Narren stürmen das Quartier des Hessischen Städte- und Gemeindebundes

„Licht aus, Sau raus, Müllem helau“

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Sturm auf den Hessischen Städte- und Gemeindebund: Hunderte Narren bahnen sich ihren Weg.

Mühlheim – „Karl-Heinz, was sind denn das für Leute?“ – „Die wollen hier rein. “ – „Was wollen die denn hier mit ihren bunten Kleidern, grellen Gesichtsfarben und den komischen Hüten?“. Von Michael Prochnow

Ganz so fern ist die Narretei dem Direktor des Hessischen Städte- und Gemeindebunds (HSGB) nicht. Schließlich führe Karl-Christian Schelzke den Fastnachtsverein Sonnau, erinnerte ihn der Kampfgenosse, Stadtrat Karl-Heinz Schmunck. Den beiden Männern und einigen bunt gewandeten Angestellten stand gestern Mittag eine Hundertschaft Tollitäten mit ihrem Gefolge gegenüber.

„Kein übliches Ritual“, entschied der Chef, „diesmal wird es richtig hart: Wir kommen mit schweren hessischen Schimpfkanonaden, mal sehen, ob sie dem was entgegensetzen können“. Schlächtschwätzer, Ribbelfresser, Schnarchnasen – mit hessisch-deftigen Beschimpfungen leisteten sich Angreifer und Verteidiger ein heiteres Wortgefecht.

Schlappekicker, Volleulen, Färzverbeißer tönte es aus der Grunzmuschel im ersten Stock, Babbsäck, Laatschegickel und Labbeduddels! „Ihr Simbel, Spitzkligger, Schlumbel und Knäulköpp’“, erwiderten die von unten, „Stoffel, Krischer, Ludscher, Krautärscher“, konterte der Hausherr. Vergeblich, „ihr stürmt jetzt virtuell mehr als 400 Rathäuser“, öffnete Schelzke die Schleusen, „und die haben alle kein Geld“. Darum wollte er schon zehn Euro Eintritt aufrufen …

Die Narren nahmen die Festung an der Henri-Dunant-Straße ohne Gegenwehr ein, hatten ihre Reihen verstärkt mit Eva vom einstigen Gesangstrio Jacob-Sisters und Matthias Mangiapane aus dem RTL-Dschungelcamp. Eine zielsichere Waffe waren Sonnaus Reinhold Paul und seine Gesangspartnerin Simone Kerchner, die mit viel Dampf aktuelle Hits in den kleinen Saal schmetterten.

Stephan Mündelein hieß fast 30 Regenten willkommen. Mehrere Prinzenpaare waren nur zur Hälfte vertreten wie das Mühlheimer – Evelyn muss arbeiten, entschuldigte sie Holger. Andere krächzten mit heiserer Stimme aus der heißen Phase ins Mikrofon. So forderte Lämmerspiels Joey, „weg mit der Bürokratie“. Frankfurts Prinz Pascal stammt aus Seligenstadt und Offenbach und freute sich: „Endlich werde ich für meine Herkunft mal nicht ausgebuht!“

„Einen Rathaussturm gibt’s schon lange nicht mehr, dank der Politik, von dort kam das her“, erläuterte Rädelsführer Mündelein den abgelegenen Ort für die Zeremonie. „Die schafften es aus Kostengründen ab, und da waren alle Narren platt.“ Doch, „in Müllem, da geht was, und was denn genau: das Licht aus, die Sau raus, Müllem helau“, feuerte er die Eroberer an.

Dann ging’s den Krawatten an den Kragen, so wie es die Weiberfastnacht fordert. Prinzessinnen vollzogen den Schnitt an ihren Prinzen, selbst Kinderprinz Elias ließ sein Kostüm von Rosa karnevalistisch kürzen, stolz präsentierten die Damen ihre Beute in die Kameralinsen. Die Offenbacher Vertreter warben für ihren Jubiläums-Lindwurm am 2. 2. 2020, Vereinskamerad Gerd Noll überraschte den aktuellen Sonnau-Ritter Ludwig Neunobel und seine Vorgängerin Gabi Mollbach mit dem Orden der Föderation Europäischer Narren.

Bilder: Narren stürmen den Städte- und Gemeindebund in Mühlheim

Ralf Falkenstein vom Kostheimer Carneval-Verein zog mit Gitarre und scharfer Zunge über Fußballer und Politiker her. „Steckt das Geld in Renten, Kitas, Kultur und Schulen, anstatt die Verteidigungskosten zu erhöhen.“ Fachkräfte werden auch in Berlin gebraucht: „Lieber bei den Regierenden die Diäten raffen, die sollen mal in der freien Wirtschaft schaffen“ – da wären die meisten arbeitslos, fürchtete der Fastnachter.

Bei den Nachbarn werde demonstriert, der deutsche Michel bezahle brav, ducke sich und nicke alles ab. So schimpfte er auch kräftig gegen braune Gedanken der AfD, die Datenschutzverordnung und Panikmache beim Diesel – in Wohnräumen sei 20-mal so viel Feinstaub erlaubt: „Über Deutschland lacht die ganze Welt“, wetterte er und erntete Applaus.

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