Luxus der Zarenzeit

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Das Ei mit dem Doppeladler schuf die Moskauer Manufaktur Grigorij Michailowitsch Sbitnjew 1910. 

Frankfurt - Auch wenn der Winter kaum weichen will, die Ostereiermärkte florieren. Den kostbarsten Beitrag dazu leistet ab morgen das Frankfurter Ikonen-Museum mit etwa 300 luxuriösen russischen Ostereiern aus Zarenzeit und Jugendstil, die sich selbst Moskauer und Petersburger Haute volée kaum leisten konnte.Von Reinhold Gries

Weltberühmte Schmuckeier aus dem Hause Romanow, meist gearbeitet aus Silber, Gold und Porzellan, veredelt in kunstvoll aufgeschmolzener Emailtechnik, bekrönt mit Kreuzen, Doppeladlern und funkelnden Edelsteinen. Das im Mittelalter von Byzanz bis ins französische Limoges vorgedrungene Email-Kunsthandwerk fand eine Renaissance durch den St. Petersburger Goldschmied Carl Fabergé (1846-1920). Er übernahm 1870 die Leitung der väterlichen Manufaktur und gründete mit seinen vier Söhnen Dependancen in Moskau, London und Paris.

„Kunstvolle Ostereier aus russischen Werkstätten“ bis 24. Mai im Ikonen-Museum Frankfurt, Brückenstraße 3-7. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr , Mittwoch bis 20 Uhr.

Von dort gingen nicht nur kostbare Miniaturen, Dosen und Schmuckstücke in alle Welt, auch die ab 1885 vom Hofjuwelier des Zaren gefertigten Fabergé-Ostereier. Die Romanows griffen auf alte Traditionen zurück und verschenkten die Preziosen zu Ostern an Familie, Freunde und hochgestellte Persönlichkeiten. Damit wurden sie Trendsetter bestechend schöner Produkte aus Moskauer und Petersburger Manufakturen, verbunden mit Meistern wie Chlebnikow, Sasikow, Sbitnjew und Owtschinnikow. Mit der Oktoberrevolution 1917 kam das rapide Ende dieser Luxus-Galanterien, bis sich „Mütterchen Russland“ nach Gorbatschows Perestroika an alte Bräuche und Legenden erinnerte, nach denen sich im Moment der Auferstehung Christi alle Steine des Kalvarienberges in rote Eier verwandeln. So ist es mehr als Dekoration, wenn die „Ausstellungsinseln“ zwischen den Ikonen Auferstehungs- und Muttergottesmotive zeigen, aufgemalt auf große Ostereier aus Holz und Pappmaché oder in Form ikonenhafter Bildeier gefügt in goldene Filigrangehäuse. Das „XB“ steht dabei für den altgläubigen Ostergruß „Christos voskese“ (Christus ist auferstanden). Populär die Schmuckeier aus Email mit silbernen Aufsätzen aus Tierhuf-, Adlerkrallen- oder Frauenmotiven. Sie ließen sich besser aufbewahren als rotgefärbte Natureier, die man als Symbol für Jesu Blut nach dem Gottesdienst schenkte. Die Sammelleidenschaft der Privatbesitzer ist nachzuempfinden, wenn jemand winzige Schmuckeier in der Hand hält, die ein persönliches Innenleben besitzen – echte Überraschungseier. Die Kleinode, oft an Halsketten oder Armbändern aufgereiht, schillern in allen Emailfarben, funkeln in Edelsteinschliff oder entzücken durch silberne Bärchen und Hühnchen. Große Eier aus zwei Hälften bedienen eher repräsentativen Luxusgeschmack. Beliebte Schmelzfluss-Motive sind Schwäne und kaiserliche Doppeladler im Rocaille-Spiegel, Lilien und Libellen zwischen Schmuckbändern in Türkis-, Grün- und Blautönen. Einfluss des Orients verraten Ornamenteier mit Blumen und feinen Borten in Kachelreihung. Auch darin wurden Leckereien oder Präsente verwahrt. Angesichts der großen Kunstfertigkeit russischer Manufakturen und der frühlingshaften Farbigkeit der Exponate ist der fließende Übergang zu dem, was manche Kitsch nennen, unerheblich.

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