Stupide Ballerei in Afghanistan

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Gebückt hinter Felsen wartet ein Soldat auf seinen Einsatz. Im neusten „Medal of Honor“ geht es in den Kriegseinsatz nach Afghanistan.

Wenn ein Spiel über mehrere Monate beworben wird und der Publisher einen glanzvollen Neustart der Serie ankündigt, dann kann das der Neustart einer altgedienten Serie werden - oder aber ziemlich peinlich. Mit „Medal of Honor“ reaktiviert EA seine einst großartige Shooter-Serie. Von Jan Schmitt

Es ist der Kampf zweier Giganten. EA gegen Activision, „Medal of Honor“ gegen „Call of Duty“, Ego-Shooter gegen Ego-Shooter. Räumte EA in den vergangenen Jahren das Feld und überließ Activisions „Call of Duty“ die zahlreich verteilten Lorbeeren, so wagte der Megapublisher nun einen weiteren Vorstoß ins Actiongenre und versucht das Schwergewicht zu verdrängen. Dies geschieht durch Werbung und hunderte Ankündigungen. Ein qualitatives Spiel scheint für einen Hit nicht mehr auszureichen. Spielen, soll das neue „Medal of Honor“ in der Gegenwart, genauer gesagt im Afghanistankrieg. Spielbar im Mehrspielermodus sollen zudem die Taliban sein - dass sagte man vor einigen Wochen. Der Rummel, der darauf folgte, ist ein geschickter Marketingzug.

Taliban und Flughafenszenen - ein Rückzieher

Gegner mit Kopftuch sind im Spiel prinzipiell Taliban und somit Feinde. Zivilisten gibt es keine - ebenso keine anderen Truppen außer den US-Streitkräften.

Mit der Ankündigung, man könne im Mehrspielermodus des Titels die Taliban spielen, wurden in aller Welt die Sittenwächter wach. Die US-Armee sprach sich dagegen aus, Shops des Militärs kündigten an das Spiel nicht in ihr Sortiment aufzunehmen und Stimmen von Angehörigen der gefallenen Soldaten wurden laut. Ähnliches geschah, als Activision im vergangenen Jahr den Spieler dazu aufforderte im Laufe einer Mission virtuell auf einem Flughafen Amok zu laufen - die Medien wurden wach, die Thematik wurde diskutiert und das Spiel verkaufte sich millionenfach. Die Flughafenszene erschien in Deutschland geschnitten, selbst abgedrückt wurde nicht. EA machte dagegen noch vor Release des Spiels einen Rückzieher. Statt Taliban spiele man nun eine nicht näher benannte Fraktion. Welchen Unterschied das für den Spieler macht, ist fraglich. Ebenso fraglich, wie der Punkt, warum man das Geld, dass man für all das Marketing verschleuderte, nicht lieber in ein qualitativ hochwertiges Spiel investierte.

Die Umgebungen sind so abwechslungsreich, wie es im Land sein könnte. Staubige Ebenen wechseln sich mit verschneiten Berggebieten ab.

Es wäre vorteilhaft gewesen, hätte man den sensiblen Konflikt am Hindukusch als Anti-Kriegsspiel aufgezogen. Hätte gezeigt, was für Qualen sowohl Soldaten, als auch Zivilisten erleiden, hätte die psychischen Konflikte und Auswirkungen der Soldaten aufgezeigt, hätte gezeigt, was ein Krieg wirklich bedeutet. Dann wäre „Medal of Honor“ vielleicht der Meilenstein geworden, der wohl bei der Entwicklung angedacht war. Stattdessen reitet man aber auf der Schiene der Konkurrenz und bedient sich derer Mittel. Zusammen mit meist mehreren anderen Soldaten zieht der Spieler durch Afghanistan und schießt in Moorhuhn-Manier hunderte von strunzdummen Gegnern nieder. „Masse statt Klasse“ scheint das Motto zu sein.

Realismus? Wo?

Pluspunkte sammelt der Titel bei den unterschiedlichen Missionen. Mal muss etwas erstürmt oder verteidigt, mal etwas per Scharfschützengewehr eliminiert oder per Laser markiert werden. Schade nur, dass sich die einzigartigen Momente oft mehrere Minuten lang hinziehen und somit komplett ausgereizt werden. Es zählt die Action, nicht der Realismus. Zivilisten gibt es ebenso wenig, wie Verbündete der USA. Eigene Kameraden sind oft unsterblich und die, für den Konflikt eigentlich passenden, Eskortmissionen fehlen komplett. Nach rund fünf Stunden ist die Solo-Kampagne zudem zu Ende und lässt sich unter erschwerten Bedingungen erneut spielen.

Grafisch ist das Spiel zwiespältig anzusehen. Der Gesamteindruck wirkt positiv und realistisch, bei genauerem Hinsehen fallen jedoch schwache Texturen auf.

Der Mehrspielermodus geht in eine andere, bessere Richtung. Auf den recht kleinen Karten wird mit bis zu 24 Spielern in vier Spielmodi gekämpft. In der Regel müssen Stellungen gehalten oder erstürmt werden. Erzielte Abschüsse und Rundensiege bringen Punkte und lassen im Rang aufsteigen. Je höher der Rang, desto besser die Ausrüstung. Je mehr Abschüsse ohne eigenes Ableben, desto stärkere Unterstützung, die in Form von Luftangriffen oder Störsendern geliefert wird. Spieltempo und Prinzip erinnern dabei sehr an „Call of Duty“, nur dass die Kill-Kamera fehlt und man sich somit oftmals fragt, von wo der tödliche Schuss überhaupt kam.

Medal of Honor

Ab 18 Jahren Erhältlich für: PC, 360, PS3

Homepage

Letztendlich ist das neue „Medal of Honor“ ein Titel, der durchaus Potential besitzt, es jedoch nicht ausreizt. Wer simple Shooterkost im aktuellen Gewand mag, der greift zu, alle anderen warten auf „Call of Duty: Black Ops“. Für das gibt es zwar auch schon seit Monaten Werbekampagnen, aber die gab es im letzten Jahr ebenso - und da wurde der Titel bekanntlich ein Hit.

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