Lebensechte Charaktere im Explosionstaumel

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Im Shooter-Rollenspiel-Hit „Mass Effect" erforschen Sie in der Rolle des „Commander Shepard" Galaxien. Zwischensequenzen erzeugen dabei eine fantastische Stimmung.

Feuerwehrmann, Pilot und Astronaut. Berufswünsche von Kindern sind oftmals gefährlich. Wer jedoch einmal Astronaut werden wollte, der könnte an „Mass Effect 2" seinen Spaß haben. Als Raumfahrer, Schiffskapitän und nicht zuletzt Retter der ganzen Galaxie kehrt Commander Shepard auf die Brücke der Normandy zurück. Von Jan Schmitt

Gute Spiele, Bücher oder Filme ziehen oftmals einen Nachfolger nach sich. Zu sehr lockt das Geld, zu sehr der Ruhm, als das sich Autoren, Regisseure oder Entwickler Gedanken darüber machen, wie Sie den erfolgreichen Erstling noch toppen können. Oftmals werden Lizenzen mit der Zeit ausgequetscht und von Film zu Film, von Buch zu Buch schlechter. Auch im Spielesektor ist das nicht ungewöhnlich. Wo war schon die wirklich große Innovation zwischen „Left4Dead" und „Left4Dead2"? War „Gothic 2" nicht eigentlich besser, als der riesige Nachfolger „Gothic 3" oder gar das recht neue „Risen"?

Sie kennen den ersten Teil von Mass Effect nicht? Hier gehts zum Test.

Im Falle von „Mass Effect“ fällt das ganze noch ein wenig schwieriger aus. Von Anfang an als Trilogie geplant, endete die Handlung in Teil 1 relativ abrupt, während manche Spieler den hohen Actionanteil, andere die langen Gespräche schmähten. Wie soll der Nachfolger also aussehen? Die Kanadier von „Bioware" entschieden sich dafür mit der Rollenspieltradition zu brechen und Teil 2 des Sci-Fi-Spiels noch ein wenig actionlastiger zu machen, es mehr zum Shooter werden zu lassen. Dennoch sollten beinharte Rollenspielfans weiterlesen, denn auch im Bereich der Dialoge und Erzählweise setzt „Mass Effect 2" neue Standards.

Im Körper von Commander Shepard

Die Dialoge und Zwischensequenzen sind gekonnt in Szene gesetzt und erinnern mehr an einen interaktiven Spielfilm, als an ein herkömmliches Rollenspiel.

Die Normandy - das modernste und beste Kriegsschiff der Allianz - fliegt fast geräuschlos durchs All und schaltet seine Tarnsysteme ein. Wie unsichtbar gleitet das dynamisch geschnittene Schiff durch die Schwärze. An Bord: Commander und Spectre Shepard, Vorbild der Menschheit, rechte Hand des galaktischen Rates und Retter der Galaxie. Die Person, die die Bedrohung der uralten Reaper aufhielt und die roboterartigen Geth zurückdrängte. Doch auch die restliche, alte Crew ist an Bord. Pilot Joker, Navigator Pressley, Scharfschütze Garrus, Söldner Wrex, Technikerin Tali und all die anderen. Es wirkt friedlich und harmonisch, bis plötzlich ein anderes Schiff auftaucht. Trotz Tarnmodus regnet es kurz darauf Energiestrahlen und die Normandy wird getroffen. Riesige Löcher klaffen im Rumpf, als sich die Besatzung in die Rettungskapseln zwängt und sich in Richtung eines unbekannten Planeten schießen lässt. Für Commander Shepard ist es jedoch zu spät: Er schafft es nicht mehr zu den Kapseln und wird ins All geschleudert.

2 Jahre später. Grelles Licht, gedämpfte Stimmen, sich bewegende Stimmen, dann wieder Dunkelheit. Kurz darauf das ganze erneut, nur ohne die einkehrende Dunkelheit. Sie befinden sich im Körper von Commander Shepard - der Mann, der beim Angriff des feindlichen Schiffes zwar starb, jedoch mit neuester Technologie von der umstrittenen Gruppe Cerberus ins Leben zurückgeholt wurde. Die Fertigkeiten von einst sind hin aber...hey..Sie leben! Eine Stimme aus den Lautsprechern befiehlt Ihnen schnell die Pistole aus dem klinischem Schrank zu nehmen. Die Station würde angegriffen werden und man brauche jede Hilfe - völlig egal, ob Sie eben zwei Jahre mehr oder weniger tot waren.

Es geht direkt zur Sache

Kämpfe laufen noch schneller ab als im Vorgänger. Oftmals stürmen ganze Feindgruppen auf Sie zu und Sie müssen Deckung suchen.

Sie merken schon: „Mass Effect 2“ verschwendet keine Zeit. Nach einem durchaus atmosphärischem Einstieg geht es direkt zur Sache. Schüsse fallen, man kommandiert Sie herum und in den ersten Minuten merken Sie eigentlich nichts vom Rollenspiel, es könnte auch ein herkömmlicher, wenn auch gut erzählter Shooter sein. Wellen von aggressiven Mech-Soldaten feuern auf Sie, gehen geschickt in Deckung und versuchen Ihre eigene Deckung zu umgehen, während Sie selbst mit der begrenzten Munition fein säuberlich treffen müssen um nicht überrollt zu werden. Wer blind vorstürmt und losballert stirbt. Doch kaum sind die ersten Roboterwellen ausgeschaltet kommt es zu den klassischen Dialogen. Cerberusmitglied Jakob bittet um Ihre Hilfe bei der Befreiung der Station und lässt sich nur ungern über die eigene Vergangenheit ausquetschen.

Wie im Vorgänger wählen Sie Ihre Antworten aus einem Kreismenü aus und entscheiden somit, ob sie lieber hilfreich und vorbildlich vorgehen oder als aggressiver Egomane nur abfällig auf andere Personen herabblicken. Je nachdem, ob Sie ihren Charakter aus Teil 1 importiert haben, stehen Ihnen schon hier zusätzliche Dialogoptionen zur Verfügung. Charaktere, die vorbildlich handelten können von Beginn an besser überreden, Abtrünnige dagegen leichter einschüchtern. Selbst reiche oder besonders erfahrene Helden erhalten Boni wie ein erhöhtes Startkapital oder eine bessere Startstufe. Klasse und Aussehen lassen sich ebenso noch einmal anpassen - egal ob importiert oder nicht. Soldaten schießen am genausten, haben dafür keinerlei biotischen Kräfte und können sich somit nur auf ihre Munition verlassen, Techniker stecken Feinde in Brand, Biotiker schleudern diese einfach herum. Die Wahl liegt bei Ihnen.

Dialoge: Bioware zieht hier absolut alle Register

Besonders Biotikerin Jack wird gekonnt in Szene gesetzt. Sie hat sich ihre Behausung im Unterdeck der Normandy eingerichtet.

Doch zurück zu den Dialogen. Nicht nur in den ersten Spielminuten haben Sie die Wahl, wie Sie reagieren. Jede Entscheidung kann langfristig schwerwiegende Konsequenzen haben, jedes Thema sich anders auswirken. Dabei stehen die Charaktere sich nicht nur bewegungslos gegenüber, sondern laufen herum, lassen Gestik und Mimik spielen, agieren mit Gegenständen oder harmonieren auf ganz fantastische Weise mit Licht und Schatten. Entwickler Bioware zieht hier absolut alle Register und entfesselt die wohl lebensechtesten Dialoge der Spielegeschichte. Auch wenn manche Charaktere eher ein wenig flach wirken, so besitzt doch jeder seine eigene Persönlichkeit. Insbesondere in Interaktionen mit der glatzköpfigen Biotikerin Jack hat man das Gefühl mitten im Geschehen zu sein. Jeder Charakter ist dabei wunderbar vertont, einzig der neue Sprecher des männlichen Commander Shepard macht seine Sache nicht allzu gut. Doch das macht kaum etwas aus, in „Mass Effect 2" lassen Sie sowieso vermehrt die Waffen sprechen.

Zwar lassen sich Konflikte oftmals gewaltfrei lösen, allerdings kommt es zu diesen Konflikten in der Regel erst gegen Ende des Gebietes, zahlreiche Feinde müssen zuerst aus dem Weg geräumt werden. Im Vergleich zum Vorgänger werden die Gefechte nun ein wenig schneller. Lebensenergie regeneriert sich durch kurzes in Deckung gehen von alleine, Waffen überhitzen nicht mehr, dafür wird nun Munition benötigt und Biotiker und Techniker räumen dank Flächenschaden und Drohnen schnell mit ganzen Gruppen auf. Wirklich Taktik ist allerdings kaum gefragt, oftmals reicht das umgehen von Deckungen - die Teammitglieder handeln generell fast vollständig auf eigene Faust. Dennoch wirken die Gefechte stets unterhaltsam und Waffen wie Schrotflinte und Scharfschützengewehr sind endlich nützlich.

Entwicklung der einzelnen Charaktere miterleben

Den Reiz, den ME 2 ausmacht, zieht das Spiel aus der gelungenen Mischung von Geschichte, Hintergrundinformationen und grandiosen Dialogen gepaart mit den actionlastigen Passagen. Spieler des Vorgängers werden zudem die Folgen Ihres Handelns bemerken. Erschoss man in Teil 1 eigentlich unwichtige Personen, so tauchen sie in Teil 2 nicht mehr auf. Andersherum kann man jedoch die Entwicklung der einzelnen Charaktere miterleben. Kroganer Wrex vereint die Stämme seines Volkes, Quarianerin Tali hat ihre Pilgerreise beendet und besucht menschliche Kolonien und andere, altbekannte Charaktere schließen sich eventuell sogar dem alten Kader wieder an. Als Operationsbasis dient eine größere, verbesserte Normandy mit eigener Kabine samt Zierfischen und Weltraumhamster - falls gewünscht.

Ein eher langweiliges, jedoch notweniges Minispiel lässt Sie seltene Ressourcen abbauen. Dafür fahren Sie mit dem Cursor die Planetenoberfläche ab.

Der größte Kritikpunkt des Vorgängers - die Planetenerkundungsfahrten mit dem Mako - wurden entfernt und durch ein nicht minder langweiliges Minispiel ersetzt. Während Sie auf der großen Sternenkarte mit der Normandy von Planet zu Planet düsen, können Sie an Raumstationen neuen Treibstoff sowie Sonden kaufen. Letztere benötigen Sie um Planetenoberflächen nach insgesamt vier Metallen abzusuchen. Eine ausschlagende Skala zeigt die Art und Größe des Vorkommens an. Mit den gewonnen Ressourcen lassen sich schließlich sowohl Schiff, als auch Waffen und Kräfte der Crew ausbauen. Eine bessere Panzerung gegen feindlichen Beschuss oder stärkerer Biotikschaden sind ebenso vorhanden wie ein verbesserter Sondeneinsatz. Bis jedoch genügend Ressourcen für alle Upgrades gesammelt sind, dauert es einige Stunden, die Sie nur damit verbringen Planetenoberflächen abzutasten - langweilig.

Mass Effect 2

Ab 16 Jahren

Erhältlich für: PC, Xbox360

Homepage

Grafisch und auch soundtechnisch lässt sich nichts bemängeln. Kleinere Animationsfehler stören ab und zu die Atmosphäre, fallen jedoch nicht weiter ins Gewicht. Die Steuerung des Vorgängers hat sich ein wenig verändert, geht jedoch nach einigen Minuten in Fleisch und Blut über und erlaubt auch komplexere Feuergefechte. Was bleibt ist wohl eines der Top-Spiele 2010. Auch wenn „Mass Effect 2" etwas actionlastiger ist und das Rollenspiel mit den eingeschränkten Fertigkeitsbäumen, den selteneren Stufenaufstiegen und dem fehlenden Inventar ein wenig in die Brüche geht. Vielleicht ist eine Karriere als Astronaut also doch nicht so schlecht - Hardcore-Rollenspieler sollten aber lieber Feuerwehrmann oder Pilot werden.

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