(He)laue Temperaturen

Bieberer Narrenzug schiebt sich durch Gassen voller Zuschauer

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Very bieberisch: Die „Tormwäschder“ haben sich als Beefeater verkleidet, und sind zum Glück nicht so schweigsam, wie die echten vorm Buckingham Palace in London.

Offenbach - Keine Spur von Regen und Sturm. Bei idealem Wetter geht der Bieberer Fastnachtsumzug am Samstag an der Poststraße los und endet am Ostendplatz. Tausende säumen bei friedlich entspannter Stimmung den Weg. Von Stefan Mangold

Markus Merkel, der Vorsitzende des Musikvereins Eintracht, erzählt, schon bei Schneeregen durch Bieber gezogen zu sein. Spaß macht so was keinem. Da wirkt der heutige Sonnenschein gänzlich anders auf Gemüt. Doch egal bei welchem Wetter: Die Musiker des Eintracht-Orchesters müssen schon seit ein paar Jahren nicht mehr laufen. Sie spielen als falsche Mexikaner auf einem Wagen. Schon eine halbe Stunde bevor der Bieberer Fastnachtsumzug gegenüber der S-Bahnhaltestelle startet, haben sich alle 27 Gruppen positioniert. Manche kommen von auswärts, wie der Spielmannszug Hainstadt oder die Elfer der Gemaa Tempelsee, auch wenn die quasi ums Eck residieren. Sie hätten niemals irgendwelche Spitzen von Bieberer Separatismus zu spüren bekommen, betonen die Gemaa-Elfer Matthias Roth und Jürgen Kofink.

Griechische Göttinnen geben diese beiden Umzugsmitläuferinnen. Sie verteilen duftes Zeug an die Zuschauer, nämlich rote Nelken.

Am Anfang des Zuges läuft der 18-jährige Tillmann Ott vom Bieberer Heimatverein mit Fahne und „Bieber helau“. Traditionell organisiert der Club den Umzug. Dessen Vorsitzender Egbert Färber erscheint in einem Kostüm, das, zumindest was die Kulleraugen betrifft, an das freundlich freche Krümelmonster aus der Sesamstraße erinnert. Die Protagonisten des Heimatvereins haben sich offensichtlich beim selben Kostümverleih die Klinke in die Hand gegeben. Färber dementiert zwar eine Absprache, viele erscheinen aber wie aus einem Guss. Pünktlich geht der Bieberer Fastnachtszug los. Die größte Gruppe bilden die Frauen, Männer und Kinder mit den roten Zwergenmützen, 110 an der Zahl. Auch Schneewittchen ist mit von der Partie, in Gestalt von Mia Bauer, der Leiterin des Katholischen Kindergartens von St. Nikolaus. In diesem Jahr hätte sich das Interesse unter den Eltern überschlagen, hier teilzunehmen. Christine Dittrich läuft mit Tochter Carla. Die geht zwar schon in die Schule, doch Bruder Paul besucht die U3-Gruppe des Kindergartens. Auch eine Oma-Enkel-Kombination wartet, dass es losgeht, Renate Mettin und der dreijährige, bestens gelaunte Oliver.

Auf der Langener Straße kommt vom Rand aus Enkel Benedikt und begrüßt seine Oma Helga Ortwein. Wie ihre neun Mitstreiterinnen aus dem Wassersportverein Offenbach schreitet die 75-Jährige in selbst geschneiderten Kostümen als englische Ladys des 19. Jahrhunderts durch die Gassen. Höchst venezianisch wirkt hingegen Gabriele Ring, die Vorsitzende des Gewerbevereins Bieber, der auf seinem Wagen eine Gondel mit sich führt. Auf der prangt der Schriftzug: „Von Venedig nach Bieber, kein Weg ist uns lieber.“

Bilder: So schön war der Fastnachtsumzug durch Bieber

Passend zum Frühlingswetter haben sich diese Narren als grüne Schmetterlinge kostümiert.

Egal ob an der Flur-, der Innsbrucker oder der Wingertstraße, man merkt, in Bieber weht ein sinnenfroher Geist. Überall reichen Leute den Zugteilnehmern Becher mit Schnaps oder Sekt und Schmalzbrote für das gewisse Fundament im Magen. Auch Parteien finden sich im närrischen Lindwurm. Die Mitglieder der Offenbacher CDU erscheinen samt Sozialminister Stefan Grüttner als Schornsteinfeger, die Ortsgruppe der SPD Bieber samt Dezernent Felix Schwenke geben sich als Feuerlöscher. Inhaltlich agieren die Freien Wähler. Die prangern mit Wohnungsanzeigen die stetig steigenden Mieten in Offenbach an. Am Rand bücken sich wie immer nicht nur die Kinder nach Süßigkeiten. Enttäuscht werden sie auch von Antonio Accardo nicht, der wie die anderen Eltern der dritten Klasse der Grundschule im Bademantel und mit Schwimmkappe Bonbons Richtung Trottoir wirft. Die Familie Ernst steht an der Aschaffenburger Straße. Die Eltern mit zwei Söhnen kommen heute das zweite mal zum Zug. „In Frankfurt ist mir das ganze zu protzig“, gibt Mutter Sabrina Bieber den Vorzug.

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