Politik unter der närrischen Lupe

Elf Babbscher feiern Prunksitzung in der Halle der Eichendorff-Schule

Viel Betrieb auf der Bühne: Auf dieser stand bei der Babbscher-Prunksitzung auch der Mühlheimer Sänger Wolf-Christian Bäsecke. Foto: PROCHNOW
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Viel Betrieb auf der Bühne: Auf dieser stand bei der Babbscher-Prunksitzung auch der Mühlheimer Sänger Wolf-Christian Bäsecke.

Der „Prunk“ an der „Sitzung“ verdient seinen Namen durchaus: Riesige Banner an den Wänden, Ballontrauben an der Decke und ein Fahnenmeer, Hussen über den Stühlen, moderne Licht- und Tontechnik, aufwendige Kostüme und Hochleistungssport auf der Bühne.

Obertshausen – Nach der elften Kampagne feierte der Karneval- und Tanzsportverein „Die Elf Babbscher“ (DEB) nun seinen elften Geburtstag, wiederum mit einer Prunksitzung in der Mehrzweckhalle.

Rasch haben die Fastnachter das emotionale Moment erkannt, das gekrönte Häupter verbreiten. Gerade durchleben Lederbaron Thorsten I. und Comtesse Alexandra I. „eine märchenhafte Zeit“, berichteten sie und grübeln, wo ihr Palast stehen könnte. Vor den Toren Lämmerspiels? Das erlaube der „kulturelle Unterschied“ nicht. Freilich, für Lämmerspiel wär’s ein Gewinn, „für Oberts- und Hausen macht’s net wirklich Sinn“. Also bleibt das Ehepaar im heimischen Schloss. „Wir könne’ nur empfehle’, lasst euch zu Obertshäuser Tollitäten wähle’!“ Protokoller und Babbscher-Chef Andreas Murmann wetterte gegen Verkehrsteilnehmer, die Rettungskräfte behindern, Polizei und Politiker bedrohen. „Auch die SPD hat Prinzenpaar“, befand er, die Partei sei jedoch wie Notre Dame, „ausgebrannt und einsturzgefährdet“.

Der Vorsitzende beklagte auch „die höchste Steuerlast“ in der EU, keinen Sachverstand, dafür einen teuren Beraterstab im Verteidigungsministerium. Und „bevor das Volk tobt, wird von der Leyen nach Brüssel weggelobt“. Merkel zittere, „weil jemand an ihrem Stuhl sägt“, Kritiker habe sie stets ausgemerzt. Der Widersacher komme zum Schwarzbieranstich nach Hausen, „nicht in die Merz-weg-hall’“. Viel Kritik übte das Protokoll auch an Verkehrsminister Andreas Scheuer: „Jetzt zahlt’s halt nicht der Autofahrer, sondern jeder Steuerzahler.“

Peter Beier räumte seinen Dachboden auf und kramte in Erinnerungen, stieß auf Trompete, Gummihuhn und auf eine Wunderlampe der Tochter und Ex-Comtesse Eulalia alias Stephanie Schneider, die als Flaschengeist auftaucht.

Die Stadt unter die Lupe nahm „Scheherazade“ Michael Schmitt, bauchfrei. Die „Erzählerin“ grinste über den Bruch der Koalition und darüber, dass Hausen wegen Brückenbauarbeiten dank der Baustellen-Behörde Hessen mobil „abgetrennt vom Sultanat Lämmerspiel“ werden soll.

„Selbst wennse nix saufe, soweit könne die net laufe“, wollte Schmitt erkennen, warum der Magistrat beim Festzug lieber im Wagen der Lämmerspieler Karnevalisten fuhr. Die neuen Toiletten dürfe der Bauhof leeren, die Einrichtung im Beethovenpark sei an Silvester explodiert. Schmitt gefiel mit dem deftigen Text und auch improvisierten Reaktionen auf Zuschauer-Kommentare. Ähnlich schnodderig amüsierte er als „Rettich“ an der Seite von „Lauch“ Lukas Kreher. Das Offenbacher Marktgemüse warf einen Blick auf den Bürgermeister und die -kandidaten.

„Die Sternsinger haben’s geschafft“, Beamte an die frische Luft und die Feuerwehr ins Rathaus zu bringen, erinnerte Andrea Dech mit hoher Vortragskunst und den Häuser Kerbmusikanten an das Auslösen der Brandmeldeanlage durch den Weihrauch. Weil „an jeder Ecke gebuddelt und gegrabe’“ wird, führte der Festzug an Pfingsten durch „unbekannte Gegenden“. Beim Männerchor der Sängerlust sei „das letzte Schnapsglas leer getrunken“, bemerkte sie nach dessen Abtritt.

„Jim Beam und Little Scotch auf dem Weg nach O-Town“ spielte das „DEB-Rudel“ im „Wilden Westen“. Die Saloon-Szene entwickelte sich um „Pocahontas“ Chris Mayer rasch in wilde Tanzszenen der Babbscher-Herren. Welchen Verein sollen sie sponsern? Eintracht oder Kickers?

„Zusamme’ schaffe’ mer’s“, entschieden die siamesischen Scheich-Zwillinge Michael Möser und Oliver Murmann, und schilderten als Zusammengewachsene ihre Probleme bei einzelnen Beziehungen. Wuchern können die Babbscher auch mit ihren Tanzgruppen. Die Jüngsten, Blue Little Wings, wurden als „Zwergenmädchen“ auf den Schultern ihrer Väter herein- und herausgetragen. Die Blue Little Stars haben sich als „kleine Drachen“ den größten Hit aus Peter Maffays „Tabaluga“ ausgesucht. Die Jugendshowtanzgruppe Blue Butterflies konzentrierte sich auf die Stilrichtung „Modern“.

Als „Bezaubernde Jeannies“ zeigten die jungen Damen der ältesten Tanzgruppe, Blue Blizzards, eine schnelle und fantasievolle Choreografie auf professionellem Niveau. Die „Häuser Gretchen“ drehten sich als „Frühling, Sommer, Herbst und Winter“ in die fünfte Jahreszeit. Kräftig verstärkt haben sich die Noddebabbscher, während Moderator Sebastian Leinweber vor dem prominenten Elferrat das DEB-Septett vorstellte, das für den Tusch an der richtigen Stelle verantwortlich zeichnete.

VON MICHAEL PROCHNOW

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