Schönes Rollenspiel mit spielerischen Abgründen

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Es ist da! Das neue „Gothic“ heisst „Arcania“ und bricht mit vielen Tugenden um einsteigerfreundlicher zu werden. Alte Serienfreunde verschreckt es dabei leider.

Ein neuer Entwickler, ein neuer Hauptcharakter, eine neue Kampfmechanik und eine neue Grafikengine. Das Rollenspiel „Arcania: Gothic 4“ wagt viele ungewohnte Schritte und verärgert damit nicht nur Fans der Vorgänger. Ist das Abenteuer der Untergang einer grandiosen Serie? Von Jan Schmitt

Die Fangemeinde der „Gothic“-Spielereihe ist riesig. Die Mischung aus einer realistischen, dunklen Fantasywelt mit harten Sprüchen, markantem namenlosen Helden, einer lebendig erscheinenden Fauna und zahlreichen Fraktionen sorgte dafür, dass die Titel über die Jahre an Beliebtheit gewannen. Während die meisten Entwicklerstudios ihre Rollenspiele mit glänzenden Rittern, holden Maiden, bösen Drachen, einer klaren Gut-Böse-Trennung und saftig grünen Wäldern schmückten, ging „Gothic“-Entwickler Piranha Bytes in die entgegengesetzte Richtung. Der Held war ein Namenloser, ein Strafgefangener; einer, der ganz unten beginnt und sich im Laufe der Zeit immer weiter nach oben arbeitet.

Die zahlreichen Höhlen, Kavernen und Keller sind zwar auf den ersten Blick schön gestaltet, wiederholen sich jedoch oft und unterscheiden sich kaum.

Soviel hat der Namenlose getan. Die magische Gefängnisbarriere zerstört, den Schläferdämon besiegt, sich Gemeinschaften angeschlossen, Freunde gefunden, Drachen erledigt, Kräuter gepflückt, gejagt, geholfen, geschimpft, beleidigt, gedroht, geprügelt und getötet hat. Oft schüchterte man andere Charaktere ein. Vom Bauern bis hin zum edlen Paladin, vom Alchimisten bis zum Schmied. Jeder, der einmal Hand an die ersten beiden Teile der Serie legte, hat eigene Geschichten zu erzählen, denn „Gothic“ stand vor allem für eines: Freiheit. Der eigene Entdeckerdrang wurde nur durch stärkere Gegner begrenzt und die eigene Heldenausrichtung nur durch die Fertigkeitspunkte der eigenen Stufe. Mit „Gothic 3“ schwand die Qualität langsam und hinterließ eine fast leere Welt, die hauptsächlich von Programmfehlern durchzogen war. Was ist nun also mit Teil 4?

Der namenlose Held ist nicht mehr dort, wo er mal war

Überall in der Welt lassen sich Pflanzen finden und pflücken - und dabei kommt sogar das alte Gothic-Gefühl auf. Doch angewiesen ist man auf das Grünzeug fast nie.

„Gothic 4“ heißt „Arcania“ und wurde vom Entwicklerstudio Spellbound entworfen. Die Väter der Reihe sind also nicht mehr mit an Bord und Spellbound zeichnete sich bisher im Rollenspielgenre in der Regel durch bunte Welten mit schnell einzuordnenden Charakteren aus. Der namenlose Held ist auch nicht mehr dort, wo er mal war. Anstatt vom Spieler erneut durch die Welt gesteuert zu werden, setzt sich der markante Kerl auf den Thron und regiert fortan das Reich als König Rhobar III. Der neue Held, ein weichlich aussehender Hirtenjunge tritt in seine Fußstapfen und gerät mit Rhobar in Konflikt. Der König schickt nämlich seine Truppen auf die Insel des neuen Helden und lässt das Dorf niederschießen. Verlobte Ivy stirbt und der Held will Rache - wer hätte es erwartet.

Warum gibt es Spanferkel zur Hungersnot

Manche Gebiete erwecken noch den alten Charme. Dreckig, düster, heruntergekommen, realistisch. Doch der Fehler liegt im Detail verborgen.

Die Geschichte ist ein Teil des Spiels, der quasi zu vernachlässigen ist. Schon im Tutorial fehlen wichtige Informationen, die den Spieler in die Welt hineinziehen könnten. „Warum muss ich das nun tun?“ und „Wer ist dieser Typ, der mir so feindlich gesonnen ist?“ sind Fragen, die schon in den ersten Minuten aufkommen, jedoch nie beantwortet werden. Später wird die Story zudem ein wenig konfus und nicht gerade origineller. Wett machen, könnte „Arcania“ das durch eine realistische Welt mit Charakteren, die glaubwürdig agieren, einen Tagesablauf besitzen und zahlreichen Rollenspielobjekten als Atmosphärebringer. Doch das tut es nicht. Die Gespräche laufen zwar mit gewohnt hartem Klang ab, die Sprecher sind jedoch oft unpassend gewählt. Einen Tagesablauf gibt es nicht. Zwar ändert sich die Tageszeit, aber auch mitten in der Nacht steht der Händler noch in seinem Laden und der Bauer auf seinem Feld. Rollenspielobjekte sind zwar vorhanden, jedoch oft irrsinnig. Warum brät da ein unberührtes, unbewachtes Spanferkel über dem Feuer, wenn doch angeblich eine Hungersnot ausgebrochen ist? Warum kann ich mich zwar in Betten legen, nicht aber schlafen?

Gute Grafik aber hohe Anforderungen

Spieler der „Gothic“-Reihe denken spätestens jetzt an benutzbare Musikinstrumente und Wasserpfeifen, abendliche Treffen mit bekannten Charakteren am Lagerfeuer und eine insgesamt glaubwürdige Welt zurück. Das ist „Arcania“ alles nicht. Selbst wenn man die Vorgänger komplett außer Acht lässt, ist der Titel kein wirklich gutes Spiel. Zwar erweckt die Grafik das eine oder andere Staunen, lässt Ausblicke genießen und Wetterwechsel verfolgen, die Hardwareanforderungen sind dagegen extrem. Auf der Xbox 360 plagt das Spiel gar heftige Ruckler und Aussetzer. Musik und Geräusche sind da schon besser, die Sprecher reißen den Eindruck jedoch wieder herum. Die Steuerung geht immerhin gut von der Hand.

Die Jagd mit dem Bogen bringt Fleisch und Felle. Wildschweine sind - im Gegensatz zu Gothic 3 - aber recht harmlos und lassen sich durch stupides klicken erledigen.

Auch an anderen Stellen kann der Titel nicht punkten. Das Kampfsystem wird mangels Vielfalt zur stupiden Klickerei, die Heldenentwicklung besteht aus der Auswahl zwischen belanglosen Fähigkeiten und Werten. Zauber lassen sich beispielsweise nur in drei Kategorien erlernen. Je weiter ausgebildet der Spruch, desto mächtiger. Die Aufträge wirken hin geklatscht, selbst Titel wie „World of Warcraft“ bieten mehr Abwechslung und Spannung. Beim stehlen droht keine Strafe und die NPCs lassen sich mangels unterschiedlichen Charaktermodellen selten voneinander unterscheiden. Das mag über große Distanzen okay sein, wenn der wichtige Questgeber aber aussieht, wie die Wache direkt daneben, dann nagt das am Realismus.

Arcania: Gothic 4

Ab 12 Jahren

Erhältlich für: PC, 360 Homepage

Man könnte viel über „Arcania: Gothic 4“ sagen und versuchen, mehr positive Aspekte aus dem Spieldesign zu kitzeln. Je mehr man jedoch forscht, desto schneller wird klar, dass die negativen Spielinhalte klar überwiegen. Fans der „Gothic“-Reihe greifen lieber nochmals zu „Gothic 2“, alle anderen können sich an „Risen“ versuchen, dem neusten Titel von Piranha Bytes und inoffiziellen Nachfolger von „Gothic 3“.

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