Bis ins Nirvana zocken

Fast jede Religion verspricht ihren Schäfchen eine eigene Variante des Paradieses. Die eine besorgt ihren braven Toten Wein und Jungfrauen, andere servieren im Jenseits Milch und Honig und loben als Lohn aller Glaubensmühen ewige Glückseligkeit oder gleich die Wiedergeburt aus.

Einige Dutzend Jünger einer eher weltlichen Gemeinschaft, deren Quartier sich in einem Gebäude an Frankfurts Hanauer Landstraße findet, glauben, dass das Leben zu kurz ist, um nicht einen guten Teil davon dem Spielen zu widmen. Dafür geben sie viel mehr als nur den Zehnten: Wer sich in der „Games Academy“ - bisher die einzige Spezialschule für Computer- und Videospielproduktion im deutschsprachigen Raum mit Sitz in Berlin und seit 2007 mit Dependance am Main - zum Spieleentwickler ausbilden lassen will, zahlt rund 900 Euro pro Monat.

Dafür verspricht die Akademie Talenten das Paradies auf Erden, ein perfektes Umfeld für den Wandel vom Hobby zum Beruf und den direkten Draht zu den Propheten der Szene. Die Dozenten sind keine Vollzeit-Lehrer, sondern Honorarkräfte. Sie kommen aus der Branche, tauschen regelmäßig ihren Schreibtisch gegen ein Lehrerpult. Das verschafft ihren Schützlingen über die graue Theorie hinaus tiefe Blicke in die Praxis und Kontakte, die den Berufseinstieg erleichtern. Es profitieren Lernende und Lehrende. „Die Branche boomt, qualifizierter Nachwuchs wird händeringend gesucht“, erklärt Julia Kastenmeier, Leiterin der Frankfurter Niederlassung. „Also haben auch die Dozenten ein Interesse daran, ihre Schützlinge gut auszubilden.“

Angebot und Ambiente sind eine Versuchung für jedes Zockerherz - weiße Sofas, riesige Flachbildfernseher und Spielkonsolen im Aufenthaltsraum, ausnahmslos jedes aktuelle Computerspiel und stets die neuen Nummern aller Fachzeitschriften, dazu Computer, die von keinem noch so anspruchsvollen Programm überfordert werden. Das sorgt für Zulauf von Konvertiten aus anderen Branchen. Da gibt es einen Hotelkaufmann, einen Religionswissenschaftler und einen ehemaligen Studenten der biomedizinischen Chemie. „Wir haben sogar einen promovierten Zahnarzt, der sich mit 29 Jahren seinen Wunsch erfüllen will, Programmierer zu werden“, erzählt Kastenmeier. Auch beim Alter ist das Spektrum groß. 19 ist der Jüngste, 39 der Älteste unter den 37 Frankfurter Studenten. Eins aber eint die bunt gemischten Charaktere: die leidenschaftliche Begeisterung für Videospiele.

Doch Kastenmeier stellt klar, dass ein „Ich zocke gern“ allein weder für einen Einstieg in die Ausbildung noch in die Branche reicht. „Der Weg vom Konsumenten zum Produzenten ist hart und steinig. Man kann sich nicht einfach einschreiben, sondern muss ein Bewerbungsverfahren durchlaufen und mit originellen Arbeitsproben überzeugen. Ohne Talent und Ehrgeiz geht es nicht.“ 40 Wochenstunden schreibt die Agenda vor, dazu Projektarbeit. Vier Ausbildungswege stehen zur Wahl: Game Producing, 3-D-Programmierung, Art & Animation und Game Design. Während bei den Game Artists, die für die Umsetzung von Spielgrafiken ausgebildet werden, auch die Bildenden Künste (Zeichnen, Modellieren mit Ton) auf dem Plan stehen, werden den Game Producern vor allem betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse vermittelt. Je nach Schwerpunkt dauert die Ausbildung ein bis zwei Jahre.

„Klar, die Finanzierung ist schwierig, aber wenn man´s irgendwie hinkriegt, dann lohnt sich das viele Geld auf jeden Fall“, schwört Student Andreas Menkhoff. Der 27-Jährige hatte nach einer Ausbildung zum gestaltungstechnischen Assistenten vier Jahre lang an seinem Traum festgehalten, Game Art & Animation zu studieren. Seit Oktober drückt er nun die elitäre Schulbank. Samt besonderer Behandlung: Wenn Dozent Daniel Balster seine Studenten beispielsweise mit den theoretischen Grundlagen einer komplizierten Programmiersprache impfen will, bittet er - sozusagen mit persönlicher Einladung für jeden - in einen der wenigen Unterrichtsräume ohne Computer, um sich die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Schützlinge zu sichern. Balster, ein erfahrener Spieleentwickler, macht sich keine Illusionen: „Klar lässt sich der ein oder andere gern mal von ICQ oder einem Spielchen ablenken, wenn die in den Klassenräumen vor ihren PCs sitzen.“ Dafür bleibt später genug Zeit. Trotz der hohen Anforderungen wird an der Akademie nicht nur gearbeitet: Gerne treffen sich die Studis zwecks Entspannung auch zur ein oder anderen Zockerrunde. „Alle Studenten haben Schlüssel und können die Räume rund um die Uhr nutzen, auch privat“, sagt Julia Kastenmeier. „Videoabende mit Beamer und Leinwand sind besonders beliebt.“

Für Entspannung dürfte auch der Gedanke an die Karrierechancen sorgen. Die sind in der Branche himmlisch. Mit einem weltweiten Umsatz von 45 Milliarden Dollar im Geschäftsjahr 2007 macht die Computerspiele-Industrie mehr Geld als die Filmindustrie, Tendenz steigend.

BARBARA HOVEN

www.games-academy.de

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