Warum die Halle bebt und sich für Gerda erhebt

„Rosa Wölkchen“-Sitzungen sind Spektakel mit Farbstich

+

Mühlheim - Diese Jutta P. , die behauptet, wenn sie an einem Eis lecke, „stöhnt die Waffel“. In der Atmosphäre der Willy-Brand-Halle wirkt das plötzlich gar nicht mal unmöglich. „Gerdas kleine Weltbühne“, Mühlheims Travestie-Kleinod, treibt hier den Kult auf die Spitze. Von Stefan Mangold 

Vier Mal, immer ausverkauft. Ein Spektakel mit herrlichem Farbstich. Und der Hessische Rundfunk filmt. Es ist gerade mal zwei Alt-Bundeskanzler her, da musste Günter Kießling aus dem Dienst scheiden. Man hielt den General für homosexuell und damit für ein Sicherheitsrisiko. Wie sich das Land seitdem veränderte, zeigt sich bei der „Rosa Wölkchen“-Sitzung. Im Publikum sitzt viel Mühlheimer Bekanntheit, etwa Bürgermeister Daniel Tybussek oder sein Vorvorgänger Karl-Christian Schelzke, der Chef des Hessischen Städte- und Gemeindebunds. Und noch Höherrangige haben es sich auch bequem gemacht. Alle lachen sie in die Fernsehkameras. Weil sie wollen, nicht weil sie müssen.

„Vor ein paar Jahren hättest du dir nicht träumen lassen, hier mal im rosa Hemd zu sitzen“, bringt Woody Feldmann die Veränderung auf den Punkt, als sie von der Bühne einen Mann anspricht, bei dem man auf „hetero“ tippt. Wer Feldmann googelt, der merkt durch die Vorschläge hinter dem Namen, dass sich auch andere unsicher sind. „Mann oder Frau“, springt automatisch ein. Die Komödiantin mit dem hessischen Schlappmaul versteht es, Fakten klar darzustellen. Feldmann kennt eine ganze Reihe an Wahrheiten: Ehegatten, die hier mit ihrer Frau erschienen, hörten bei einer Sitzung wie heute minder konzentriert zu, „weil sie auf dem Heimweg sowieso noch mal alles erzählt bekommen“.

Die „Rosa Wölkchen“-Sitzungen sind eine Klasse für sich. Um die Karten streitet das Publikum jedes Jahr. Völlig zurecht.

Moderatorin Jutta P., die es zivil als Weltbühnen-Macher Jürgen Peusch gibt, begrüßt die heterosexuellen Männer im Publikum extra, nimmt ihnen Ängste: „Ihr braucht hier nicht im Sitzen zu pinkeln“. Bei Rosa Wölkchen, da gebe es keine Zensur. Später gibt sie einen Schwank zum Besten, den nicht jeder Büttenredner überall rezitieren dürfte. Sie stamme aus einem langweiligen Ort. Es habe noch nicht mal einen katholischen Priester gegeben, „so mussten wir uns selbst belästigen“. Auch Mühlheim bekommt sein Fett weg, „als ich vor 40 Jahren herkam, dachte ich, es gibt hier kein Leben vor dem Tod“.

Von der Weltbühne treten auch die Tänzer Naomi und René auf, zwei Männer, die es schaffen, weibliches Sexappeal zu versprühen. Wenn René ein Textil nach dem anderen ablegt, dann hofft der heterosexuelle Mann tief in seinem Inneren, der Typ entpuppe sich am Ende vielleicht doch als echte Frau.

Das wäre bei der stabilen „Olga Orange“ nicht unbedingt der Fall, unter deren Perücke mit Thomas Rau natürlich auch ein Kerl steckt. Olga erzählt freimütig von den Momenten des Scheiterns, von den Jugendlichen, die ihr auf dem Weg zur Halle nachstellten, „aber so langsam konnte ich auf meinen Stöckelschuhen gar nicht gehen, dass die mich einholen“. Andy Ost, dem Sänger, der täuschend echt Herbert Grönemeyer persifliert, schlug Olga im kollegialen Zwist angeblich einmal vor, er solle sich einer Penisoperation unterziehen, „damit anständige 25 Zentimeter zusammen kommen“. Der habe sich mit den Worten geweigert, „die zwei Zentimeter bleiben dran“.

Bilder: Rosa Wölkchen-Fastnachtssitzung in Mühlheim

Die „Rosa Wölkchen“-Sitzungen sind eine Klasse für sich. Um die Karten streitet das Publikum jedes Jahr. Völlig zurecht.

Außerdem treten noch die professionell aufgestellte Schautanzgruppe Frohsinn aus Oberursel und der Hula-Hoop-Artist Adriano auf. Und manche der Älteren im Publikum werden sich plötzlich fühlen, als sei es Donnerstag halb acht. In den 70er Jahren trat regelmäßig Peggy March bei Dieter Thomas Heck in der Hitparade auf. Die noch älteren Zuhörer werden sich an den Hit erinnern, den die mittlerweile 68-jährige Schlagersängerin in Mühlheim wie zu Zeiten der Kanzlerschaft von Ludwig Erhard intoniert: „Mit 17 hat man noch Träume.“

Die Halle erhebt sich, als Jürgen Peusch seinen gesundheitlich angeschlagenen Ehemann Gerhard Stein begrüßt, den in Mühlheim alle als Gerda kennen: „Beim nächsten Rosa-Wölkchen steht er wieder auf der Bühne.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare