Die Rückkehr eines elektrisierenden Helden

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Egal,ob er auf Leitungen oder Gleisen surft: Cole McGrath macht eine gute Figur. Der Mann, der Blitze wirft und den Kontakt mit Wasser vermeiden sollte, steht nun einer neuen Bedrohung gegenüber.

Spiele zu bekannten Superhelden sind oftmals von minderer Qualität. Mit „Infamous“ erschien vor gut zwei Jahren jedoch ein Titel, der einen Fahrradkurier zum blitzschleudernden Energiebündel werden lies und bewies, dass Superheldenspiele auch qualitativ sein können. Von Jan Schmitt

Eigentlich wollte Fahrradkurier Cole ja nur ein Päckchen ausliefern. Als dann plötzlich die Welt um ihn herum, namentlich Empire City - eine fiktive amerikanische Großstadt, explodierte und im Chaos versank, konnte der Mann mit dem 3mm-Haarschnitt plötzlich Blitze verschießen und mit Elektrizität umgehen wie „Spiderman“ mit seinen Netzen. Da wurde die eigene Energie an Stromkästen aufgeladen, auf Leitungen und Bahnschienen gesurft, elektrische Druckwellen zur Feindbeseitigung genutzt und je nach Vorlieben des Spielers die Ordnung in der Stadt wiederhergestellt oder das Chaos komplettiert. In „Infamous“ lag die Entscheidungsgewalt beim Spieler. Superheld oder Superbösewicht? Beides war möglich.

Kumpel Zeke, bekannt aus dem ersten Teil, ist natürlich wieder mit dabei. Doch es kriselt zwischen den beiden - ein wahres Fest für Karmaspielereien.

Mit dem Erscheinen von „Infamous 2“ steht der Spieler nun wieder vor Karmaanzeigen und muss sich entscheiden, wie er agieren will. Das Spiel setzt genau am Vorgänger an, benötigt jedoch kein Vorwissen, zumal die Story sowieso zu vernachlässigen ist. Es reicht zu wissen, dass ein riesiges Ungeheuer durch Empire City streift und Cole McGrath es nicht aufhalten kann. Also flieht er gen Süden in die Stadt New Marais, eine Art virtuelles New Orleans, und macht sich auf die Suche nach stärkenden Batteriekernen. Bis es nach 15 bis 20 Stunden zum adrenalingeladenen Endkampf kommt, greift das Spielprinzip des Vorgängers. Cole gleitet über Stromleitungen, erklimmt Hütten und Hochhäuser, sammelt durch Aufträge neue Energie und steht immer wieder vor neuen Entscheidungen.

Jede Aktion offensichtlich gut oder böse

Je nach Gesinnung wird Cole nun auch die Macht über Feuer oder Eis gelehrt. Beide Elemente sind jedoch nicht möglich, nur besonders gute oder böse Charaktere erleben die volle Macht.

Anders als im Vorgänger fehlen hier jedoch Graustufen. Anders als im kürzlich erschienenen Rollenspiel-Hit „The Witcher 2“ ist jede Aktion offensichtlich gut oder böse. Eine böse Handlung hat nie im Nachhinein positive Konsequenzen und eine wirkliche Identifikation mit der Spielfigur ist somit nicht möglich. Man entscheidet sich nicht aufgrund der eigenen Vorlieben, sondern aufgrund der stetig pendelnden Karmaleiste. Wie auch schon im ersten Teil erhalten besonders bösartige oder strahlende Helden zum Charakter passende Kräfte und beherrschen somit nicht nur Strom, sondern auch Eis (Gut) oder Feuer (Böse). Schade nur, dass schon recht früh im Spiel auch die dazu passenden Begleiterinnen auftauchen, Teufel- und Engelchen verkörpern und absolut klar machen, welche Auswirkungen die eigenen Entscheidungen nun haben können – das wirkt flach, langweilig, anspruchslos.

Feuer, Eis und fliegende Autos

Doch abseits der Geschichte und den Entscheidungen weiß „Infamous 2“ durchaus zu überzeugen. Die Umgebungen sind vielfältig und reichen von Sümpfen über städtische Gebiete und Hinterhöfe bis hin zu Hafenanlagen. Die Küstenlage und die feuchten Sümpfe machen das Spiel allerdings teilweise hinterhältig, denn schwimmen kann Cole dank dem Elektro-Superheldenstatus immer noch nicht. Auch die vielfältigen Gegner haben dazugelernt und kommen einerseits selbst mit Superheldenfertigkeiten daher, andererseits mit Masse und Taktik. Einzelne Zwischenbosse oder Granatenwerfende Söldnergruppen erfordern daher Kombinationsgeschick. So lassen sich Granaten per Druckwelle zurückwerfen, ganze Gruppen mit Feuer oder Eis pulverisieren und Überlebende mit einzelnen Stromgeschossen beseitigen. Wer es etwas rabiater mag, der wirft zudem einfach herumstehende Autos.

Explosionen hier, Explosionen dort. Wer ein Auge für seine Umgebung hat, kann so manchen Gegenstand als Waffe benutzten und in die Luft jagen.

Haupt- und Nebenmissionen sind relativ simpel und erfordern beispielsweise eine kleine Reise und die Zerstörung eines bestimmten Geräts, eine Verfolgung oder die Eliminierung verschiedener Gegner. Abseits der Missionen bietet die Stadt jedoch noch eine Menge zu entdecken. Da wären die unzähligen Scherben, die Cole mehr Energie verleihen und somit mehr wuchtige Attacken ohne Zwischenstopp an der Elektro-Tankstelle erlauben oder die aus dem Vorgänger bekannten Tonbandaufnahmen, die beispielsweise den Hintergrund der Geschehnisse erklären. Wirklich interessant und notwendig sind die Sammelorgien zwar nicht, allerdings treibt der Drang zur Vollständigkeit, zur Perfektion. Mehr Herausforderungen und Abwechslung hätten dem Sammeltrieb nicht schlecht getan, insbesondere, da die Fortbewegung in der Stadt in manchen Vierteln sich als recht tückisch herausstellt. Ein New Marais ist eben kein Empire City mit totaler Vernetzung. Das klettern funktionierte zudem in den „Assassins Creed“-Teilen flüssiger, in „Infamous 2“ ist ein abstürzen quasi unmöglich.

Infamous 2

Ab 16 Jahren Erhältlich für: PS3

Homepage

Schlussendlich unterhält „Infamous 2“ den Spieler durchaus einige Stunden und sorgt, je nach Wahl der eigenen Gesinnung, auch für eine Menge Abwechslung und Improvisationsmöglichkeiten. Wer einmal eine Gruppe Gegner mit allen Regeln der Kunst auseinandergenommen hat und über die grafisch sehr anschauliche Stadt blickt, merkt da Potential, dass Superheldentitel mit Open-World-Szenario haben. Spieler, die jedoch Wert auf eine ausgefeilte, wendungsreiche Geschichte legen, sind hier falsch.

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