Jens Niklaus hat alle Bühnen verlassen

Polit-Schulung für Leben in der Bütt

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Ein wohlbekanntes Gesicht in Mühlheim: Jens Niklaus, einst auch Frontmann der CDU, hat seine Karriere als Büttenredner beendet. Künftig wird er die Zuschauerrolle genießen.

Mühlheim - Wirklich alles vorbei war für Jens Niklaus auch nach Aschermittwoch eigentlich nie. Mit der letzten Kampagne allerdings hat er seine karnevalistische Karriere als Büttenredner an den Nagel gehängt. Von Stefan Mangold 

Der Ehrenvorsitzende der Mühlheimer CDU ist von dieser Bühne so wohlüberlegt abgetreten, wie er sich einst aus der Politik verabschiedete.
Zum ersten Mal stand der heute 75-jährige Jens Niklaus vor 31 Jahren in der Bütt. Seine Karriere begann bei der Sonnau. Die Narrenkollegen hatten ihn zum Ehrensenator ernannt, und Niklaus verspürte keine rechte Lust, sich bei der nächsten Sitzung nur mit den üblichen Floskeln dafür zu bedanken. Also schlug er dem damaligen Sonnau-Vorsitzenden Walter Schmidt vor, seine Worte in einen Vortrag zu packen. „Wenn du dich blamieren willst, steht dir niemand im Weg“, erinnert sich Niklaus an die Reaktion.

Schmidt ahnte wohl, mit Niklaus keinen Zitterer in die Bütt zu lassen. Der Novize hatte ja schon rhetorische Erfahrung auf dem Feld der Politik. In Offenbach agierte Niklaus in den 80er Jahren als persönlicher Referent von Oberbürgermeister Walter Suermann. In die Mühlheimer CDU trat er 1981 ein, übernahm sofort den stellvertretenden Fraktions- und Parteivorsitz. Später stand der gebürtige Breslauer in beiden Gremien an der Spitze. In der Bütt spielte der Christdemokrat erfolgreich den Psychiater.

Als Kind hatte Niklaus den Irrsinn der Zeit erlebt. Er wisse jedoch nicht, „ob ich mich an bestimmte Bilder wirklich erinnere oder mir durch Erzählungen einbilde“. Zweieinhalb war er, als sich die Mutter im Januar 1945 mit dem Buben auf dem Arm durch das Tohuwabohu auf dem Bahnhof von Breslau quälte, auf dem Weg zum Lazarettzug, der Richtung Westen fahren sollte. Als Krankenschwester durfte die Mutter mit. Als der Zug unterwegs einmal hielt, ging die Schiebetüre auf. Ein Toter wurde rausgeworfen. Großes Glück in dieser irdischen Hölle hatte der Vater von Jens Niklas, „der lag schwer verletzt in letzten Maschine, die aus Stalingrad heraus flog“.

Jens Niklaus wuchs die nächsten Jahre in Oberhaching auf, ehe er mit der Familie nach Offenbach zog, wo der Vater als Konditormeister an der Bieberer Straße ein Café eröffnete. Wer Niklaus sieht, traut ihm zwar zu, ganz gerne mal ein Stück Kuchen zu probieren. Dass der Mann selbst backen kann, darauf tippte aber wohl kaum jemand. Während seiner Gymnasialzeit auf der Rudolf-Koch-Schule half Niklas im elterlichen Betrieb aus. „Mein Vater und Großvater hätten gerne gesehen, wenn ich nach dem Abitur voll eingestiegen wäre“, erzählt der Träger des Bundesverdienstkreuzes. Der Sohn zog es jedoch vor, erst in München, dann in Frankfurt und schließlich in Mainz Volkswirtschaft zu studieren.

Bilder: Sitzung der Altstaedter

Das Konditorei-Metier spielte zumindest indirekt für seinen weiteren Lebensweg eine entscheidende Rolle. Am 20. Juli 1974 besuchte Jens Niklaus seine Eltern bei der Arbeit. Die hatten zwei Jahre zuvor in Offenbach das Café am Rathaus übernommen. An diesem Samstag traf Jens Hermine wieder. Die damals 28-jährige Angestellte hatte den Sohn vom Chef schon als 16-Jährige kennengelernt. Doch diesmal funkte es zwischen den beiden. Fünf Monate später hieß Hermine mit Nachnamen Niklaus. Das Paar wohnt seitdem in Lämmerspiel.

Neben der Sonnau trat der Vater zweier erwachsener Söhne dem Fastnachtsclub „Die Altstaedter“ bei. Sie sollten später zu seiner eigentlichen karnevalistischen Heimat werden. Niklaus gehörte zu den 15 Gründungsmitgliedern des Clubs, der sich 2003 in der „Alten Mühle“ an der Apfelbaumgasse konstituierte. Als Schriftführer bleibt Jens Niklaus den Altstaedtern erhalten. In der Bütt hatte er am 26. Januar bei der Sitzung im Jugendzentrum seinen letzten Auftritt: „Bevor sie mich mit den Füßen zuerst aus Saal tragen, gehe ich lieber noch selbst durch die Türe.“

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