Endstation Industriegebiet Schaafheim

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Die fast komplette Zirkusfamilie: In der Mitte Mario rechts Lissy und Friedrich sowie auf der linken Seite Tim Weiß inmitten der Kinderschar.

Schaafheim - Manchmal geht es in der Welt der Menschen zu wie in der Tierwelt: Wenn das Leitpferd fehlt, verirrt sich die Herde. Das ist auch der Grund, warum Lissy Weiß an diesem sonnigen Nachmittag am Ortsrand Schaafheims fast schon resigniert wirkt. Von Jens Dörr

Die 30-Jährige ist vierfache Mutter und gehört dem Zirkus „Armania“ an, der aktuell im Industriegebiet-Ost der Babenhäuser Nachbargemeinde seine Wohnwagen aufgestellt und das Zelt für die Tiere aufgebaut hat. Weiß sitzt auf einem Campingstuhl und sieht hoffnungslos aus. Das passt indes nicht zu den Sätzen, die Mario Weiß sagt: „Wir lassen uns nicht kaputtmachen“, meint der braungebrannte junge Mann mit dem weißen Muskel-Shirt. Und er erweckt dabei tatsächlich noch den Eindruck einer Kämpfernatur.

Es ist ein hartes Los, das den Zirkus „Armania“ getroffen hat. Zirkusdirektor Werner Weiß, Lissys Mann, starb Ende Mai im Alter von 56 Jahren – für alle völlig überraschend. Der starke Mann des seit 1842 bestehenden Familienunternehmens war vom einen auf den anderen Tag nicht mehr da, der Zirkus ohne Führung. Lissy und Mario Weiß sind nun die Chefs und für rund zehn Erwachsene sowie – wie bei Zirkussen oftmals üblich – eine große Kinderschar verantwortlich.

Sie sehen sich mit großen Problemen konfrontiert: Eigentlich will man ins Heimatquartier im pfälzischen Waldmohr zurückkehren, für die Fahrt fehlt aber das Geld. „Wir haben keine Möglichkeit, groß etwas anzusparen“, sagt Mario Weiß. Als kleiner Familienzirkus lebe man von der Hand in den Mund, von Vorstellung zu Vorstellung. „Mehr brauchen wir auch gar nicht, zuletzt ging es aber durch den Tod von Werner Weiß nicht mehr vorwärts bei uns.“ Also gab man die Umzugspläne auf, blieb in Schaafheim.

Optimismus sieht anders aus: Lissy Weiß in ihrer Küche.

Das bestätigen auch das Ordnungsamt Schaafheim und der Landkreis Darmstadt Dieburg. „Familie Weiß hat ihre Umzugspläne mittlerweile verworfen“, sagt Elke Höreth, Leiterin des Schaafheimer Ordnungsamts, die den Zirkus-Leuten eher distanziert gegenüber zu stehen scheint. Außerdem fehle den Leuten von „Armania“ zurzeit ein fester Wohnsitz, auch wenn sie ein Dach über dem Kopf hätten. „Es geht leider nicht um das Wünschenswerte“, merkt Höreth an, wenn es um die Frage des zukünftigen Standorts von „Armania“ geht. „Wir reden aber gerne mit Familie Weiß, wenn die auf uns zukommt.“ Kreispressesprecher Peter Tränklein erklärt derweil, Familie Weiß habe den Beitrag zum Unzug, den der Kreis Darmstadt-Dieburg gewährte, wieder zurück überwiesen.

Lissy Weiß befürchtet unterdessen, man wolle die Zirkusleute vom aktuellen Platz im Industriegebiet vertreiben. Dabei sei das karge Areal am Eichenweg ohnehin nur die Notlösung. In den vergangenen Jahren, als man in Schaafheim längere Zeit das Quartier aufschlug, habe man stattdessen auf einer schönen Wiese campiert. Dort dürfe man nun aber nicht mehr hin. „Wobei sich die Gemeinde Schaafheim schon Mühe gibt, uns zu helfen“, betont Lissy Weiß. So klappe es etwa mit Strom- und Wasseranschlüssen sehr gut. Wegen der Kinder hadert sie allerdings mit dem eher unwirtlichen Platz, auf dem man nun untergebracht ist. „Draußen fahren die Lastwagen vorbei, das ist sehr gefährlich“, so die jetzige Chefin. Trotzdem würde man gerne dort bleiben, wolle im August auch wieder zu Vorstellungen fahren. Grundproblem für die fehlende Flexibilität ist und bleibt aber die schwierige finanzielle Situation des Zirkus’.

Damit steht „Armania“ nicht alleine da: „Die momentane wirtschaftliche Lage trifft eben alle, das gilt für Kinos genauso wie für Zirkusse“, sagt Guido Roß, Chef der Fachzeitschrift „Circus Journal“. Man könne aber nicht sagen, dass die Zirkusse allesamt große Schwierigkeiten hätten oder generell vom Aussterben bedroht seien. Circa 300 Zirkus-Unternehmen gebe es in Deutschland, davon laufe es bei vielen recht ordentlich. „Vor allem dann, wenn sie zum Beispiel mit Schulen kooperieren oder sich derlei Dinge einfallen lassen“, sagt Roß. Es gebe eben wie überall auch in dieser Branche gute und schlechte Unternehmen. Ein gutes Unternehmen etwa kapiere, dass man „heute keiner Frau mehr zumuten kann, mit Stöckelschuhen über eine matschige Wiese zu laufen, um sich dann auf einen Klappstuhl zu setzen“, formuliert es Roß.

Das Gewerbegebiet in Schaafheim ist ein eher unwirtlicher Ort - für Kinder wie Erwachsene.

In den Erzählungen von Friedrich Weiß klingt das anders: Der 50-Jährige, der bei „Armania“ unter anderem für die Tierdressuren verantwortlich ist, kann zusammen mit Mario und Lissy Weiß aus dem Stehgreif vier oder fünf Unternehmen aufzählen, die vor kurzem dicht machen mussten. Meist bekomme die Öffentlichkeit davon aber nichts mit. Im Licht der Öffentlichkeit stünden natürlich Groß-Zirkusse wie „Krone“ oder „Roncalli“. Obwohl aus Sicht der Pfälzer Zirkusfamilie die Qualitäts-Unterschiede zwischen ihren Nummern und denen der großen Zirkusse gar nicht so immens seien. Wie zum Beweis lässt Friedrich Weiß anschließend seinen Hund durch Reifen springen, führt Multi-Talent Tim Weiß eine Jonglage-Nummer auf. Außerdem tritt er als Feuerspucker und bei weiteren Nummern auf. Neben den Tiervorführungen mit Lamas, Ponys und Hunden gibt es bei den Vorstellungen von „Armania“ unter anderem auch Drahtseilakrobatik oder eine Wildwest-Show zu sehen. Sicher weniger prunkvoll als beim Festival in Monte Carlo, dafür mit acht bis zwölf Euro Eintritt noch für fast jeden erschwinglich.

Friedrich Weiß führt einen seiner dressierten Hunde vor.

Dass tendenziell trotzdem weniger Kinder in den Zirkus gehen, führen sowohl die Familie Weiß als auch Roß vom „Circus Journal“ auf die zahlreichen anderen Freizeitmöglichkeiten zurück. „Die Kleinen im Zirkus kennen oft nur ihre Welt bis zum Zaun“, sagt Roß. Für den „normalen“ Jugendlichen gebe es aber dank Computer, Sportverein und vielen anderen Freizeitbeschäftigungen genug andere Zerstreuung, so dass er „vielleicht gar nicht mehr“ in den Zirkus gehe. So anders als die „normalen“ Kinder sind die des Zirkus Weiß indes nicht – sie gehen etwa ganz regulär in die Schaafheimer Schule.

Wo es sie im restlichen Jahr überall hinverschlagen wird, das wissen indes weder Lissy noch Mario Weiß. Ein bürgerliches Dasein jenseits des Zirkus ist für die Artisten allerdings unvorstellbar. „Wir wollen niemandem zur Last fallen, aber das hier ist nun mal unser Leben.“ Dem Nachwuchs im Zirkus „Armania“ dränge man derweil nichts auf: „Die Kinder können später auch was anderes machen.“

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