Nukleare Zockerhölle mit allerlei Humor

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Eine Wüste, seltsame Waffen, Bunker und viel viel Humor. Mit „Fallout: New Vegas" erreicht erneut ein Rollenspielhighlight die Spieler.

Der US-Bundesstaat Nevada gilt als ehemaliges Atombomben-Testgebiet. Die „Fallout“-Spielereihe dreht sich um ein „Was-wäre-wenn?"-Universum mit nuklearem Konflikt in den 60er Jahren. Mit „Fallout: New Vegas" verschmilzt nun beides zur nuklearen Zockerhölle mit allerlei Morbiditäten. Von Jan Schmitt

So ein Leben in einem atomverseuchten Staat ist schon nicht einfach. Geschlafen wird auf alten Matratzen, Insekten in der Größe eines Hundes machen einem das Leben schwer, über dem Lagerfeuer braten geröstete Eichhörnchen und nicht einmal duschen kann man, ohne sich noch mehr zu verstrahlen. Noch dazu finden sich überall mutierte Lebewesen - von der zweiköpfigen Kuh bis zum Nachtvolk, dass sich bei Bedarf unsichtbar machen kann - und rivalisierende Banden schießen sich im Stundentakt über den Haufen.

„Fallout: New Vegas“ ist eine Mischung aus Rollenspiel und Shooter. Ein Spiel, das sich selbst nicht so ernst nimmt und mit skurrilen Charakteren, interessanten Erfindungen und einer Menge Morbidität die Herzen der Spieler gewinnt. Doch das gelang „Fallout 3“ auch schon. Was macht der neue Teil also anders?

In Novac, einem kleinen Örtchen mitten in der Wüste, sitzen Scharfschützen im Maul eines riesigen Deko-Dinos. Geschossen wird in „Fallout: New Vegas" aber sowieso ständig.

Die Technik ist es schon einmal nicht. Spieler des Vorgängers finden ohne Probleme sofort wieder ins Spielgeschehen, denn die Steuerung wurde haargenau übernommen. Ebenso das Interface, das hauptsächlich durch den Pip-Boy, einem kleinen Computer am Handgelenk der Spielfigur, dargestellt wird. Selbst die Grafik erhielt nur minimale Verbesserungen und lässt sich auf den ersten Blick nicht von der - damals schon veralteten - Engine des Vorgängers unterscheiden. Doch die Technik war es auch nie, die die Spielereihe interessant werden ließ. Anders, als bei Shooter-Kollege „Crysis“, legt man hier den Fokus auf Geschichte, Rollenspielelemente, Spielfluss und Entdeckerdrang - und das funktioniert wunderbar. Abgesehen davon bleiben die Hardwareanforderungen gering und Bildrateneinbrüche auf den Konsolen bleiben glücklicherweise auch aus.

Die Gesprächspartner sind teilweise sehr kurios. Hier bedroht uns ein Mann mit seinem "Pieksemesser"

„Fallout 3“ begann mit der Geburt. In den ersten Spielminuten öffnen wir die Augen, lernen laufen, nehmen an unserer Geburtstagsfeier teil und absolvieren einen Eignungstest. Erst dann treten wir ins atomverseuchte Ödland der Vereinigten Staaten. „Fallout: New Vegas“ geht in die entgegengesetzte Richtung. Zu Spielbeginn werden wir erst einmal ermordet. Kopfschuss. Tod. Vergraben. Schwarzer Bildschirm. Einige Augenblicke später kommt jedoch Licht ins Dunkel. Ein älterer Mann steht über uns, spricht sanftmütig und hilft uns aufzusitzen. Doch er ist nicht Gott und wir sind auch nicht im Paradies. Nein, wir leben noch und schenkt man den Erzählungen des Mannes Glauben, so hat er uns wieder zusammengeflickt, nachdem ein Roboter uns ausgegraben hatte. Wir können uns daran nur nicht mehr erinnern.

Amnesie - die beliebteste Ausrede der Spiele-Entwickler. Per Spiegel, den man uns vor die Nase hält, wählen wir aus, wie wir Aussehen wollen. Mann oder Frau? Asiate oder Europäer? Irokesenfrisur oder Kurzhaarschnitt? Danach ein Fertigkeitstraining. Was können wir besonders gut, was gar nicht? Sind wir charismatisch und intelligent oder ausdauernd, beweglich und stark? Können wir besonders gut Schlösser knacken, schleichen, sprechen oder mit allerlei Waffen umgehen? Unsere Auswahl bestimmt maßgeblich unseren Spielstil in den nächsten 30 bis 80 Stunden Spielzeit.

Der Anfang verläuft stockend

Doch was macht man so, wenn man von den Toten auferstanden ist, nichts mehr aus seinem früheren Leben weiß und der Doktor scheinbar keinen Gefallen an einem längeren Aufenthalt in seinem heruntergekommenen Holzhaus hat? Auf die Frage, wer wohl auf uns geschossen hat, antwortet er mit einem Schulterzucken, wir sollen doch mal im anliegenden Dorf fragen. Also begeben wir uns auf eine Reise. Eine Reise voller Gefahren und mit dem Ziel, die Person zu finden, die uns eine Kugel in den Schädel jagte.

Direkt nach New Vegas kommt man erst etwas später im Spielverlauf. Umso größer ist jedoch die Freude, wenn man das erste Mal an den zahlreichen Spieltischen steht.

Zugegeben, die Geschichte von „Fallout: New Vegas“ ist nicht sonderlich einfallsreich und die ersten Spielstunden im neuen Nuklear-Abenteuer kommen nur langsam in Fahrt, doch noch immer klappt das grundlegende Spielprinzip. Wie eh und je spielt das Spiel in einem Paralleluniversum, dass sich in den 60er Jahren von der realen Welt abkapselte. Im „Fallout“-Universum sprangen die Regierungen und Bürger auf die Atom-Schiene auf und produzierten quasi alles mit Atomkraft. Als dann schließlich ein nuklearer Krieg die ganze Welt verwüstete, überlebten nur diejenigen, die sich in Schutzbunker, so genannte „Vaults“ zurückzogen. Nach Ende des großen Krieges kamen die Menschen langsam wieder aus ihren Schutzhüllen, gründeten neue Siedlungen und kämpften fortan ums nackte Überleben. In „New Vegas“ schlüpft der Spieler nun also in die Haut eines niedergeschossenen Boten und bereist nach und nach einen Großteil des Bundesstaates Nevada - samt neu errichtetem Las Vegas.

Wie der Spieler dabei vorgeht ist seine Sache. In jeder Ecke der riesigen Spielwelt gibt es etwas zu sehen. Mal eine Siedlung, mal eine Vault, mal Höhlen, notdürftige Unterkünfte, Militärbasen, Raketenlager oder ähnliches. An diesen Orten werden Gegenstände gesammelt, bis die eigene Tragekapazität erreicht ist. Besonders zu Spielbeginn können selbst alte Dosen, Baseballhandschuhe oder anderer Müll für genug Geld (hier: Kronkorken) sorgen, um überhaupt über die Runden zu kommen. Die gesammelten (oder gestohlenen) Gegenstände werden schließlich verkauft oder selbst benutzt. Stimpacks oder Arzttasche heilen Wunden und Verkrüppelungen, Drogen und Alkohol sorgen für Zustandsveränderungen mit Vor- und Nachteilen, Nahrung liefert Energie, aber steigert oft die eigene Radioaktivitätsbelastung und Waffen und Rüstungen dienen als Argumentverstärkung.

Im V.A.T.S-Modus lassen sich Trefferzonen von Gegnern anpeilen und diese so mehr oder weniger genau beschädigen. Sogar Waffen lassen sich aufs Korn nehmen.

Kommt es zum Konflikt, so kann ganz wie in normalen Shootern in Echtzeit geballert oder der V.A.T.S-Modus aktiviert werden. Letzterer friert das Spiel ein und lässt bestimmte Körperteile des Gegners anvisieren. So können Waffen aus der Hand oder direkt auf den Kopf geschossen werden. Per Knopfdruck setzt das Spielgeschehen schließlich wieder ein und der eigene Charakter schießt, wirft oder schlägt auf die angewiesenen Punkte. Besiegte Gegner gewähren Beute und Erfahrung. Letztere führt mit der Zeit zu Stufenaufstiegen, die Fertigkeitserhöhungen oder spezielle Boni freischalten. Wer einen besonders hohen Wert in Sprengstoff hat, der kann Minen und Fallen entschärfen. Spieler mit hoher Dietrichfertigkeit knacken komplizierte Schlösser, eine hohe Wissenschaftsfertigkeit garantiert Hacking-Künste. Je nach Startfertigkeiten und eigenem Fokus lässt sich der Charakter so nach den eigenen Wünschen anpassen. Wer das komplette Spiel ohne einen getöteten Gegner absolvieren will, der setzt beispielsweise viele Punkte in Sprachfertigkeiten, Schleichen und Überleben.

Aufgaben lassen Entscheidungsfreiheit

Die über hundert Aufträge, die im Ödland auf den Spieler warten, lassen sich dementsprechend auch auf vielfältige Weise lösen. So sollen wir beispielsweise relativ zu Beginn einen neuen Sheriff für eine kleine Stadt besorgen. Wer sich gut mit Technik auskennt, der programmiert nun einfach einen der alten Roboter um und ernennt diesen zum Gesetzeshüter. Alternativ lässt sich auch eine Militärfraktion überreden, die Stadt einzunehmen oder - die brutalste Variante - ein Gefängnislager stürmen und einen gefangenen Ordnungshüter befreien. Die zahlreichen Fertigkeiten und Fraktionen sorgen für einen hohen Wiederspielwert und dank mehrerer möglicher Enden sowie einer Stufenbegrenzung motiviert das Spiel über Wochen, wenn nicht Monate.

Fallout New Vegas

Ab 18 Jahren Erhältlich für: PC, PS3, 360

Homepage

Wirklich jede Möglichkeit in „Fallout: New Vegas“ aufzuzählen ist unmöglich. In Kasinos lässt sich spielen, Begleiter lassen sich anwerben, zahlreiche Spezialfertigkeiten freischalten, hunderte Orte entdecken, Waffen und Kleidungsstücke sammeln, Munition basteln, Waffen aufrüsten, eigene Lebensmittel herstellen, Tiere jagen und im „Hardcore“-Modus muss sogar regelmäßig geschlafen, gegessen und getrunken werden. Das Spiel ist schlichtweg so komplex, dass sich auch einige Programmfehler einschlichen. Da stehen Gegenstände in der Luft oder zurückgeschickte Begleiter legen plötzlich die feindliche Basis in Schutt und Asche, ab und zu stürzt sogar das komplette Spiel ab. Dennoch ist der Titel definitiv einen Blick wert. Selbst Shooter-Hasser könnten dank der vielfältigen Optionen ihren Spaß haben.

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