Hochstimmung aus der Hinnergass’

Tanzgruppen und „Rudelsänger“ Tom Jet heizen auf FSV-Fastnachtssitzung ein

Das FSV-Männerballett machte als „Panzerknacker“ allerlei Verrenkungen.
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Das FSV-Männerballett machte als „Panzerknacker“ allerlei Verrenkungen.

Es gibt Fastnachtsgesellschaften, die meinen es mit ihren Sitzungen fast schon zu gut: Zwei Dutzend Nummern und sechs Stunden Programm sind keine Seltenheit.

Münster – Die FSV hat am Freitagabend in ihrer mit rund 400 Besuchern ausverkauften Show in der Kulturhalle demonstriert, dass es auch mit weniger Sitzfleisch geht: In netto (ohne die Pause) vier Stunden packten die Narren der Freien Sportvereinigung von Vorträgen über Tänze bis hin zu musikalischen Mitmachaktionen praktisch alles, was das Narrenherz begehrt.

Einzig ein Protokoll, das es bei der FSV schon länger nicht mehr gibt, und allgemein ein paar Gags übers Lokalgeschehen und das Hassliebe-Verhältnis zu Eppertshausen könnte mancher Gast vermisst haben. Nach dem Einmarsch von Elferrat, Musikverein und den „Fireballs“, wie sich die FSV-Garde nennt, schickt Sitzungspräsident Kersten Grimm letztgenannte direkt ins Rampenlicht. Ein klassisch-schwungvoller Auftakt, den Lena Schwarzer mit den jungen Frauen einstudiert hat. In Hälfte zwei zeigen die „Fireballs“, dass sie auch das Showtanz-Handwerk beherrschen. Als „Schlafmützen“, wie sie ihren Auftritt betitelt haben, präsentieren sie sich dabei keineswegs.

Elanvolle Showtänze vollführen auch die FSV-Kids, bei denen sich Lena Schwarzer das Coaching mit Lisa Hardt teilt, und die von Christiane Grimm trainierten „Dancing Divas“. Die Kids wedeln als „Skifahrer“ über die Bühne, mit den Divas geht’s ins „Monsterlabor“. Der Illegalität verschrieben hat sich in diesem Jahr das Männerballett; Trainerin Viola Schickedanz lässt die Herren der Schöpfung als „Panzerknacker“ zunächst durch den abgedunkelten Saal spionieren und dann so manche Verrenkung vollführen, die die Tänzer vielleicht selbst nicht mehr für möglich gehalten hätten.

Selbst auf Betriebstemperatur kommen die durchweg verkleideten Sitzungsgäste in der Kulturhalle besonders bei zwei Programmpunkten: Das Ende der ersten Hälfte markieren die Hinnergassebuwe (Arbeitstitel: „Blasmusik mit jungen Männern“, Einmarsch in Boxermanier), deren Auftritte nie was zum Hockenbleiben sind. Entsprechend steht der Saal, und ein Pulk Gäste skandiert schon früh den Namen seiner Bühnenhelden.

Im Anschluss darf das Publikum zweimal elf Minuten verschnaufen und an der Bar im Foyer neue Energie und Kaltgetränke für den zweiten Abschnitt tanken. Beim „Rudel-Sing-Sang“ mit Tom Jet, dem Stimme, Gitarre und eine Projektion der Liedtexte reichen, um hunderten Kehlen unverblümte Laute zu entlocken, wird spät am Abend erneut die Bude beben. Die noch junge „Cordula Grün“ kommt ebenso gut an wie die schon in die Jahre gekommenen „Zwei kleinen Italiener“. Den Entertainer aus Obertshausen hatten die „Freien“ im Vorjahr erstmals engagiert – ein guter Entschluss, es erneut getan zu haben.

Reiner Sperl (links) und Jochen Ries witzelten und zogen sich dabei „goldisch“ um.

Aus der Nachbarschaft verpflichten die Münsterer seit mehr als einem Jahrzehnt auch den Offenbacher Andreas Kraus. Er bedient mit seiner stets geschliffenen, selbst geschriebenen und auf den Punkt vorgetragenen Büttenrede ein klassisches Sitzungselement. Bei Kraus geht es nie um Politik und Weltgeschehen, sondern immer um Alltagssituationen – diesmal das Einkaufen –, die manchem Zuhörer ein Déjà-vu bescheren. Alte Hasen beim Witzeln vor großem Publikum sind die bekannten Stammgäste Reiner Sperl und Jochen Ries, die ihren Vortragstitel „Lord of the Dance“ schnell noch mit dem Untertitel „Auf der Suche nach dem verlorenen Klodeckel“ ergänzen. Was schon Kurioses erahnen lässt, fördert noch Kurioseres zutage: etwa wenn sich das Duo im Zuge schlüpfriger Dialoge halbnackig macht und schließlich im hautengen Golddress zwei Balletttänzer mimt.

Noch recht neu in der FSV-Bütt steht derweil die Schülerin Leni Ries (zweiter Auftritt), die Jochen Ries’ Tochter ist und als „Goldisch Grott“ nicht ausschließlich goldige Sachen sagt. Zum Beispiel, wenn sie konstatiert, dass in der Schule den Menschen und den Affen manchmal nur das Lehrerpult trennt. An Fastnacht darf sie freilich auch mal das „A...“-Wort benutzen – gerade wenn man es später mit den Botschaften ihres Daddys vergleicht.

Sinnvoll ist es auf der Sitzung des Mehrspartenvereins nicht nur, dass die FSV den eigenen Narrennachwuchs einbindet, sondern auch, dass sie zweiten Durchgang mit einer Schunkelrunde der Zwei-Mann-Gruppe Sunshine Music locker beginnen lässt. Dramaturgisch verstanden haben es die Regisseure überdies, mit der Hochstädter Lärmbelustigung „guggemusikalisch“ aufs Finale zusteuern.

Apropos verstanden: Kapiert haben es die Besucher der „Freien“-Sitzung, dass es hanebüchen gewesen wäre, wegen des Faustschlag-Vorfalls im (inzwischen abgemeldeten) Fußball-Team der FSV im vergangenen Herbst den gesamten Verein mit Abwesenheit zu bestrafen. Sorgen des Vereins, das Geschehene in der öffentlichen Zuwendung und im Ticketverkauf negativ zu spüren, blieben unbegründet - im Gegenteil: Das Münsterer Publikum riss der FSV die Karten aus den Händen wie selten.

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VON JENS DÖRR

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