Schwächelnder Spionage-Thriller: Alpha Protocol

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Trotz einer tollen Idee und Geschichte kann Alpha Protocol nicht komplett überzeugen. Zu viele Ecken und Kanten trüben den Spielspaß.

Michael Thorton hat ein Problem: Er kann niemandem vertrauen. Denn Michael Thorton ist Agent und Protagonist des Agenten-Spionage-Rollenspiels „Alpha Protocol". Ganz im Stile von Serien wie „24" oder dem Spieleklassiker „Deus Ex" wird hier gelauscht, geschlichen und geschossen. Von Jan Schmitt

In Dialogen drängt ein stetig ablaufender Zeitbalken zur Eile. Je nach Antwort unterscheidet sich der Spielverlauf.

Der normale, moderne Bürger hat ein Leben voller Entscheidungen: RTL oder Pro7? Ehefrau oder Geliebte? Currywurst mit Pommes oder Lachshäppchen? Public Viewing oder heimischer Fernseher? Jede Entscheidung kann kleine oder große Auswirkungen haben. Lässt die Wahl des Fernsehsenders vielleicht ein neues Hobby entdecken, so zerstört die Wahl für die Geliebte eventuell die Ehe und schafft somit eine komplett andere Lebensgrundlage. In „Alpha Protocol" ist das ähnlich. Je nach eigenen Vorlieben und der daraus resultierenden Vorgehensweise können andere Vorteile und Probleme auftauchen und das Spiel sich verändern. Bin ich lieber nett zu Personen, vertraue ihnen und komme damit an (vielleicht falsche) Informationen? Oder bedrohe ich meine Gesprächspartner lieber mit allerhand Waffen, erhobenen Fäusten oder Alltagsgegenständen, um sie einzuschüchtern?

Entscheidungen folgen Entscheidungen

Wie man sich auch entscheidet: Trauen kann man in diesem Spiel niemanden. Gut und Böse gibt es nicht, nur Graustufen - und aus so mancher vermeintlich guten Tat kann auch etwas böses entstehen. Besonders in den zahlreichen, ausufernden Gesprächen ist es kaum möglich, einen idealen Verlauf zu erreichen, denn einerseits tickt die Uhr und andererseits entscheidet schon der Gesprächsbeginn über den weiteren Verlauf. Je nach Auswahl der Handlung/Stimmung reagiert man anders auf den Spieler, bietet Hilfe an oder will ihm an die Gurgel gehen. Das ist atmosphärisch und passt wundervoll in die Story rund um eine globale Verschwörung, die unter anderem nach Saudi Arabien und Moskau führt.

Die Aufträge führen durch die ganze Welt. Egal ob Moskau oder Saudi Arabien - überall fliegen die Kugeln.

Bevor man jedoch in die Welt der Spionage einsteigt, wartet schon die erste Entscheidung auf uns. Eine Charakterklasse soll gewählt werden. Je nachdem, wie man sich entscheidet stehen Thorton unterschiedliche Fertigkeiten zur Verfügung. Agenten schleichen, können sich kurz lautlos bewegen und sind gut im Nahkampf, Söldner bevorzugen dafür die brachialere Art und schießen sich durch die Missionen. Nach dem ersten Einsatz lässt sich die Spezialisierung übrigens verfeinern. Das ganze Potential der verschiedenen Klassen nutzt „Alpha Protocol" jedoch nicht. Zwar ist es durchaus möglich, die meisten Einsätze auf leiser Sohle zu erledigen, allerdings sind die computergesteuerten Gegenspieler schlichtweg dumm und lassen sich viel einfacher niederschießen. Abgesehen davon arten manche Aufträge ohne Punkte in Waffentalenten in schierer Hektik aus - beispielsweise, wenn die Titelfigur jemanden beschützen soll.

Die Gefechte im Spiel sind gewöhnungsbedürfig. Das liegt einerseits an den dummen Gegnern, andererseits jedoch auch am Zielsystem.

Über die Ausrüstung entscheidet der Spieler selbst. Der Waffenschrank bietet zahlreiche Schießeisen. Während man auswählt, lassen sich über ein Terminal kostenpflichtige Zusatzinformationen zu bevorstehenden Aufträgen abrufen. Zusätzlich werden Mini-Aufträge erteilt. Wer dann einen geheimen Weg findet, alle Safes ausräumt oder einen Rechner mehr hackt, hat vorerst keine finanziellen Probleme mehr - es lohnt sich also. Die Mini Spiele langweilen jedoch schnell, da sie sich zu oft wiederholen.

Alpha Protocol

Ab 16 Jahren Erhältlich für: PC, PS3, Xbox360

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Auch wenn die Grafik ziemlich altbacken und die Animationen absolut grausig sind, so kann „Alpha Protocol" durchaus unterhalten. Das liegt an den toll vertonten (englischen) Dialogen, der recht guten Inszenierung, der jedoch große Höhepunkte fehlen, und eben den Entscheidungen. Wer „Mass Effect 2" noch nicht kennt und mit der Shooter-Fokusierung leben kann, der greift lieber zum Produkt von Bioware. Alle anderen können sich „Alpha Protocol" zumindest einmal anschauen - und entscheiden.

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