Wildes Rollenspiel im Weltall

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Der Rollenspiel-Shooter-Mischling „Mass Effect 2" begeistert Spieler auf der ganzen Welt. Doch damit sich das ganze Potential des Spiels entfaltet, sollten die Spieler den Vorgänger kennen.

Ein Rollenspiel im Sci-Fi-Setting, eine dreiköpfige Gruppe, gut vertonte Dialoge und eine dichte Atmosphäre. Überall hört man Spieler über das Genre-Highlight „Mass Effect 2" sprechen. Spielstände des Vorgängers lassen sich importieren, also schauen wir uns Teil 1 noch einmal an. Von Jan Schmitt

„Bioware" hat es geschaffen: Mit Spielehits wie Baldur's Gate, Star Wars: Knights of the Old Republic und Dragon Age haben sich die Kanadier in der Branche etabliert und genießen einen guten Ruf. Das Entwicklerstudio, das zu den 100 beliebtesten Arbeitgebern Kanadas zählt, steht seit über zehn Jahren für gute Rollenspiele. Mit „Mass Effect" wagte das Studio Ende 2007 den Spagat zwischen Rollenspiel und Shooter - und hielt die Qualität.

Dabei könnten die beiden Genres eigentlich nicht unterschiedlicher sein. Shooter sind in der Regel geradlinig, ohne größere Handlung oder Dialoge und auf kurze, spannende Action programmiert. Der Spieler soll ohne große Grübelei vorankommen und maximal taktische Entscheidungen treffen. Rollenspiele sind dagegen in der Regel langsamer, ruhiger und benötigen mehr Zeit. Sie punkten durch eine dichte, glaubhafte Welt und der Interaktion mit anderen Charakteren. Viele lassen sogar den Spieler entscheiden, ob er eher gewaltsam oder diplomatisch vorgeht. „Mass Effect" verknüpfte die Eigenschaften und sorgte für Skepsis in der Spielergemeinschaft. Kann das wirklich funktionieren? Die Antwort: Ja!

Für Stufenaufstiege bekommen Sie Talentpunkte, die Sie in Charaktereigenschaften investieren können. Genaueres schießen oder verbessertes Überreden beispielsweise.

Ganz wie in herkömmlichen Rollenspielen erschaffen Sie beim Spielstart ihren eigenen „Commander Shepard". Der ist entweder männlich oder weiblich und lässt sich von der Frisur bis hin zur Augenfarbe an die eigenen Wünsche anpassen. Eine Klassenwahl - vom einfachen Soldaten, bis hin zum Biotiker - sowie kurze Angaben über Herkunft und Schicksalsschläge runden die Auswahl ab und lassen Sie direkt ins Geschehen einsteigen. Schon von Beginn an, werden die Parallelen zu klassischen Rollenspielen klar. An Ihrer Seite befinden sich bis zu zwei Gruppenmitglieder, die größtenteils selbstständig kämpfen und agieren. Besiegte Feinde, vollendete Aufträge sowie neue Hintergrundinformationen garantieren dabei Erfahrungspunkte, die zu Stufenaufstiegen führen. Diese werden wiederum mit Fertigkeitspunkten belohnt, die sich in zahlreiche Fähigkeiten - vom Werfen von Gegnern, bis hin zur verbesserten Zielgenauigkeit oder erhöhtem Schmeicheln - investieren lassen.

Geschichte gehört zu Höhepunkten des Spielesektors

Die Kämpfe laufen dabei stets in Echtzeit ab, lassen sich jedoch pausieren. Jeder Gegner verfügt über eine Energieleiste, die durch stetigen Beschuss auf den Nullpunkt gebracht werden muss. Besonders harte Gegner haben zudem noch Energieschilde, die sich entweder umgehen oder ebenfalls niederballern lassen. Damit dies leicht von der Hand geht und die Feinde schnell fallen, lassen sich quasi an jeder Ecke neue Waffen, Upgrades, Rüstungen oder heilendes Medigel finden.

Gegner werden auch über weitere Entfernung mit einem kleinen roten Dreieck gekennzeichnet. Dadurch lassen sich Tech- und Biotikkräfte genauer einsetzen.

Auch - oder gerade weil - die Geschichte von „Mass Effect“ zu den Höhepunkten des Spielesektors gehört, lässt sich nicht viel darüber verraten. Nur soviel sei gesagt: Es bleibt spannend und wendungsreich, auch wenn die Grundstruktur von uraltem Bösen, dass durch Handlanger herbeigerufen wird, wohl nicht zu den Kreativsten zählt. Der Reiz der Geschichte entsteht vielmehr durch die zahlreichen Gespräche, die Sie im Laufe des Spiels führen. Über ein Drehrad am unteren Bildschirmrand lassen sich Themen anschneiden, die sich, je nach Wortwahl und Gegenüber, entweder positiv oder negativ auswirken. So liegt es an Ihnen, ob Sie Aufträge lieber blutig oder gewaltfrei lösen. Doch auch Gruppenmitglieder können in solchen Sequenzen endgültig ihr Leben verlieren - und in „Mass Effect 2" somit nicht mehr auftauchen. Gerade wegen diesen schwerwiegenden Konsequenzen wirken die Charaktere jedoch real und charakterstark. Quarianerin Tali agiert anders, als es der reptilienartige Kroganersöldner Wrex tut. Während erstere beispielsweise jedes Stück Technik inspiziert und kommentiert, schießt sich Wrex seinen Weg frei und stellt sich gegebenenfalls auch gegen den Spieler.

Mass Effect

Ab 16 Jahren

Erhältlich für: PC, Xbox 360

Homepage

Größter Kritikpunkt des Spiels sind die Fahrzeugpassagen. Sowohl bei kleinen Nebenaufgaben, als auch bei so ziemlich jeder storyrelevanten Quest steigen Sie in das Cockpit eines panzerähnlichen Makos und erledigen mit dem Bordgeschütz zahlreiche Feinde. Da sich das Gefährt jedoch nicht besonders gut steuern lässt und die Fahrpassagen schnell langweilig werden, hätten sich die Entwickler diesen Punkt sparen können. Auch wirken manche Umgebungen durch verwaschene Texturen und fehlenden Details ein wenig arg detailarm und steril. Viel mehr lässt sich jedoch nicht bemängeln. Besonders die Charaktermodelle sind schön designt und die komplett vertonten Dialoge verschönern die sowieso schon gute Soundkulisse. Selbst die Steuerung geht nach kurzer Eingewöhnung leicht von der Hand und lässt keine Wünsche offen.

Durch die zahlreichen Hintergrundinformationen, den wundervollen Gesprächen und den kurzweiligen Actionpassagen lässt sich „Mass Effect" also auch heute noch empfehlen, insbesondere Spieler, die Interesse an Teil 2 (und später Teil 3) des Abenteuers haben, sollten sich den Vorgänger noch einmal anschauen. Dank einer Importfunktion lässt sich der eigene Charakter mit all seinen folgenschweren Entscheidungen in Teil 2 übernehmen. Eine erhöhte Startstufe oder einen Vorbild/Abtrünnigen-Bonus freuen denjenigen, der sich in Teil 1 Mühe gab.

Wen die Mischung aus langen, gut vertonten Dialogen, der stetigen Suche nach besseren Waffen und Rüstungen sowie den taktischen Gefechten also auch nur ansatzweise interessiert, der sollte sich „Mass Effect“ zulegen.

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