklärung dafür liege im Profil der Piraten. Diese seien deutlich aktiver und versierter im Internet unterwegs, sowohl bei der Suche nach Informationen als auch, wenn es darum gehe, die Meinungsführerschaft zu übernehmen. Sie seien auch technikaffiner und technisch anspruchsvoller als legale Kunden von Musikanbietern. Piraten hätten häufig einen sehr ausdifferenzierten Musikgeschmack und eine mehr als doppelt so große Sammlung von Musikdateien wie legal handelnde Nutzer, viele verschiedene technische Endgeräte und großes Interesse daran, ihre Musik gut zu sichern und überall zu hören. Daher sollte die Player-Software des Anbieters möglichst viele interessante Zusatzfunktionen bieten. Und auch eine gut ausgebaute Community-Funktion – also die Möglichkeit, sich mit anderen Nutzern direkt und intensiv über das Angebot auszutauschen. Dies könne Piraten überzeugen, für ein gut gemachtes Premium-Angebot zu bezahlen.

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Diese Erkenntnis beschränke sich nicht auf die Musikindustrie. Sie könne auch Anbietern von Telefondiensten, Software, Spielen, oder auch Filmen helfen, die Zielgruppe der Piraten für sich zu erschließen. „Wenn man Branchen wie die Musikindustrie erhalten will, ist Illegalität ein großes Problem“, sagt Benlian. Ein Schaden von über einer halben Milliarde Euro entsteht allein der deutschen Musikindustrie im Jahr durch illegale Downloads.

Die Darmstädter Wissenschaftler hoffen nun, dass ihre Studie dem entgegenwirke könnte. Mit einer Folgestudie wollen die Forscher nun weitere Empfehlungen für Musikanbieter ausarbeiten. „Diese haben letztlich natürlich das Ziel, höhere Umsätze zu ermöglichen“, gibt Benlian zu.

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