Der Shogun, der das Land vereint

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Lange ist es her, dass Spieler mit „Total War: Shogun" ins alte Japan reisen konnten. Nun erschien Teil 2 und begeistert nicht nur Fans der Serie.

Das Japan der Gegenwart wartet derzeit fast täglich mit schlechten Nachrichten auf. Und auch in der Geschichte des Landes ging es schon häufig dramatisch zu. Der Kontakt zum Westen, Bürgerkriege, die Spaltung des Reichs. In „Shogun 2" nimmt sich der Spieler nun dieser Probleme an. Von Jan Schmitt

Hach, was war das schön. Mit den Briten den Atlantik durchkreuzt, die Meerenge von Gibraltar kontrolliert, die Piraten der Karibik vernichtet, Mittel- und Nordamerika eingenommen und diplomatische Beziehungen nach Indien geknüpft. Das Handelsnetz florierte, der ewige Krieg mit Frankreich schien nicht schlecht zu laufen und dank des vielen Geldes schienen alle Sorgen fern zu sein. Das war 2009. Mit "Empire: Total War" lieferte Entwickler Creative Assembly einen Strategietitel ab, das es in sich hatte und es ermöglichte, im 18. Jahrhundert die halbe Welt zu erobern. Damit setzt das Studio den Trend zu immer größeren Ausbreitungsgebieten fort, denn in den Mittelalterablegern „Medieval“ und dem antiken „Rome" ging es immer um eher kleinere Areale.

Mix aus Runden- und Echtzeitstrategie

Mit „Total War: Shogun 2" geht es nun zurück nach Japan - dort, wo die „Total-War"-Reihe im Jahr 2000 ihren Anfang nahm. Japan, ein Land, das für den westlichen PC-Spieler vielleicht nicht das geläufigste ist und oft mit Sushi, Hello Kitty, überfüllten Straßen, U-Bahn-Stopfern, Mangas, Vulkanausbrüchen und Samurai in Verbindung gebracht wird. Doch nur um letztere dreht sich der Mix aus Runden- und Echtzeitstrategie.

Die Grafik des Titels ist für ein Strategiespiel dieser Ausmaße grandios. Zusammen mit Sound und Präsentation ensteht das Bild eines feudalen Japan.

Im 16. Jahrhundert ist Japan geteilt. „Sengoku Jidai", die „Zeit der streitenden Reiche", wird man diese Epoche der japanischen Geschichte später nennen. Vom nördlichen Hokkaido bis hinunter im südlichen Kyushu streiten die Feldherren und versuchen, Reich für Reich einzunehmen - eine perfekte Grundlage für ein Strategiespiel von „Total War"-Ausmaßen. Zu Spielbeginn wird ein Clan ausgewählt, um mit dessen Anführer die Stelle des militärischen Herrscher Japans, dem Shogun, zu ergreifen. Zwischen aufstrebendem Clan und der Vereinigung der Reiche stehen jedoch eine Menge Hindernisse. Wer sich nicht um seine Ländereien kümmert, der wird keinen Erfolg haben. Wer sich nicht um seine Armeen sorgt, der wird scheitern. Wer blind gegen alle seine Kontrahenten vorgeht, wird schnell selbst überrannt. Nur derjenige, der Diplomatie, Technologie und Militär beherrscht, ist dem Amt des Shoguns würdig.

Andere Stärken, je nach ausgewähltem Clan

Im Getümmel sorgen Standarten dafür, dass man zumindest seine eigenen Einheiten erkennt. Mangels unterschiedlicher Völker ist jeder Clan mit fast denselben Truppen unterwegs.

Damit der japanischen Kaiser (Tenno) den Spieler vom simplen Clanführer (Daimyo) zum Führer der japanischen Streitkräfte (Shogun) befördert gilt es, einiges zu beachten. Das ausführliche Studium des „Hagakure" ist zwar nicht vonnöten, doch beginnen mit Spielstart direkt die Probleme. Je nach ausgewähltem Clan hat man zwar andere Stärken (Attentate, bessere Reiterei, effizientere Diplomatie) und startet an einem anderen Punkt. Die anfänglichen Aufgaben der Solokampagne unterscheiden sich allerdings auch. So wird man zumindest ein wenig an die Hand genommen und lernt die Vor- und Nachteile seines Clans kennen, ehe der Spieler seine kompletten Freiheiten bekommt. Für unerfahrene Spieler bietet „Shogun 2" allerdings zu wenig Hilfe, man fühlt sich schnell verloren und lernt erst nach und nach alle Komponenten des Titels kennen. Immerhin lässt sich im Spiel eine Enzyklopädie aufrufen, die mit hilfreichen Texten beispielsweise Begriffe erklärt oder Hintergrundwissen vermittelt.

Kein Shogun ohne „Total War"

Grundsätzlich spielt sich das Nippon-Abenteuer allerdings wie gehabt. Im Strategiemodus verschieben wir in Runden Truppen auf der Karte, ziehen Gebäude in die Höhe und rekrutieren, missionieren oder attackieren andere Einheiten. Kommt es zum Kampf, so zoomt die Kamera mitten ins Getümmel. In Echtzeit werden Truppen an strategisch wichtigen Punkten positioniert und zur richtigen Zeit dem gegnerischen Heer entgegen gescheucht. Wer Kämpfe lieber vermeidet, der versucht seine Nachbarn mit Handelsabkommen ruhig zu stellen und über diplomatische Entscheidungen nach und nach an Ruhm und Macht zu kommen - wirklich erfolgreich ist das allerdings nicht. Ohne „Total War" wird man eben auch kein Shogun. An wichtige Rohstoffe (beispielsweise Stein, Pferde oder Weihrauch) kommt man zudem am besten durch die Eroberung einer der 65 Provinzen, die das nötige Gut bereits vorrätig haben und so Kavallerie oder den Bau von Tempeln ermöglichen.

Egal ob mit Speer oder Schwert: Bei Kämpfen zwischen mehreren hundert Einheiten gehen Details sowieso unter.

Wie gehabt sind auf der Karte wieder dutzende interessanter Persönlichkeiten unterwegs. Wer einem offenen Krieg aus dem Weg gehen möchte, der schickt einen Ninja um den gegnerischen Herrscher unbemerkt zu eliminieren. Ein kurzer Animationsfilm gibt Auskunft über Erfolg oder Misserfolg. Glückt der Anschlag, so gewinnt der Ninja an Erfahrung, bekommt dadurch eine höhere Erfolgschance und beim nächsten Attentat flimmern andere Filmchen über den Bildschirm. Andere Charaktere wie Geishas, Mönche oder Missionare erfüllen ähnliche Zwecke und bekehren klammheimlich die feindliche Bevölkerung oder wiegeln sie zum Aufstand auf. Ab einem bestimmten Punkt lassen sich die Einheiten gar auf bestimmte Bereiche spezialisieren. Umso tragischer, falls mal ein Plan scheitert und der liebevoll aufgezogene Attentäter nicht von seinem Auftrag zurückkehrt.

Liebevoll gestaltete Hintergründe

Im Frühling erblüht die Landschaft und reisende Truppen müssen sich keine Sorgen über witterungsbedingte Verluste machen.

Aber auch sonst ist auf der Karte einiges los. Statt hässlichen Menüs und spartanischer Optik arbeitet man inzwischen mit liebevoll detaillierten Hintergründen, Objekten und Effekten. Töne der dreisaitigen japanischen Laute (Shamisen) oder den Taiko-Trommeln unterstreichen die harmonische Atmosphäre und sorgen für einen echten Qualitätssprung im Rundenmodus der Serie. Die Echtzeitgefechte sind dagegen immer noch recht wuselig, was bei der riesigen Einheitenmenge nicht weiter verwundert. Immerhin trägt jeder Fußsoldat inzwischen eine Standarte auf dem Rücken, die ihn der jeweiligen Seite zuordnet. Wer möchte kann Farbe und Standarte auch anpassen. Da die japanischen Streitkräfte die absolute Hauptrolle spielen, unterscheiden sich die Einheiten zwischen den einzelnen Clans nur wenig. Jeder Clan besitzt die gleiche Reiterei, und die gleichen Bogenschützen. Übermächtig ist dadurch keine Einheit. Selbst, wenn Bogenschützen mit Flammenpfeilen schnell eine halbe Armee in Brand stecken. Das Schere-Stein-Papier-Prinzip funktioniert allerdings gut.

Für „Weg des Bushido" oder „Weg des Chi" entscheiden

In der Kampagne führt der Spieler einen Clan zum Ruhm. Die Karte zeigt übersichtlich Truppen und andere Einheiten, sowie wichtige Gebäude.

Im Laufe der Zeit entscheidet man sich entweder für den „Weg des Bushido" oder den „Weg des Chi". Beide haben ihre Vorteile und schalten neue Boni frei, können jedoch nicht zeitgleich komplett aktiviert werden. Man muss also Entscheidungen treffen und genau abwägen, was in Zukunft passieren wird. Werde ich angegriffen oder habe ich meine Ruhe und versorge die Bevölkerung? Stürme ich nun als nächstes die feindliche Festung oder sichere ich lieber die Grenzen meiner Territorien? Wer allzu offensiv vorgeht, der verliert an Ehre und riskiert, dass seine Generäle bestechlich werden und feindliche Truppen einmarschieren. Ehrenvolle Strategen haben dagegen weniger mit den taktisch klug agierenden Widersachern zu kämpfen und können in Ruhe ihre Streitmacht vergrößern oder die Infrastruktur verbessern. Generell ist „Shogun 2“ schwerer geworden. Selbst auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad ist es nicht mehr möglich, mit einer Armee quasi Provinz nach Provinz einzunehmen, ohne größere Schäden zu erleiden. Spätestens, wenn der Winter einbricht und die Armee auf offenem Feld kampiert, werden die Verluste zu groß. Schlachten automatisch ablaufen zu lassen, endet zudem häufig mit einer Niederlage.

Kyoto, Quell der Macht

Neigt sich die Kampagne dem Ende zu, so sollte man im Idealfall schon mit seinen Truppen in der Kaiserstadt Kyoto einmarschiert sein. Ein Jahr muss die Stadt gehalten werden um die Bedingungen zu erfüllen - doch die Widersacher rücken geschwind vor und so wird es am Ende noch einmal spannend. Wohl dem, der genug Gegner zu Vasallen degradiert hat, die ihm - computergesteuert - eventuell zur Hilfe eilen. Bei den Belagerungen ist so oder so jede Hilfe recht. Denn nur, wer das Haupthaus hält, gewinnt die Schlacht. Davor werden äußere Mauern verteidigt und gestürmt, der Gegner an Engpässen festgehalten und mit Pfeilhagel eingedeckt.

Total War: Shogun 2

Ab 12 Jahren

Erhältlich für: PC

Homepage

Schlussendlich ist „Total War: Shogun 2" das bisher beste Strategiespiel des Jahres. Selbst die Mehrspielerpartien, in denen man seinen Daimyo weiterentwickeln kann und - fast wie im Rollenspiel - aufwertet, sorgen für einige Tage oder Wochen Unterhaltung. Die Grafik ist schön, der Sound nahezu fantastisch, der Spielfluss gut. Einzig kleinere Aussetzer, längere Ladezeiten oder Probleme in den Seegefechten stören das Gesamtbild ein wenig.

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