Wilde Schießereien mit abgedrehtem Psychopatenduo

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Tolle Charaktere und die Chance auf eine ausgefeilte Story: Mit „Kane&Lynch 2" stürzt sich Entwickler IO-Interactive erneut in wilde Feuergefechte und vergisst dabei das Potential der Hauptdarsteller.

Filme haben es im Laufe der Jahre gezeigt: Verbrecher haben ein schweres Leben. Ständig gehen Drogen- oder Waffendeals schief, Bleikugeln fliegen durch die Luft und Widersacher streben nach der eigenen Position. Mit „Kane&Lynch 2“ schlüpft der Spieler nun in die Rolle des Ganoven. Von Jan Schmitt

Der innovative Youtube-Look zeigt sich durch eine wackelige Kamera, Bildfehler und dem Spritzen von Blut auf die Linse. Der Titel ist kein Spiel für Kinder.

Ganz klassisch geht es dabei schon zu Spielstart los: Nach den Abenteuern in „Kane & Lynch: Dead Man“ von 2007 zog sich Psychopath und Pillenverschlinger Lynch mit seiner Frau nach Shanghai zurück, um dort einen ruhigen Lebensabend zu verbringen. Nur ein letzter großer Waffendeal steht noch zwischen ihm und der finanziellen Unabhängigkeit. Also wird schnell Kumpel Kane eingeflogen und alles in die Wege geleitet. Doch, ja, wir hatten es erwähnt, Verbrecher haben ein schweres Leben. Natürlich geht alles gründlich in die Hose und schon fliegen wieder die Bleikugeln.

Mit der Schrotflinte im Anschlag steht Lynch Wache. Das ist auch notwendig, denn ruhige Spielsequenzen existieren nicht.

Mit seinen außergewöhnlichen Charakteren und der klassischen, klischeebeladenen Story hat „Kane & Lynch 2: Dog Days" eigentlich das Potential zum Hit. Doch genau wie im Vorgänger setzt „Hitman"-Entwickler IO Interactive hauptsächlich auf Actionelemente und bleihaltige Luft. Zwischensequenzen dauern nicht lange, Ruhe, Abwechslung oder eine wirklich ausgefeilte, ausgelebte Geschichte sucht man vergeblich. Den Großteil der Story ballert sich der Spieler als Lynch durch schlauchartige Level und bekommt dabei vom KI-Kane Feuerschutz. Die Intelligenz der Gegner, sowie die Auswahl der Waffen wirken dabei antiquiert. Mit Standardschießeisen wie Schrotflinten und Pistolen werden im Sekundentakt Gegner zu Boden geschickt, die entweder einfach im Kugelhagel stehen bleiben oder sich hinter zerstörbarer Deckung verschanzen. Granaten oder Gegner, die sich nur mit bestimmten Taktiken ausschalten lassen, fehlen ebenso. Explodierende Gegenstände hübschen das Gesamtbild aber ein wenig auf.

Grafische Innovation durch Youtube-Stil

Apropos Aufhübschen: Den Großteil der Faszination von „Kane & Lynch: Dog Days" erlangt das Spiel über seinen außergewöhnlichen Grafikstil. Zwar wirkt die Grafik an sich recht altbacken - der von den Entwicklern „Youtube-Look" genannte Style täuscht jedoch über die Unzulänglichkeiten hinweg. Statt einer statischen Perspektive erwarten den Spieler eine wackelnde Kamera, Bildfehler, Überblendungen und andere Störfaktoren, die man von einer billigen Videokamera erwarten würde. Es wirkt fast so, als würden die beiden Gangster stetig von einem Kameramann mit Camcorder begleitet - samt Pixelfehlern in Schießereien und der Verpixelung von besonders brutalen Szenen, von denen es genügend gibt. Die Geister dürften sich am gewöhnungsbedürftigen Aussehen zwar scheiden, allerdings passt der Grafikstil zum pulsierenden, leuchtenden und dreckigen Shanghai.

Hell leuchtet Shanghai in die Nacht hinaus - doch ohne Youtube-Filter wirkt das neue Abenteuer von Kane & Lynch ziemlich trostlos.

Ebenso einfallsreich wie die Grafik sind die Mehrspielermodi. So lässt sich die Kampagne komplett im Koop-Modus spielen - Spieler 2 schlüpft dabei in die Rolle von Kane. Im Gegensatz zum Einzelspielermodus ist dieser hier nicht unsterblich - es ist also ratsam, aufeinander zu achten und im Notfall einzugreifen. In „Fragile Alliance“ geht es dagegen ums Überfallen. Mehrere Spieler füllen sich die Taschen, wehren Polizisten ab und hechten in den Fluchtwagen, um sich mit der Beute zu verbessern. Prinzipiell langweilig, wäre da nicht die Option, zum Verräter zu werden und sich die Beute mit dem Fluchtwagenfahrer zu teilen oder seine Mitstreiter zu erschießen um alles einzukassieren. In „Undercover Cop“ ist die Rolle des Verräters sogar vorgegeben und in „Räuber und Gendarm“ beharken sich schlichtweg Verbrecher und Gesetz.

Kane & Lynch 2: Dog Days Erhältlich für: PC, PS3, Xbox360

Ohne Jugendfreigabe

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Grundsätzlich lässt sich „Kane & Lynch 2: Dog Days“ als ein durchaus solides und grafisch-innovatives Actionspiel beschreiben, dass im Mehrspieler länger unterhalten kann, im Einzelspieler jedoch schnell eintönig und öde wird. Da bringt auch der tolle Youtube-Look nichts mehr, die Schlauch-Gebiete, die schwammige Steuerung und der fehlende spielerische Anspruch passen schlichtweg nicht ins Jahr 2010.

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