Nahezu perfektes Mittelalter-Abenteuer im Fantasyuniversum

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Der Hexer ist wieder da! Mit „The Witcher 2“ liefern die polnischen Entwickler ein Rollenspiel der Spitzenklasse ab.

Sie sind selten geworden. Diese Spiele, die man startet und darin versinkt. In denen nicht nur der Erfolg und die bessere Waffe, sondern die ganze Geschichte, das ganze Universum locken. „The Witcher 2“ ist so ein Spiel. Von Jan Schmitt

Der Hexer – Frauenheld und Mix aus Magier, Schwertkämpfer und Bestientöter – hängt in Ketten, wird gefoltert, steht an der Schwelle zu Leben und Tod. Wie kann das sein? Spieler des ersten Teils von „The Witcher“ blicken wohl noch eher durch als es alle anderen, die einfach den Bildschirmanweisungen folgen und schon in der ersten Spielstunde einer Belagerung und einem Techtelmechtel beiwohnen und vor einem respekteinflößenden Drachen fliehen. Doch man muss den Vorgänger nicht gespielt haben, um der Geschichte von „The Witcher 2“ folgen zu können. Zwar werden immer wieder Anspielungen gemacht und auch alte Bekannte tauchen wieder auf, doch wirklich notwendig für den Spielfluss ist alles nicht. Wer sich für das Universum interessiert, sollte sich zudem so oder so die Romane des polnischen Autoren Andrzej Sapkowski besorgen.

Weitsicht und generelle Aufmachung des Titels sind klasse. Selten sah ein Spiel auf dem PC so gut aus, alles wirkt wie aus einem Guss.

Ohne die Geschichte des Titels nun aufklären zu wollen: Was man in den ersten zwei von drei Kapiteln erlebt, ist auf wirklich extrem hohem Niveau. Sicherlich, an klassische Literatur reicht die Fantasygeschichte nicht heran, doch im Vergleich zu anderen Rollenspielen, man denke nur an das vergleichbare „Dragon Age 2“, spürt man hier wirklich die Leidenschaft, die Qualität – und es ist diese Qualität, die sich durch die Umsetzung zieht. Alles wirkt wie aus einem Guss. Nie gibt es Situationen, in denen irgendetwas absurd wirkt oder aus der Menge heraussticht. Die eher düstere, mittelalterliche Welt passt perfekt zum Helden Geralt von Riva und dessen Eigenarten. Eigenarten, die sich wiederum in dem kompletten Setting widerspiegeln.

Protagonist wider Willen

Geralt von Riva, seines Zeichens Monsterjäger und Hexer, ist ein vielgefragter Mann mit vielen Feinden. Durch seine magische Begabung, sein alchemistisches Wissen und die Kunst im Schwertkampf wird er oft mit Respekt bedacht. Viele Menschen fürchten ihn, viele setzen ihre Hoffnungen in den weißhaarigen Mann. Er selbst ist jedoch kritisch, oftmals ernst, gar zynisch und will sich am liebsten allem entziehen. Wie sich Geralt im Laufe der Geschichte verwandelt und wie die Geschichte sich durch Geralt verändert, das entscheidet der Spieler. Heldenhaft ist er immer, doch liegt es oft in der Hand des Spielers, ob er gnadenlose Gerechtigkeit walten lässt, sich aus allem heraushält oder Erbarmen zeigt. Jede Aktion hat dabei ihre Reaktion. Gut und Böse gibt es nicht. Vermeintlich schlechte Entscheidungen können sich wenige Stunden später als absoluter Glücksfall herausstellen und selbst Nebenaufträge können die Hauptstory verändern.

Egal ob im Kampf oder im Lager: Geralt macht überall eine gute Figur und verführt während seiner Abenteuer die eine oder andere Schönheit.

Wenn der Hexer sich gerade einmal nicht mit Gesprächen und Entscheidungen befasst, ist er oftmals damit beschäftigt zu sammeln. Er sammelt Kräuter, Handwerksgegenstände, Waffen, Kleidung, Schmuck, Krimskrams. Kurz: Er sammelt alles und bis er nicht mehr schnell laufen kann. Klingt nicht so tragisch wie es ist, denn schon im Tutorial erreicht der Hexer seine maximale Belastungsgrenze. Händler sind rar gesät. Wer also nicht selektiert und auswählt, was er wirklich alles mitnehmen soll, ist schnell damit beschäftigt, bei Eskortaufträgen in der schützenden, sich bewegenden Barriere zu bleiben. Das ist leicht passiert – und nicht witzig. Schade, dass die Entwickler nie die Möglichkeit eines Lagerplatzes in Betracht zogen und es somit nicht möglich ist, etwa Handwerkswaren zwischenzulagern. Aus den gesammelten Gegenständen lassen sich im Übrigen Tränke herstellen oder – beim Schmied – Waffen erstellen.

Frustrierendes Neuladen des Speicherstands

Als Monsterjäger trifft Geralt ab und an auch mal auf etwas größere Gesellen. Hier beispielsweise ein riesiges Tentakelwesen.

Mit guter Ausrüstung klappt es mit den Kämpfen dann auch ganz gut. Der gehobene Schwierigkeitsgrad sorgt ansonsten regelmäßig für frustrierendes Neuladen des Speicherstands. Dabei sorgen weder Kamera noch Steuerung für Probleme – vielmehr ist es die Raffinesse der zahlreichen Widersacher, die ein präzises Kontern zur Herausforderung machen. Welchen Pfad der Entwicklung der eigene Hexer dabei geht, ist relativ egal. Zwar hat jeder der drei Bäume seine Vor- und Nachteile, doch müssen selbst spezialisierte Magier desöfteren auf ihr Schwert zurückgreifen, während Schwertkämpfer ihre Magie zur Unterstützung nutzen und Alchemie-Spezialisierte die beiden anderen Bäume quasi nur verfeinern und so das Spiel generell leichter machen. Tränke im Kampf zu sich nehmen geht übrigens nicht, die zahlreichen Stärkungs- und Regenerationstränke werden beim Meditieren in Ruhe eingenommen. Wer zu viel trinkt, vergiftet sich dabei zusätzlich auch noch, genaue Planung ist somit ein Muss.

Auf Englisch ist die Synchronisation noch besser

Technisch ist „The Witcher 2“ über alle Zweifel erhaben. Auf dem PC markiert der Titel eine neue Ära und ist eins der bestaussehenden Spiele auf dem Markt. Auch auf die Ohren gibt es dank eines atmosphärischen Soundtracks einiges, und wer das Spiel auf Englisch spielt, erlebt zudem nochmals ein Qualitätsplus in der Synchronisation. Die Steuerung in den Kämpfen ist zwar ab und an ein wenig träge, wirkt jedoch realistisch. Damit Bewegungen ineinander übergehen und nicht abgehackt oder mittendrin gestoppt werden, sollte man eine andere Taste drücken.

The Witcher 2

Ab 16 Jahren Erhältlich für: PC

Homepage

Selbst mit einem schwächelnden dritten Kapitel ist „The Witcher 2“ somit das bisher wohl beste Rollenspiel des Jahres und mit 25 bis 50 Spielstunden (je nach eigener Spielweise) auch durchaus für das Sommerloch geeignet. Fans von Mittelalter, Fantasy und Rollenspielen sind hier richtig und sollten sich den Titel nicht entgehen lassen. Käufer der Erstauflage erhalten zudem einige kleine Extras wie eine kleine Münze im „Witcher“-Design und den Soundtrack ohne Aufpreis.

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