Jagd nach dem Origami-Killer

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„Heavy Rain“ ist ein Spiel-Film der Extraklasse. Ein konstanter Spannungsfaden zieht sich durch das Spiel und fesselt somit förmlich vor den Bildschirm.

Origami bezeichnet die japanische Kunst des Papierfaltens. Mit wenigen Handgriffen entstehen aus herkömmlichen Blättern schnell kunstvolle Figuren. Prinzipiell nicht sonderlich spannend, wenn ein Killer jedoch bei jedem seiner Opfer eine der Figuren hinterlässt, interessiert sich plötzlich jeder für die Falterei. Von Jan Schmitt

Viel unheimlicher als die plötzliche Welle der Begeisterung fürs Papierfalten sind jedoch die Umstände des Mordes. An jedem Tatort findet sich die obligatorische Origamifigur sowie eine Lilie. Die Opfer sind allesamt junge Männer und als Todesursache stellte man in jedem der bisher sieben Fälle ertrinken fest. Wäre das nicht schlimm genug, so regnet es auch noch seit Wochen fast ununterbrochen und die dunklen Wolken schweben wie eine Glocke des Unheils über der fiktiven Stadt an der amerikanischen Ostküste.

Immer wieder müssen schnell bestimmte Tasten gedrückt werden um Aktionen zu meistern. Hier klammern wir uns buchstäblich an das Lenkrad.

2005 erschien ein Spiel, das sich als Adventure ausgab, jedoch schon damals eher den Eindruck eines interaktiven Films entwickelte. Die klassische und etablierte Point&Click-Steuerung wurde über den Haufen geschmissen, an dessen Stelle rückten Kamerafahrten, eine große Entscheidungsfreiheit und Emotionen. Schneestürme, die die Stadt in Atem halten, ein Mörder, der sich nicht an seine Taten erinnern kann und ein Spieler, der in verschiedene Rollen schlüpft um die Morde aufzuklären - oder zu vertuschen. Das Spiel, von dem wir sprechen, heißt „Fahrenheit", wurde von „Quantic Dream" entwickelt und gilt als geistiger Vorfahre von „Heavy Rain".

Mischung aus Thriller und friedlicher Harmonie

Dabei geht das neue Werk der Franzosen jedoch einen ganzen Schritt weiter und setzt sich zwischen die Genre-Stühle. Ein Inventar oder Itemkombinationen gibt es nicht, die Point&Click-Steuerung fällt wieder weg, Charakterwerte, Stufenaufstiege oder gar Schränke voller Waffen und Munition sind ebenso nicht vorhanden. Und dennoch beherbergt das Spiel eine Vielzahl an unterschiedlichen Genrefacetten. Vielleicht sollte man „Heavy Rain" sogar eher mit einem Film vergleichen, denn der Spieler erlebt Situationen und Emotionen, anstatt seinen Charakter auszubauen, die Szene nach Gegenständen abzusuchen oder wild um sich zu schießen.

Der Anfang des Spiels ist noch friedlich und harmlos. Die Sonne scheint, der Familie geht es gut und der Spieler lernt spielerisch die Steuerung.

„Heavy Rain" versteht sich als Kunstwerk, als Mischung aus Thriller und friedlicher Harmonie. Egal, ob der Spieler nun einen bewaffneten Raubüberfall vereitelt oder mit dem Sohn auf dem Spielplatz herumtobt. Jede Aktion funktioniert auf Tastendruck, jede Entscheidung kann über Leben oder Tod entscheiden. Sollen wir dem bewaffneten Räuber lieber ins Gewissen reden den Laden zu verlassen, ihn anschreien oder versuchen ihm die Waffe zu entreissen? Die Entscheidungen surren wie ein Mückenschwarm über den Bildschirm, verschwimmen immer wieder und überlappen einander. Lassen wir uns zu viel Zeit mit der Auswahl, so geht die Handlung auch ohne Aktion weiter. Vielleicht schießt der Räuber uns nieder, vielleicht bekommt er es auch mit der Angst zu tun und flieht.

Spannung erinnert an gute Filme oder Bücher

Unschärfeeffekte sowie der starke Farbkontrast in der regnerischen Stadt sorgen für Atmosphäre. Blickwinkel und Kamerafahrten sorgen für ein gelungenes Flair.

In „Heavy Rain" ist beinahe jede Szene voller Entscheidungen, viele Dialoge geschehen unter Zeitdruck und jede Aktion wird simuliert. Möchten wir uns einfach einmal hinsetzen, so ist das per Druck des Analogsticks ebenso möglich, wie das Öffnen von Schränken durch eine Drehung des Sticks oder das Schütteln von Getränkeflaschen. Diese eigentlich recht belanglosen Aktionen sorgen dafür, dass wir uns im Laufe der Handlung mit den vier spielbaren Charakteren identifizieren, uns in sie hineinversetzen können und trotz den unterschiedlichen Charakterzügen so etwas wie Sympathie entwickeln. Diese Sympathie ist es, die das Spiel so spannend macht. Jeder der vier Charaktere hat Stärken und Schwächen, eine eigene Persönlichkeit und ganz unterschiedliche Hintergrundgeschichten. Wie weit geht ein Vater, der um das Leben seines Sohnes kämpft? Ist es moralisch vertretbar im Diensteinsatz ein paar Pillen einzuwerfen um seine Stimmung zu heben und somit vielleicht weitere Indizien zu bemerken? Spätestens an der Stelle, an der praktisch jeder der Killer sein könnte, erreicht die Spannung eine neue Ebene und erinnert an gute Filme oder Bücher - man kann den Controller einfach nicht mehr aus der Hand legen und möchte wissen, wie es weitergeht.

Wie es schlussendlich zu Ende geht, liegt aber am Spieler. Im Laufe der Handlung können Spielfiguren sterben, die eigentlich existenziell für die Lösung des Falls verantwortlich sind. Stirbt beispielsweise einer der vier Hauptfiguren, so muss man eben ohne diese auskommen - zumindest im letzten Spieldrittel geht das Spiel einfach weiter. Sorgen, dass das Spiel eventuell zu schwierig ist, muss sich übrigens niemand machen, nur der härteste der drei Schwierigkeitsgrade stellt eine kleine Herausforderung dar. Abgesehen davon entwickelt „Heavy Rain" durch die enorme Entscheidungsfreiheit einen so hohen Wiederspielwert, dass tote Hauptcharaktere im ersten Durchgang verschmerzbar sind.

Lebensechte und detaillierte Mimik

Bei wichtigen Ereignissen schaltet das Spiel auf verschiedene Fenster um. So behält der Spieler den Überblick.

Den durchweg guten Gesamteindruck des Titels runden schlussendlich noch Grafik und Sound ab. Wie im Seriendrama „24“ spaltet sich in wichtigen Sequenzen der Bildschirm auf um das Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Dabei sind besonders die Kamerafahrten in die Gesichter der Protagonisten interessant, denn selten sah man bisher in einem Spiel eine derart lebensechte und detaillierte Mimik. Die hervorragend synchronisierten Dialoge, die übrigens per Knopfdruck ins spanische, englische oder französische wechseln, versprühen einen lebensechten Charme und die authentische Musikuntermalung gestaltet jede Szene in ein wahres Fest der Sinne.

Heavy Rain

Ab 16 Jahren

Erhältlich für: PS3

Homepage

Was lässt sich also an „Heavy Rain“ bemängeln? Vielleicht die Steuerung, die ab und zu ein wenig hakt, vielleicht auch die oftmals recht kleinen Gebiete, die zwar durch Tiefenunschärfe und realistischen Sperren Großstadtatmosphäre aufkommen lassen, jedoch recht wenig Platz für Erkundungstouren lassen oder vielleicht die Tatsache, dass der Schwierigkeitsgrad ein wenig zu niedrig gewählt wurde? All das wäre Kritik auf hohem Niveau und stört das Spielerlebnis nicht. Fakt ist: „Heavy Rain“ ist einzigartig und näher an der Perfektion, als es sich andere Titel wünschen.

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