Der letzte verbliebene, große Maskenball

Zinnoberball: Ausgelassene Stimmung bei der ausverkauften Fastnachtssause der TGS Hausen

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Familiäre Atmosphäre: Beim Zinnoberball der TGS Hausen (er)kennt man sich – trotz Kostümierung.

Ehrwürdige Piraten, Harlekine unter rostbrauner Haarpracht, ein in die Jahre gekommener Messdiener, kurzberockte Luder, bezaubernde Jeannies, Petticoat-Erinnerungen an die 50er oder quietschbunte Wesen vom anderen Stern – der Zinnoberball ist nicht einfach der letzte verbliebene, ganz große Maskenball in der Stadt. Er ist auch ein prächtiges Kostümfest.

Obertshausen –  Das war nicht immer so. In Kampagnen vor der Jahrtausendwende rief fast jeder Verein, der etwas auf sich hielt, zum Ball. Aber oft waren es einfach Treffpunkte bei angesagter Musik, Teenager empfanden es wohl als albern, sich in ein Kostüm zu werfen. Die Kult-Fete in den Räumen der TGS Hausen dagegen ist eine Art Messe für den letzten Fastnachtsschrei, ein Schaulaufen um die originellsten Ideen.

Und er ist ein Erfolgsmodell, sozusagen die Mutter moderner Maskenbälle. Er eint nicht nur die Generationen, was die Fortführung des Brauchs sichert. Der Zinnoberball zeigt zudem, dass nicht jede Gruppierung ihr eigenes Süppchen kochen muss. Bis 1999 riefen sowohl die Chöre der Sängerlust als auch die TGS-Sportler zu eigenen Veranstaltungen in das Vereinsheim an der Aachener Straße. Zuletzt mit mäßigem Erfolg, erinnert sich Lothar Keller, heute Ehrenvorsitzender der Sängerlust.

Der Weg zur Fusion lag nahe. Sein Bruder Günter stand damals an der Spitze des Sportvereins. Mit weiteren Aktiven aus beiden Vorständen planten sie ein gemeinsames Fastnachtsfest und besannen sich auf eine alte Bezeichnung: Zinnober. Der hat nichts mit Quecksilbersulfid zu tun, sondern mit „etwas, was wertlos und unsinnig ist oder um das unnötiges Aufsehen gemacht wird“, heißt es auf Wikipedia.

Das „unnötige Aufsehen“ im Hausener Norden ist zumindest so groß, dass es meist schon vor dem Jahreswechsel ausverkauft ist. „Wir brauchen kein einziges Plakat aufzuhängen“, verdeutlicht Keller die Popularität der Sause, die sich bis weit in den Kreis und über den Main herumgesprochen hat. Meistens kommen nicht nur Pärchen, sondern ganze Gruppen – Freundeskreise, Sportmannschaften, Kollegen. Und trotz des enormen Ansturms kennzeichnet den Ball eine familiäre Atmosphäre, man kennt sich – auch wenn’s wegen der Maskierung auch mal etwas länger dauert.

Einzig an der Jubel-Fete, die stets am Fastnachtssamstag steigt und in dieser Kampagne 20 Jahre jung ist, ist freilich auch die Räumlichkeit. Die Gäste werden empfangen und kontrolliert, mit einem Bändchen ausgestattet im Kolleg der Waldschänke. Von dort geht’s durch die Vereinsgaststätte. Die Wirtsfamilie Nikolaidou hatte diesmal DJ George verpflichtet, der in der etwas gemütlicheren Kneipen-Atmosphäre auflegte.

Durch den Hof gelangen die Narren in die Leopold-Picard-Turnhalle, wo die „Krassen Lappen“ für Stimmung sorgten. Mit den jungen Heusenstammern gewannen die Gastgeber eine Formation, die gut auf ihr Publikum eingeht. Die Tanzfläche war diesmal erweitert, was der Tanzfreude der Stammbesucher entspricht. Im Saal im ersten Stock bestimmte DJ Mike die Musikrichtung und spielte aktuelle Hits, rockiges, auch mal Techno- und House. Zu fortgeschrittener Stunde wurde es ziemlich eng und sehr spät – oder früh.

VON MICHAEL PROCHNOW

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