Surreal-schockierender Ausflug ins Wunderland

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Fliegende Dominosteine und Würfel, überdimensionale Schnecken, unsichtbare Katzen und jede Menge Technik. „Alice: Madness Returns“ spielt die ersten Spielminuten noch im klassischen Wunderland. Dann verändert sich jedoch einiges...

Die Geschichte um Alice im Wunderland bewegt Menschen seit über 140 Jahren. Zahlreiche Ansätze und Interpretationen wurden gefunden. Mit „Alice: Madness Returns“ stößt Entwickler American McGee nun zum zweiten Mal in den Wahnsinn vor. Von Jan Schmitt

Alice Liddell ist psychisch krank – das sagt man zumindest. Das Mädchen, das von grausamen Visionen rund ums Wunderland gequält wird, lebt in einem Heim für verwahrloste Kinder im London, nachdem ihre Eltern bei einem Hausbrand ums Leben kamen und sie sich die Schuld für das Unglück gibt. Die Therapieansätze von zahlreichen Psychologen brachten kaum Erfolg, immer wieder fällt die junge Frau in alte Muster zurück und erschrickt vor den Bildern, die sich ihr bieten. Nachdem sie einer weißen Katze quer durch London folgte, fällt sie jedoch wieder. Tief und tiefer, bis mitten hinein ins Wunderland. Nein, nicht das Disney-Wunderland, mit dem Johnny-Depp-Hutmacher und flauschiger Grinsekatze, eher eine düstere, dunkle Version davon.

Sinkt die Lebensenergie von Alice, so kann sie in Hysterie verfallen und kräftiger austeilen. Jeder besiegte Gegner gewährt zudem neue Lebensenergie.

Das fängt schon mit der erwähnten Grinsekatze an. In „Alice: Madness Returns“ ist sie nicht flauschig, nicht freundlich, nicht süß oder gar harmlos. Vielmehr grotesk dünn und zerfleddert, mit blutigen Resten zwischen den Zähnen, Tattoos am ganzen Körper und einem diabolischen Grinsen. Wie in anderen Versionen der Wunderlands-Geschichte taucht sie zwar auch überall auf, doch ihre Ratschläge sind boshaft, zynisch, abweisend. Fast könnte man meinen sie steht für die Veränderung, die durch das Wunderland geht. Statt grünen Dschungel- und Waldlandschaften scheint auch hier die Industrialisierung eingesetzt zu haben. Tödliches Öl sprudelt überall hervor, fliegende, libellenartige „Schraubellen“ attackieren Alice und statt Blumen gibt es Zahnräder, Blech, eine Menge Mechanik.

Nicht immer düster - doch Spannung eher im Hintergrund

Ob groß oder klein. Alice muss sich oft im Wunderland beweisen. Mal schrumpft sie auf Knopfdruck, dann ist plötzlich alles andere winzig - hier beispielsweise die Kartensoldaten.

Es ist dieser dunkle, alternative Stil, gepaart mit der durchaus interessanten Geschichte rund um die Veränderung des Wunderlands in Kombination mit der Vergangenheit von Alice, die das Spiel so interessant machen. Mal hüpft man durch Schmieden, mal besucht man staubige Täler mit bösartigen „GeschIrren“ (einer Art Kobold mit überdimensionalen Geschirrteilen), mal fährt man mit der Teekannen-Seilbahn des Hutmachers oder springt über riesige Spielkarten inmitten der Wolken. „Madness Returns“ ist nicht immer düster, nicht immer ernst – doch eine stetige Spannung befindet sich immer im Hintergrund. Was mache ich hier? Was passiert mit mir? Auf was für geistige Abgründe werde ich stoßen?

Staub, zerfallene Gebäude, Rauchschwaden und rostige Maschinen. Das Wunderland verfällt - doch warum? Was hat Alice Vergangenheit damit zu tun?

Rein spielerisch hätte man allerdings mehr aus dem Titel machen können. In bester Action-Adventure Manier springt Alice durch die Level, sammelt Zähne, Flaschen, Schweineschnauzen und Erinnerungen, investiert in Waffenupgrades und setzt diese dann gegen die zahlreichen Gegner ein. Kämpfende Teekannen sind ebenso Standardgegner wie riesige kämpfende Ölbrocken mit Babymasken. Besonders auf dem PC fällt hier die suboptimale Steuerung auf. Oftmals reicht auch der Doppel- oder Dreifachsprung nicht um die rettende Plattform zu erreichen, weil man nicht hundertprozentig genau absprang. Auch ist es durchaus umständlich ständig per Tastendruck die Gegner anzuvisieren, ehe man mit dem riesigen Messer auf sie eindrischt. Das hätte besser gehen können und kostet das Spiel eine Menge Sympathiepunkte.

Wer Entdeckungstouren mag, der hat seine Freude

Alice: Madness Returns

Ab 16 Jahren

Erhältlich für: PC, PS3, 360 Homepage

Wer Entdeckungstouren mag, der wird mit dem Titel seine reinste Freude haben. Per Tastendruck schrumpft Alice und deckt geheime Wege und Hinweise auf, ein weiterer Tastendruck platziert eine kleine Bombe um Geheimwege frei zu sprengen und wer mit der Steuerung klar kommt, erreicht auch so manche geheime Plattform. Doch was, wenn man alles gefunden hat? Das Spiel besteht hauptsächlich aus Sprungeinlagen. Da müssen Schalter umgelegt, Ventile geöffnet und zur richtigen Zeit gesprungen werden. Dann wird wieder gekämpft, ausgewichen, Geschosse mit dem Regenschirm zurückgeschlagen. Einen wirklichen Wiederspielwert hat das rund zehnstündige Abenteuer damit nicht. Einen Mehrspielermodus gibt es auch nicht. Wirklich empfehlenswert ist der Titel somit nur Spielern, die auf das abgedrehte Szenario, den bösen Humor und das klassische, wenn auch dezent fehlerbeladene Spieldesign stehen. Alle anderen sparen sich das Geld und reisen in ihr eigenes Wunderland.

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