Realistische Krimi-Abenteuer im Los Angeles der 40er Jahre

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Stilvolle Kleidung, rauchige Atmosphäre, zwielichtige Gestalten. In „L.A. Noire“ sitzt man vielen lebensechten Charakteren gegenüber. Die realistische Mimik sorgt für funktionierende Verhöre.

Angepriesen als revolutionär unkonventionelles Spieldesign mit lebensechten Gesichtern ist „L.A. Noire“ schon länger in den Medien vertreten. Lügen sollen aus den Gesichtern ablesbar sein, Verhöre sich wirklich real anfühlen. Doch ist das alles? Von Jan Schmitt

Die ersten Schritte in „L.A. Noire“ sind überwältigend. In der Rolle von Cole Phelps, einem Kriegsveteranen, der nach seiner Karriere beim Militär bei der Polizei anfing, arbeitet sich der Spieler vom Verkehrspolizisten bis an die Spitze der Mordkommission empor. Dabei fällt insbesondere die liebevoll detaillierte Stadt auf. Nicht nur die rund 30 Denkmäler wurden präzise nachgebaut, auch Kleinigkeiten wie Flaschen, Häuser, Schaufenster und Plakate wurden im Stil der 40er erstellt und runden den super Ersteindruck ab. Die Stadt lässt sich zudem frei in unzähligen Oldtimern befahren und jeder Winkel sich real erkunden. Ja, die ersten Stunden des Spiels künden wirklich von einem Menge Spaß.

Das Los Angeles der 40er Jahre wurde detailgetreu nachgebaut. Von den typischen Fassaden über Plakate, Wagen und Kleidung. Hier sind die 40er wirklich die 40er.

Doch ehe man auf eigene Faust losbricht und die Stadt erkundet, sollte man sich an die ersten der 21 Fälle setzen, die Phelps im Spiel zu lösen hat. Beginnend mit kleineren Tutorialmissionen, die die einzelnen Komponenten des Spiels erklären, schlägt sich Cole schnell zum Verkehrsdezernat hoch. Jeder Fall beginnt dabei in der Regel mit einem kurzen Briefing im Polizeihauptquartier. Die anschließende Fahrt zum Tatort lässt sich entweder selbst bestreiten oder – auf Knopfdruck – überspringen. Letzteres führt zwar dazu, dass man insgesamt schneller unterwegs ist, allerdings macht es durchaus Spaß mit den über 90 Oldtimern durch die Stadt zu tuckern und den Gesprächen von Cole und seinem jeweiligen Partnern zu lauschen.

Das allmächtige Notizbuch zeigt den Weg

Am Tatort angekommen, gilt es in erster Linie Beweise zu finden. Dank der hohen Detailverliebtheit der Entwickler ist das nicht immer so einfach, denn nicht jedes benutzbare Objekt ist wirklich relevant. Oft ertönt der „Hinweis-Sound“ bei unwichtigen Objekten wie Flaschen oder Zigarettenstummeln, wer genau hinsieht und -hört entdeckt aber auch Hinweise wie Blutspuren, Messer, Rechnungen oder Nummern. Die Möglichkeit verdächtige Objekte genauer zu untersuchen sollte ebenfalls genutzt werden, denn hinter so manchem Bild und an so mancher Waffe finden sich neue Informationen. Das übersichtliche Notizbuch hilft die Übersicht zu bewahren. Nicht jedes Objekt, dass eingesteckt und als Hinweis vermerkt wird, kommt auch wirklich zum Einsatz und nicht jedes Objekt das relevant wäre, wird wirklich für den Fall gebraucht.

Cole Phelps ist aufstrebender Detective. Nur er steht für die 21 Fälle als steuerbarer Charakter zur Verfügung - doch wirklich ins Gewicht fällt das nicht.

Nach kurzer Detektivarbeit werden dann die Verdächtigen und Zeugen mit den Beweisen konfrontiert. Dabei wird zuerst ein Thema ausgewählt, über das die Person ausgefragt wird. Je nach Reaktion entscheidet der Spieler dann, ob das Gesagte eine Lüge ist, angezweifelt werden sollte oder der Wahrheit entspricht. Bezichtigt man den Sprecher der Lüge, so muss der passende Beweis geliefert werden. Ist dieser nicht vorhanden oder falsch, so bricht das Gegenüber oft das Verhör ab und man muss ohne diese Hilfe vorankommen. Die Technik funktioniert grundsätzlich gut, allerdings kündet fast immer ein Blinzeln oder demonstratives Weggucken von einer Lüge, zudem wirken nicht alle Verhöre wirklich nachvollziehbar, da vor der eigenen Auswahl nicht ersichtlich ist, was man dem Verdächtigen nun eigentlich vorwerfen wird.
Scheitert man einmal und stellt die falschen Fragen, wählt die falschen Beweise aus oder ist schlichtweg zu gutgläubig, so besteht oftmals noch die Chance an gewünschte Informationen auf anderem Wege zu kommen. So kommt es dann zu Beschattungen, Verfolgungsjagden oder den Actionsequenzen, die etwa 30 Prozent des Spiels ausmachen. In diesen greift Cole dann auch schon einmal zur Waffe und befreit Geiseln, verhaftet Flüchtende oder erschießt Bankräuber. Adrenalin geladen sind diese Actionsequenzen allerdings nie, denn sie wiederholen sich ständig. Insbesondere wer die rund 40 Nebenmissionen in der Stadt absolviert, darf alle paar Minuten den Verfolger mimen und über Dächer klettern, Personen niederschießen oder Autos rammen. Diese Wiederholungen treten allerdings nicht nur bei den Nebenmissionen auf. Im Laufe der 21 Fälle macht sich schnell Routine breit. Immer wird nach demselben Muster vorgegangen. Einsatzbesprechung, Fahrt zum Tatort, Beweissuche, Zeugenvernehmung, Fahrt zu Ort X, Beweissuche, Verdächtigenvernehmung, Actionsequenz, Verhör auf dem Revier, Geständnis, nächster Fall. Einen wirklichen Übergang von Fall zu Fall gibt es kaum, auch fehlt es oftmals an einer durchgängigen Geschichte, die alles zusammenhält. Zwar steigt Cole im Rang auf und sammelt Intuitionspunkte, die falsche Antworten beim Verhör wegstreichen können, allerdings fehlt die wirkliche Entwicklung mit dem Spielverlauf.

Wenigspieler profitieren

Hat sich also nach den ersten Haupt- und Nebenmissionen Routine eingestellt, so bleibt noch die Stadt. Also fährt man herum, besichtigt, sammelt Wagen und goldene Filmrollen und...ja, viel mehr gibt es eigentlich nicht zu tun. Zwar wurde die Stadt schön und detailliert aufgebaut, wirklich lebendig ist sie jedoch nicht. Häuser lassen sich zum Großteil nicht betreten, Geheimnisse nicht finden, kleine Spielereien wie in der „GTA“-Serie nicht aufstöbern. Also legt man das Spiel beiseite und setzt sich ein paar Tage später wieder daran. Und siehe da: Es wirkt. Für kurze Runden zwischendurch, maximal wenige Stunden pro Tag, macht „L.A. Noire“ richtig Spaß. Krimifans erfreuen sich an den unterschiedlichen Fällen, dem miträtseln bei den Verhören, der Spannung, die aufkommt, wenn man sich nicht sicher ist, ob einem wirklich der Mörder gegenüber sitzt.

L.A. Noire

Ab 16 Jahren Erhältlich für: PS3, 360

Homepage

„L.A. Noire“ ist somit ein Spiel, dass durchaus unkonventionell ist. Es ist ein Adventure mit Actionelementen und herausragender Grafik was Mimik angeht, jedoch auch ein Titel, der schnell langweilen kann und in dem es – für so eine riesige Stadt – einfach zu wenige alternative Inhalte gibt. Fans von Krimis und Adventures greifen dennoch zu.

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