Schweißperlen statt Tränen

Nach 22 Jahren: Abschied vom Rock’n-Roll-Fasching

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Vorerst treffen Karneval, Rock’n Roll, Fassenacht und Schlager in der Offenbacher Stadthalle nicht mehr so ausgelassen aufeinander, wie es zweimal elf jahre der Fall war.

Offenbach - Nach 22 Jahren erloschen für einen Dino der Offenbacher Abendunterhaltung die Lichter – der Rock’n’Roll-Fasching ist Geschichte. Aber statt Tränen flossen beim Partyvolk Schweißperlen. Von Harald H. Richter

Von etwas Liebgewonnenen und Vertrautem Abschied zu nehmen, lässt manchen sentimental oder gar wehmütig werden. Davon freilich ist kaum etwas zu spüren, als am Freitagabend in der Offenbacher Stadthalle fast 1500 Feierfreudige den mutmaßlich letzten Rock’n’Roll-Fasching mit sämtlichen Sinnen genießen. „Das Publikum hat bei unseren Veranstaltungen viele tolle Künstler erlebt“, sagt Organisator Günter Doll zurückschauend. Jürgen Drews und Drafi Deutscher seien darunter gewesen und fast alle beim Partyvolk bestens angekommen. Nur einmal habe man mit einer Band eine Bauchlandung erlitten. „Ausgerechnet Geier Sturzflug“, bemerkt Doll schmunzelnd. Davon sind die Protagonisten des finalen Rock-Ereignisses gehörig entfernt.

Zur 22. Auflage hat der 67-Jährige wiederum schillernde Musiksterne vom Unterhaltungshimmel geklaubt, die mehr als fünf Stunden das vielfarbig kostümierte Publikum zu begeistern verstehen. Die Bühne rockt zunächst Thomas Jeutter alias Tom Jet. Seine Retro-Show-Band hat das Beste aus fünf Jahrzehnten der internationalen Charts im Repertoire. Die Vollblutmusiker und Sängerin Christin ziehen während der folgenden Stunde sämtliche Register ihres Könnens, sind mit Leidenschaft, unbändiger Spielfreude und Spaß am Entertainen bei der Sache. Eigenschaften, die auch auf Roy Hammer und die Pralinées zutreffen.

„Wir feiern eine Hammer-Party!“, ruft Frankfurts ungekrönter Schlagerkönig in den Saal, und die tosende Menge erhebt den Spruch des Meisters zum Motto des Abends. Die Band ist bekannt für ihren Hang zu skurriler Verkleidung und Maskerade – einem signifikanten Merkmal von Fasching, Fastnacht, Karneval. Also tritt Sängerin Trude Blume, vom Bandleader als holländische Göttin der Nacht ausgerufen, mit aus Gardine und Schonbezügen geschneiderter Garderobe ins Rampenlicht, eigens gedengeltes Geschmeide um den Hals und – ihren männlichen Bandkollegen gleich – mit Riesenbrille und wilder Perücke ausstaffiert.

Die hammer-starke Band besingt Gummiboote, Lollipops und Schokolade, bis auch der letzte Faschingsmuffel begreift, worum es an diesem Abend geht: um Partyspaß und gute Laune, steigendes Flirtfieber und gruppendynamischen Kalorienabbau auf der Tanzfläche. Das Publikum wird selbst ein Teil der Show, stimmt singend und die Arme reckend in die Hits der 60er- und 70er-Jahre ein, lässt die Neue Deutsche Welle bis in die hinterste Ecke der Halle schwappen und sich von einem Medley aus Erfolgssongs beglücken, die einst Nena und Marianne Rosenberg trällerten.

Rock n Roll Fasching in der Stadthalle Offenbach: Bilder

Zwischendurch macht auf der Zielgeraden zum Fastnachtswochenende standesgemäß das lederanische Prinzenpaar, ihre Lieblichkeiten Michael I. (Wolfram) und Simone Andrea I. (Klasterka), nebst Gefolge seine Aufwartung. Es belohnt Moderator Jeutter sowie Regisseur Doll mit den Orden der Kampagne und lässt ein dreifach donnerndes „Offebach Hallau!“ erschallen. Konditionell bestens vorbereitet werfen in einer weiteren Zwischeneinlage die jungen Frauen der Blau-Weiß-Roten Mozart-Husaren während ihrer Cheerleader-Performance Beine und Pompons in die Höhe. Auch das Publikum setzt in stilvoller Selbstinszenierung manch blinkenden Akzent – von der funkelnden Königskrone bis zum Leuchtschuhwerk ist alles vorhanden, was Aufmerksamkeit weckt. Sehen und nicht übersehen werden lautet die Devise.

Deshalb dürfen Glamour und Glitzer nicht fehlen, um majestätische Roben oder stattliche Kapitänskleidung mit Biesen, Schulterstücken und Mütze zur Geltung zu bringen. Wenn Flower-Power-Girls dann noch mit knallharten FBI-Agenten liebäugeln, die Spinnenfrau ihren Elvis umgarnt, der mutige Musketier mit Erfolg um die Gunst einer adeligen Schönen buhlt und ein Imker seine honigsüße Biene über die Vorzüge des Bestäubungsvorgangs aufklärt, erfüllen sich die Erwartungen an einen angenehmen Abend.

Bilder: So schön war der Fastnachtsumzug durch Bieber

Zu mitternächtlicher Stunde setzen die temperamentvolle Teresa Kästel & The Prestigious Band mit reichlich Frauen-Power einen Glanzpunkt. Die seit vielen Jahren in Deutschland lebende gebürtige Filipina entfacht, von ihren Töchtern vokal begleitet, mit ihrer international besetzten Formation ein wahres „Disco Inferno“. Sehr zur Freude auch zweier Enddreißiger, die aus Frankfurt herüber gekommen sind. „Die Frau singt super, einfach Spitze“, schwärmt Jörg-André und lässt sich von Begleiterin Bianca nach einer ausgedehnten Tanzrunde die Schweißperlen von der Stirn tupfen.

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