Vergnügliche Mischung an Melodien

Liedersalat aus mehr als 1500 Orgelpfeifen: Orgelfastnacht in der Kirche St. Nikolaus

Mit Narrenkappe und buntem Schal: Pater John Peter in ungewohntem Aufzug. 
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Mit Narrenkappe und buntem Schal: Pater John Peter in ungewohntem Aufzug. 

Wenn Beethoven den Hut mit drei Ecken lupft, die drei Chinesen mit dem Kontrabass „Pour Élise“ anstimmen und das Phantom der Oper den Radetzky-Marsch pfeift, ist entweder die Hifi-Anlage im Eimer oder der musikalische Ausnahmezustand proklamiert.

Rodgau - Letzterer heißt in Jügesheim Orgelfastnacht, erfüllte am Samstag in der St. -Nikolaus-Kirche alle Erwartungen und noch einige darüber hinaus.

Als Organist Fabian Schäfer sämtliche 26 Register zog und seinen Liedersalat aus über 1500 Orgelpfeifen servierte, wusste das Publikum im voll besetzten Gotteshaus längst, was die vergnügliche Stunde geschlagen hatte, war doch Pater John Peter als Hausherr nach dem Narrhalla-Einmarsch pünktlich um 11.11 Uhr mit Narrenkappe und buntem Schal auf die Kanzel geklettert und hatte den scheinbaren Versuch, die Messe zu lesen, alsbald zugunsten der Jecken aufgegeben. Fastnacht gehe nicht ohne Kirche, verkündete Peter Otto, als Sitzungspräsident des JSK mit großem Gefolge samt Gugi und Kappenadel aufmarschiert. Das Hellau wie das Amen gehöre hierher.

So wenig das Publikum nach Struktur und Laune dem einer närrischen Sitzung entsprach, so wenig beschränkte sich der Kreis der Akteure auf die Reihen des größten Rodgauer Vereins. Mit dem JSK waren die Pfarrgemeinde und der Musikverein aus Nieder-Roden im Boot – schon zum vierten Mal und nach bewährtem Rezept. Erprobter Orgelfastnachter ist auch Moderator Jürgen K. Groh, der an seinem Job hörbar Vergnügen fand. Wie denn auch nicht, wenn das Ensemble „Windkraft 4 + 1“ am Altar die Muppetshow inszeniert. Vier Holzbläserinnen und eine Hornistin stimmten die Titelmelodie an und animierten zur Maskerade.

Das Hellau gehört ebenso in die Kirche wie das Amen: Daran erinnerten die JSK-Narren am Samstag mit der Orgelfastnacht in der St.-Nikolaus-Kirche. 

Die Gesundheit im Blick behielt das Blech-Sextett „Wonderbrass“ mit der alten Bee-Gees-Nummer „Stayin’ Alive“, passt doch der Disco-Oldie exakt zum Rhythmus einer lebensrettenden Herzdruckmassage. Aus Grohs Plaudereien lernte das Auditorium noch mehr – etwa, dass Komiker-Urvater Heinz Erhardt aus dem lettischen Riga stammt. Varietéreif intonierten die Sängerinnen Bettina Winter und Andrea Kniedel seinen Song von der Made und, von Laurens Tauber am Klavier eskortiert, auch noch das Couplet „Der Berg“ von Uli Führe.

Organist Fabian Schäfer durfte nach seinen „Elevazione“ aus der Feder von Gabriele Vignali noch einmal Atem schöpfen und aus Jacques Iberts vergnüglichem Allegro mit dem Windkraft-Ensemble frische Kräfte ziehen, bevor er zum großen Rundumschlag in die Tasten griff. Zu den Versatzstücken in seinem „Medley à la Rondo“ gehörte neben der bereits skizzierten grotesken Mixtur auch noch der Fluch der Karibik, ein kräftiges Yippie-Yeah im 60er-Jahre-Stil und ein paar wogende Takte aus „Großer Gott wir loben dich“.

Den Choral durften nach einer Holzbläser-Einlage aus „Lord of the Dance“, einer Gershwin-Melange vom Blech und dem gehörnten „Dankeschön für die Blumen“ frei nach Udo Jürgens auch die hörbar hoch motivierte Zuschauerschar anstimmen. Dieser festliche Abschluss ist bei der Orgelfastnacht Kult und dürfte Pater Peter gefallen haben: Bei aller Lust an Ulk und Frohsinn hatten seine Gäste offenbar nicht ganz vergessen, wo sie sind.  

zrk

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