Karawane mit der Kasse

Obertshausens Narren blasen zum Sturm aufs Rathaus an der Schubertstraße

Per „Karawane“ wird die erbeutete Stadtkasse in Sicherheit gebracht.

Ein letztes Mal haben die Narren den Winter vertrieben, im Sommer sitzt ein anderer Bürgermeister in der Verwaltungshochburg an der Schubertstraße. Letztere war am Samstag Ziel der Elf Babbscher und ihrer Verbündeten.

Obertshausen – Mit Tollitäten, Garden, Nodebabbschern und Icebreakern in einem Fahnenmeer nahmen sie von der Sporthalle Rodaustraße aus Anlauf zum Rathaussturm.

Beinahe hätte der Wetterheilige Petrus die Verteidiger gestärkt. Das zarte Nieseln löste die „Obertshausener Angst vorm Regen“ aus, weniger Sympathisanten als erwartet unterstützten die Streitmacht, die sich mit viel Helau im bunten Lindwurm über die Hausener Hauptschlagader in den Hochsicherheitstrakt vor Roger Winters Amtssitz schlängelte.

Früher als geplant, blieb Bürgermeister Roger Winter nichts anderes übrig, als das Rathaus zu übergeben.

Standesgemäß majestätisch fuhren die offenen Karossen der Regenten über die Rampe vor das gläserne Portal, die fürstlichen Insassen schritten die breite Treppe hinab zur Bühne am Springbrunnen. „Salem Helaukum“, grüßte Lederbaron Thorsten I., „wir sind hier, um aus dem Dreck zu ziehen den Verwaltungskarren“. Winter machte sich über das „Kamel“ neben den Regenten lustig und forderte, „ihr bleibt mal schön friedrich und werft nicht mit Schmutz-er, macht Schulz mit dem Unsinn!“

„Dein Scheichtum, das geht doch so und so bald zu Ende, wir bringen die vorzeitige närrische Wende, wo auch immer du hingehst, uns is’ des worscht, seh’ zu, zieh’ weiter, der Sultan hat Dorscht!“ „Vor seinem Durst ist keine Oase gefeit“, unterstrich Comtesse Alexandra I., „aber der kann auch ganz anners!“. So klagten die närrischen Herrscher über Baustellen, die Comtesse braucht ein neues Heim. „Hier sind wir richtig, hier passen wir rein“, schielte Thorsten I. aufs Rathaus. „Da draußen an der Säule können die Elektro-Kamele sich laden, im Brunnen die Haremsdamen gemütlich baden.“

Obertshausen: „Mit Reden von Narren, da kenn’ ich mich aus“

„Nun okay, so lange bleib’ ich ja wirklich nicht mehr“, knickte der Chef im schwarzen Anzug und mit Melone ein, er müsse nur noch für Stadtrat Ali Mente zahlen und brauche noch was für die Rente. Alexandra I. bot „Efendi Winter“ einen Job als Faschingsredner an. Damit konnte dieser sich anfreunden: „Mit Reden von Narren, da kenn’ ich mich aus, darum verlass’ ich ja dieses Haus!“ Und Baron möchte er sein, legte er den Preis fürs Rathaus fest.

Damit waren freilich die Herrscher nicht einverstanden, doch die Tür tat sich per „Sesam öffne dich“ auf. Baron und Comtesse, Prinzenpaare und Zugmarschalle, Garden und Fußvolk schlängelte sich durch die Ödnis im Erdgeschoss. Das Spektakel begleiteten die Musiker draußen, auf der Bühne tanzten die Blue Little Stars, Solistin Annalena Kniel und Los Saltadores. Die Gäste von den Sportfreunden Rodgau verliehen einem Manegenauftritt gegen den Willen des „Zirkusdirektors“ flotten Schwung auf Mini-Trampolinen.

„Rogers letzter Winter“, frotzelte Babbscher-Chef Andreas Murmann in seinem Protokoll. Die spitzen rhetorischen Pfeile des Lehrers aber zielten auf „freitags hitzefrei“: Die Schüler sollten ihre Demonstrationen in die Freizeit legen, „wenn’s ihnen wirklich wichtig“ sei, auf Internetdienste wie Video-Streaming und die nächste Ferienreise verzichten.

Obertshausen: Ganz klar, „der letzte Sommer war zu heiß“

Angesichts der vielen Atom- und Kohlekraftwerke, die weltweit sprießen, bringe sich Deutschland mit seinen Maßnahmen „selbst zu Fall“. Murmann kritisierte Tausende von Flügen des Umweltministeriums, teure Beraterstäbe und den „Populismus aller Arten“: Ganz klar, „der letzte Sommer war zu heiß“, lautete sein Refrain. Auch die „skurrile Brexit-Show“ fand sein Missfallen: „Harry und Meghan haben ausgecheckt.“

Die Bewirtung der Narren hatten die Babbscher selbst in die Hand genommen, Ex-Baron Michael Schmitt war mit einer mobilen Bierzapfanlage unterwegs, ein Würstchenwagen sorgte für Stärkung. Die Narrenfahne wurde am Rathausmast gehisst, Sprecher Sebastian Leinweber überreichte eine weitere mit Dank an den scheidenden Bürgermeister Roger Winter, der den Rathaussturm vor fünf Jahren erstmals angeregt hatte.

VON MICHAEL PROCHNOW

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