Melancholisches Märchen

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„The whispered world" ist ein spielbares Märchen. Helfen Sie Clown Sadwick die Welt zu retten.

Clown Sadwick führt ein kümmerliches Leben. Für das Zirkusleben ist er zu ungeschickt, Bruder Ben kommandiert ihn nur herum und der senil gewordene Großvater hat einen Gefallen an außergewöhnlichen Speisen gefunden. Von Jan Schmitt

Der Hamburger Spieleschmiede „Daedelic" ist es tatsächlich gelungen; mit ihrem neusten Werk „The whispered world" erschuf sie ein fantastisches Adventure, das sich fast mühelos mit bisher unerreichten Klassikern wie „Day of the tentacle" oder „Monkey Island" messen kann. In der Rolle des jungen und melancholischen Clowns Sadwick reist der Spieler durch eine wunderschöne Welt voller skurriler Charaktere, witzigen Situationen und knackigen Rätseln.

Schon beim Spielstart fällt die Detailverliebtheit und Kreativität der Entwickler auf. Zusätzlich zum normalen Kopierschutz liegen drei zwölfseitige Runenwürfel der Spielepackung bei, die bei jedem Spielstart neu positioniert werden müssen. Es erscheinen drei Würfel auf dem Bildschirm - jeweils mit nur einer sichtbaren Rune und einem Fragezeichen daneben. Der Spieler muss nun die Würfel so drehen, dass er die fehlende Rune eingeben und somit beweisen kann, dass das Spiel samt Würfeln legal erworben wurde.

Das Spiel startet im Herbstwald im Lager des Zirkus.

Mit einem an alte Cartoonserien erinnernden Intro startet das Abenteuer schließlich. Sadwick träumt zum wiederholten Male vom Weltuntergang. Dementsprechend ist auch seine Stimmung, als er schließlich aufwacht und der Spieler die Kontrolle übernimmt. Niedergeschlagen, ein wenig ängstlich und von Melancholie nur so triefend wird der alte Wohnwagen inspiziert und jedes Detail kommentiert. Ein Druck auf die Leertaste zeigt alle relevanten Interaktionspunkte an, nichts zu übersehen ist also nicht weiter schwierig. Mit flinken Fingern werden die ersten Gegenstände eingepackt und schließlich wird der Wagen verlassen.

Draußen wartet schon Sadwicks einziger Freund und Zuhörer: Raupe und Haustier Spot. Während Bruder Ben wieder einmal herummäkelt, dass der kleine Clown zu spät aufgestanden sei und Großvater mal wieder seine berüchtigte Petroleumsuppe kocht, beschließt Sadwick dem Grund für seine Alpträume nachzugehen, das Schaustellerleben hinter sich zu lassen und zusammen mit Spot auf eigene Faust loszuziehen. Ob an den Alpträumen wirklich etwas Wahres dran ist und ob Sadwick etwas damit zu tun hat, sagen wir an dieser Stelle nun erst einmal nicht.

Finden Sie einen Gegenstand, so landet er im Inventar und lässt sich dort mit anderen Gegenständen kombinieren.

Dabei ist „The whispered world" ein „Point&Click"-Adventure wie es im Buche steht. Gesteuert wird komplett mit der Maus. Ein Rechtsklick öffnet das Inventar mit all seinen Gegenständen, ein Linksklick lässt Sadwick zur ausgewählten Position gehen und eine gedrückte linke Maustaste öffnet ein Menü mit drei Symbolen für „Betrachten", „Reden" und „Nehmen". Doch eine weit entfernte Insel lässt sich nicht nur betrachten und ein lose herumliegender Stock kann nicht nur mitgenommen werden - jede Interaktion mit jedem Interaktionspunkt ist möglich. So fragt sich Sadwick, ob es jemand sehen würde, würde er nun in Richtung der Insel winken oder kommentiert - benutzt man die „Mund-Aktion" mit dem gefundenen Stock - mit einem schlichten „Für einen Zahnstocher ist er zu groß". Somit macht es durchaus Sinn auch mal die seltsamsten Kombinationen zu probieren, denn oftmals gibt es lustige Kommentare oder Hinweise für zukünftige Rätsel.

Diese sind ebenso innovativ wie schwierig und witzig. Auf der Suche nach Orakel Shana begegnet Sadwick beispielsweise den beiden die Weltherrschaft anstrebenden Steinen Ralf und Yngo, die in unterschiedliche Richtungen blicken. Während Ralf behauptet, Shana würde in der Hütte etwas abseits seines Sichtfeldes leben, erzählt Yngo, dass die Hütte schon vor Jahren in den Abgrund gestürzt ist und nur noch die Tür stehen würde. Dennoch müsse Sadwick durch die Tür, um zum Orakel zu gelangen. Gehen wir nun einfach normal durch die Tür, passiert nichts und die Steine verhöhnen uns. Die Lösung: Sadwick muss um die Tür herumgehen und von hinten durch den Türrahmen treten - erst dann landet er in Shanas nicht mehr existierenden Hütte.

Im Laufe des Abenteuers stoßen Sie auf viele ungewöhnliche Dinge.

Besonders ab der Spielmitte wird Raupe Spot zum unverzichtbaren „lebenden Universalwerkzeug". Der kleine Begleiter kann nämlich nicht nur knuffig gucken und fiepen, nein, er kann auch bis zu vier verschiedene Formen annehmen. So geht er wortwörtlich in Flammen auf, spaltet sich in fünf kleine Minispots, wird zum kugelrunden Gewicht oder kriecht als plattgewalzte Raupe unter Türen durch. Nur durch den geschickten Einsatz der Fähigkeiten lassen sich manche Rätsel lösen, später im Spiel hat Spot sogar einen kleinen Soloauftritt. Dennoch sind manche Rätsel extrem absurd und lassen sich nur durch das „testen und scheitern" (trial & error) Prinzip lösen. Andere dagegen erfordern fast schon logistische Meisterleistungen, wenn beispielsweise eine Farbe gebraut oder Wappenteile richtig angeordnet werden wollen.

The whispered world Freigegeben ab 6 Jahren Erhältlich für: PC

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Hintergründe und Charaktere des Spiels sind - wie schon erwähnt - wunderschön. Die Farben sind eher trist und stehen im direkten Gegensatz zu den witzigen Dialogen, spiegeln jedoch auch den depressiven Gemütszustand Sadwicks dar und wirken somit unglaublich passend. Selbst die Animationen des „Helden" vermitteln dieses Bild und nur selten lässt sich der Clown zu einem Lächeln verleiten. Auch die Handlung sowie das exzellente Ende sind eher tiefgründig und somit vielleicht nichts für allzu junge Spieler - auch wenn das Spiel ab sechs Jahren zugelassen ist. Dennoch kommt durch die Mischung aus fordernden Rätseln, interessanten Charakteren und gut vertonten Multiple-Choice-Dialogen schnell Atmosphäre auf. Wer dem Adventure-Genre also auch nur einen Hauch an Interesse abgewinnen kann, greift zu!

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