Zurück im Zeitalter des Drachen

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Templer gegen Magier, dann noch die Bedrohung durch das fremde Volk, dass sich seit Jahren im Hafen aufhält - in „Dragon Age 2" gibt es allerlei Konfliktpotential.

Ein neuer Held, eine neue Stadt, eine alte Bedrohung und eine veränderte Spielmechanik - der Nachfolger zum epischen Rollenspiel „Dragon Age: Origins“ bricht mit vielen Erfolgsgaranten und erzählt die Geschichte eines bisher unbekannten Streiters. Kann das klappen? Von Jan Schmitt

Über dutzende Stunden haben wir unseren Recken aufgezogen. Den jungen Elfen des naturverbundenen Dalish-Clans zum Grauen Wächter gemacht, die dunkle Brut bekämpft, einen neuen König auf dem Thron platziert, uns mit einer Hexe vergnügt und gemeinsam mit einem eingeschworenem Team schlussendlich den drachenähnlichen Erzdämon besiegt. Wir haben stundenlang Gespräche geführt, gelacht, gehadert, Blut vergossen und uns den Feinden mit Taktik und Präzision genähert. Wir haben unsere Begleiter ausgerüstet - mit Schwertern, Dolchen, Bögen, Helmen, Stiefeln, Brustpanzern und allerlei Kleinod, haben ihnen Geschenke gemacht um ihre Gunst zu erlangen und ihnen bei allerlei Problemen geholfen. Kurz: Wir hatten eine Menge Spaß.

War das Hauptabenteuer von „Dragon Age: Origins“ beendet, so führten wir unseren Helden mit dem Zusatzpaket „Awakening“ erneut in dunkle Schächte, zerstörte Städte, atmosphärische Gasthäuser und auf weite Felder. Wir erlebten ein weiteres Abenteuer, hingen am Schicksal unserer Gefährten und des eigenen Helden. Kurz: Wir hatten Spaß.

Begleiter - wie hier Elfe Merryl - fordern oft Hilfe bei eigenen Aufgaben. Wirklich charakterstark wirken sie aber nie - sie bleiben leere Hüllen.

Nun erschien „Dragon Age 2“ und nimmt uns alles. Unser Held? Geschichte! Legende! Man hört noch ab und an von seinen Taten, doch in Erscheinung tritt er nicht - und spielen können wir ihn schon gar nicht. Unsere Begleiter? Fast alle verschwunden oder nur in kleineren Nebenrollen vorhanden. Die alte Welt? Lothering, Denerim, der Magierturm - sie alle werden zwar ab und an erwähnt, können jedoch nicht besucht werden. Startet man das Spiel, so bekommt man zu Beginn fast das Gefühl eines komplett anderen Titels vermittelt. Denn vieles wirkt zwar bekannt, wurde jedoch teils drastisch verändert. „Dragon Age 2“ ist ein waschechtes Rollenspiel - und nicht einmal ein schlechtes - doch mit dem Vorgänger kann es nicht mithalten.

Das festgelegte alter Ego

Zu Spielbeginn steht die Charaktererstellung an. Die Wahl zwischen verschiedenen Völkern (und damit Einstiegsgeschichten) ist zwar nicht mehr gegeben, jedoch lässt sich zwischen drei Klassen - Magier, Schurke und Krieger -, sowie dem Geschlecht entscheiden. Wer möchte, der bastelt sich im Gesichtseditor noch seinen Nachbarn, Chef, Chemielehrer oder die Frau vom Supermarkt nach, die Möglichkeiten sind jedenfalls vielfältig und erlauben auch kleinere Justierungen. Stimme und Name des Protagonisten lassen sich jedoch nicht verändern. Sprach der Held im ersten „Dragon Age“ überhaupt nicht, trug einen selbst ausgewählten Namen und wirkte von Haus aus recht charakterlos, so hört der neue Akteur auf den Namen „Hawke“ und quasselt wie ein Weltmeister.

Durch Stufenanstiege gewinnen wir Erfahrung, die wir wiederrum in Talente unserer Helden investieren. Spürbar sind diese jedoch selten.

Die Geschichte des Abenteuers wird vom zwergischen Mitstreiter des Helden erzählt. Der schurkische Armbrustschütze Varric präsentiert seine ganz eigene Version der Geschehnisse einer mysteriösen Sucherin der Templer. Im Laufe der rund fünfzehnstündigen Hauptgeschichte bekommt der Spieler von der Erzählstruktur allerdings kaum etwas mit, nur wenige Male lauscht man wirklich der Stimme des Zwergs. Das hätte man besser machen können, zeigt Varric doch direkt zu Beginn des Spiels gleich, was für Qualitäten eine halb erfundene Geschichte haben kann.

Action am laufenden Band

Schon in den ersten Spielminuten werden Schwerter geschwungen, hunderte Wesen der dunklen Brut zerteilt und gar ein Oger gefällt. Als dann noch ein Drache auftaucht, greift die Sucherin - übrigens das einzige Mal - in die Geschichte ein und beschuldigt den Erzähler der Lügen. Viel besser wird es allerdings nicht: Die recht belanglose und vorhersehbare Story rund um Eindringlinge eines anderen Volkes im Stadtstaat Kirkwall und der innerstädtische Konflikt zwischen Templern und Magiern dümpelt die größte Zeit vor sich hin. Teil 1 der geplanten Trilogie war da spannender.

Die Kamera ist oft unvorteilhaft. Weit herauszoomen ist nicht mehr möglich - Effekte verdecken zudem wichtige Personen.

Zusammen mit der Familie in Kirkwall angekommen, steht Protagonist Hawke vor einem Meer an Aufgaben. Mal müssen ein paar Sachen gefunden und zusammengetragen, mal Personen beschwatzt oder Gegner vertrieben werden. Fast jede Aufgabe besteht schlussendlich jedoch aus schierem Tastengehämmere, wenn es zu den Kämpfen kommt. Überall wird gekämpft. Zufallskämpfe in den Straßen der Stadt, Zufallskämpfe in den Häusern, in den Kellern, in der Umgebung. War es im ersten Teil noch notwendig die zahlreichen Fertigkeiten sinnvoll aneinanderzukoppeln um Schäden in den eigenen Reihen zu vermeiden, so besteht nun - dank verkleinerter Talentauswahl und höherer Abklingzeiten - kaum noch die Möglichkeit mit taktischer Raffinesse in die Kämpfe zu gehen. Kleinere Kämpfe kann man quasi von alleine ablaufen lassen.

Ein Kampf? Schon wieder?

Selbst bei größeren Gegnern und einem höheren Schwierigkeitsgrad besteht die Herausforderung allerdings größtenteils daraus genau zu koordinieren, wann welche Fertigkeit wieder einsatzbereit ist. Selbst mit hochgezüchteten Recken (und somit einer größeren Auswahl an Talenten) arbeitet man einfach immer wieder die gleichen wenigen Tasten ab, positioniert sich gut und wartet. Da sich die Kamera nicht mehr weit herauszoomen lässt, geht zudem die Übersicht verloren - immerhin agieren die computergesteuerten Begleiter dank auswählbaren Taktiken nachvollziehbar und intelligent. Im Test mussten wir nur selten Tote beklagen oder Heiltränke einsetzen.

Große Gegner, wie dieser Drache, tauchen immer an Stellen auf, an denen man es erwartet. Große Plätze sind quasi ein sicheres Zeichen.

Die große Stärke des Erstlings waren allerdings nicht die taktischen Kämpfe, sondern die Interaktion mit den Gruppenmitgliedern und die Gespräche. Letztere lassen sich nun ähnlich wie in „Mass Effect 2“ abhalten. Per Multiple-Choice-Verfahren stehen verschiedene Antwortmöglichkeiten, symbolisiert mit kleinen Icons, zur Auswahl. So lässt sich blitzschnell entscheiden, ob man eher sarkastisch, wütend, charmant oder gutherzig antworten möchte. Alternativ lassen sich auch ab und an Gefährten in die Gespräche einspannen oder auf früher gewonnene Informationen zurückgreifen. Alle Dialoge sind dabei gut vertont, Aussetzer (wie englische Sprachausgabe oder Männer mit weiblicher Stimme) sind selten.

Gewisse Individualität geht verloren

Die Interaktion mit den Gefährten leidet jedoch am neuen Spielsystem. Durch die Dreiteilung der Story wäre es möglich gewesen jeden Charakter sich individuell entwickeln zu lassen. Doch so wirkt es kaum. Der aus dem Vorgänger bekannte Magier Anders ist nach sechs Jahren immer noch genau derselbe, Piratenbraut Isabela bleibt flach, Varric geht ebenfalls unter. Die mehrmals auftretenden Aufträge zu den Gefährten sind schlussendlich nichts besonderes, sie bringen den Charakter kaum näher, lassen ihn stereotyp bleiben. Da sich die Begleiter zudem nicht mit Rüstungen schmücken lassen, geht eine gewisse Individualität verloren. Waffen lassen sich austauschen, Schmuck auch - aber mitbekommen tut man davon kaum etwas.

Dragon Age 2

Ab 18 Jahren

Erhältlich für: PC, PS3, 360 Homepage

Schlussendlich ist „Dragon Age 2“ ein Spiel, dass zwar durchaus unterhalten kann - doch gegen den Vorgänger geht es gnadenlos unter. Die Grafik hat sich beinahe nicht weiterentwickelt, die Kämpfe und Talentbäume wurden entschlackt, die Ausrüstungsoptionen minimalisiert, die Steuerung mehr auf Action getrimmt und die Charakterentwicklung vernachlässigt. Für kleines Geld ist die Anschaffung definitiv keine schlechte - aber als Vollpreistitel taugt der Titel kaum.

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