Junge Klosterschülerin auf dem Pfad des Wahnsinns

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Schon zum Start von „Harveys neue Augen“ wird Lilly ermahnt. Dabei besteht die erste Aufgabe des Adventures nur darin das Laub vom Weg zu entfernen.

Das kleine, blonde Schulmädchen Lilly ist alles andere als die typische Protagonistin eines PC-Spiels. Doch die ruhige Schülerin mit den blonden Zöpfen und der rosa Schleife hat ein unglaubliches Talent dafür ihre Mitschüler verschwinden zu lassen... Von Jan Schmitt

Es ist ein Schocker in diversen Horrorfilmen und Gruselgeschichten: Ein kleines Mädchen, das Tod und Verderben bringt. Egal ob es in „The Ring“ aus dem Fernseher krabbelt oder Seil springend von Massenmörder Freddy spricht. Selbst in der PC-Spiel-Reihe „Fear“ zieht dieser Trend ein. Hier fliegen sogar Körperteile und es verschwinden ganze Spezialeinheiten. Doch Lilly aus „Harveys neue Augen“ ist da anders. Im Schulmädchenoutfit kehrt sie Blätter im bunten Klostergarten zusammen, lockt Termiten von Schaukelbäumen oder gräbt die Beete um. Lilly ist kein kleines Mädchen, das Angst und Schrecken verbreitet. Lilly ist kein Mädchen, das gerne Schaden anrichtet. Lilly will nur die Regeln befolgen und Gutes tun. Denn wer die Regeln befolgt, muss ja nichts befürchten...

In einer alten Kammer der Klosterschule stößt Lilly auf ihren Geschichtslehrer, der ein wenig vergesslich ist und nur für den Unterricht vom Haken genommen wird. Lilly soll ihm natürlich helfen.

Doch die junge Blondine hat auch ein Problem: Sie ist schusselig. Aufgaben, die ihr übertragen werden, versucht sie zwar mit vollem Elan zu lösen, irgendwie gelingt ihr die Ausführung aber nie so richtig. So schafft sie es zwar, die Termiten vom Schaukelbaum zu locken, allerdings lassen sich diese nicht dauerhaft in der Komposttonne halten und folgen einer klebrigen Spur – direkt zu einem ihrer Mitschüler. Auch das Umgraben des Beetes läuft nicht so, wie es eigentlich laufen sollte. Nach einigen Schaufeln Erde stoßen Lilly und ihre einzige Freundin Edna auf eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie experimentieren mit dem Sprengzünder herum. Dieser wird daraufhin in einem alten Ofen entsorgt, der zufällig einem paranoiden Mitschüler als Versteck dient.

Synchronsprecher Götz Otto sorgt für den Humor

Der Erzähler (sehr gut vertont von Götz Otto) kommentiert dabei jede von Lillys Aktionen, erzählt ihre Gedanken und lässt immer wieder durchblicken, dass er viel lieber die Geschichte vom „grausamen Roboteropossum“ erzählt hätte, dies jedoch nicht könne, da „gerade zu viele Kinder vor den Monitoren sitzen“. Gerade dieser Erzähler ist es jedoch, der den Humor und die damit verbundene Motivation zum weiterspielen in „Harveys neue Augen“ bringt. Rein spielerisch ist das klassische Point&Click-Adventure nämlich weder sonderlich schwer, noch besonders lang. Bereits nach sechs bis acht Stunden sind rätselerfahrene Spieler an einem der drei Enden angelangt.

Im Polizeirevier muss Lilly den Polizisten davon überzeugen festgenommen zu werden. Doch da sie die zahlreichen Verbote nicht brechen möchte, ist das gar nicht so leicht.

Unterteilt ist das Abenteuer dabei in drei verschiedene Akte. Spielt der erste noch komplett in der anfänglich vollbesetzten Klosterschule, so geht es später in ein kleines Dorf, verschiedene Traumsequenzen und die aus „Edna bricht aus“ bekannte Irrenanstalt. Die Qualität sinkt dabei leider beständig. Während im ersten Akt langsam Lillys Mitschüler verschwinden und an ihrer Stelle  Zensur-Gnome auftauchen, die alles hübsch pink anmalen, sucht man solche Situationen später vergeblich.  Logikrätsel, wie das richtige Positionieren von Erinnerungsstützen oder das Navigieren eines Schamanen durch Höhlensysteme, lassen sich zudem auf Knopfdruck überspringen.

Lilly erstreitet sich die Rechte, Verbote zu umgehen

Der namensgebende Stoffhase Harvey spielt erst nach etwa der Hälfte der Spielzeit eine Rolle. Per Hypnose wechselt Lilly mit ihm in eine Traumwelt, um ihre eigenen moralischen Hürden zu überwinden. So beweist sie mit Hilfe eines Logikrätsels einer Justitia-Ausgabe Harveys, dass Lügen gut sind, woraufhin sich Justitia das Leben nimmt. Fortan darf Lilly lügen. Auf ähnliche Weise wird die Möglichkeit, mit spitzen Gegenständen umzugehen oder Erwachsenen zu widersprechen, freigeschaltet. Allerdings ist nur einer dieser „Freischeine“ zeitgleich nutzbar. Im Prinzip eine tolle Idee, um das Adventure ein wenig schwieriger zu machen – in der Umsetzung artet es jedoch nur in zusätzlicher Klickerei aus.

Der zweite Akt spielt hauptsächlich in einem kleinen Dorf. Dank dem blauen Stoffhasen Harvey ist es aber möglich in eine Art Parallelwelt zu reisen.

Rein technisch ist „Harveys neue Augen“ durchaus akzeptabel. Die Maus-Steuerung geht leicht von der Hand, ein Druck auf die Leertaste offenbart zudem alle Objekte mit denen man interagieren kann. Während sich die Auflösung in alle erdenkbaren Richtungen anpassen lässt, sorgt der minimalistische, detailarme Grafikstil samt zittriger Linien für gespaltene Meinungen. Ebenso verhält es sich mit der Soundkulisse. Effekte und Sprecher machen einen rundum gelungenen Eindruck, während die wenigen Musikstücke sich ständig wiederholen und Menschen mit schwachen Nerven in den Wahnsinn treiben.

Harveys neue Augen

Ab 12 Jahren

Erhältlich für: PC

Homepage

„Harveys neue Augen“ ist also kein Meilenstein des Adventure-Genres. Es fehlt an Höhenpunkten in der zweiten Spielhälfte, die Rätsel erreichen nicht das Niveau eines „The book of unwritten tales“ oder des Klassikers „Baphomets Fluch“, der Grafikstil mag nicht jedem gefallen und die Musik hat kein Ohrwurm-Potenzial. Doch das Spiel hat Humor und gute Sprecher – und diese Kombination kann die Spieler durchaus für Stunden an den Monitor fesseln. Wenn der Sprecher erwähnt, dass Lilly mal wieder etwas tut, das gegen alle Logik spricht und die Online-Rezensenten auf die Palme bringen wird; plötzlich ganz unerwartet wieder einmal die Zensurgnome auftauchen oder ein Schamane mit starkem Hang zur Online-Sprache („lol“, „brb“, „re“) in der Sonne brät, dann hat der Titel seine Höhepunkte und rechtfertigt den Anschaffungspreis.

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