Wald, Park oder Garten

Borreliose – krank durch Zecken

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Ob im Wald, Park oder Garten, überall lauern Zecken auf eine Blutmahlzeit.

Zecken sind im Frühjahr besonders aktiv. Ob im Wald, Park oder Garten, überall lauern sie auf eine Blutmahlzeit – und können dabei auch Krankheiten wie Borreliose übertragen.

Dr. Günther Schönberger erinnert sich an den Patienten noch genau, obwohl der Fall schon viele Jahre zurückliegt: Der 55-Jährige Robert M. war verzweifelt, als er in die Praxis des Allgemeinarztes in Grünwald kam. Er fühlte sich erschöpft, niedergedrückt, klagte aber auch über Gliederschmerzen und andere Beschwerden. Der Neurologe, den Robert M. aufgesucht hatte, wollte ihn zum Psychiater schicken. „Er dachte an eine Depression“, erzählt Schönberger. „Sogar eine Frühverrentung war im Gespräch.“

Doch Robert M. wollte weder zum Psychiater noch in Rente. Bei Schönberger hoffte er auf Hilfe. Der befragte seinen neuen Patienten ganz genau. Was ihn stutzig machte: Zu den Symptomen einer Depression kamen auffällig viele organische Störungen. „Ein ganz diffuses Krankheitsbild“, sagt Schönberger. Akribisch suchte er im Lebenslauf des Mannes nach einem Hinweis – und wurde fündig. Früher habe er Jugendgruppen betreut, erzählte Robert M. Natürlich gab es auch Aktivitäten im Grünen.

Fast jede dritte Zecke trägt Borrelien in ihrem Darm

Das brachte Schönberger auf eine Idee: War es möglich, dass ein Zeckenstich schuld war? Die Symptome könnten auf eine Neuroborreliose hindeuten, ein seltenes Spätstadium einer Erkrankung, die von Borrelien ausgelöst wird. Fast jede dritte Zecke trägt diese spiralförmigen Bakterien im Darm. Sticht sie zu, kann sie damit auch ihr Opfer infizieren.

Vorausgesetzt sie hat genug Zeit zum Saugen. Denn im Gegensatz zu FSME-auslösenden Viren werden Borrelien nicht unmittelbar nach dem Stich, sondern meist erst nach etwa acht bis zwölf Stunden übertragen. Nach jedem Ausflug ins Grüne sollte man sich daher nach Zecken absuchen, rät Schönberger. Das gilt auch für Haustiere wie Hund und Katze: Sie bringen gern mal Zecken mit ins Haus.

Damit die möglichst gar nicht zum Stich kommen, sollte man sich beim Spaziergang oder bei Gartenarbeiten durch lange Kleidung schützen. Sprays und Lotions, die Mücken abwehren, helfen zwar auch gegen Zecken, die Wirkung hält aber oft kaum mehr als eine Stunde an. Dr. Schönberger rät daher vor allem dazu, die Haut zu kontrollieren. „Am besten geht das unter der Dusche“, fügt seine Tochter Dr. Susanne Schönberger hinzu. Vater und Tochter betreiben die Grünwalder Praxis gemeinsam.

Hat bereits eine Zecke zugestochen, sollte man sie schnell entfernen. „Am besten mit einer Zeckenzange“, rät Allgemeinarzt Schönberger. Ganz wichtig: Die Zange direkt auf der Haut ansetzen, sonst bleibt der Kopf der Zecke stecken. Passiert das, muss man zum Arzt. Dann sei ein kleiner chirurgischer Eingriff nötig, sagt Schönberger. Keine große Sache zwar, aber nichts für den Laien.

Für das Entfernen der Zecken gibt die Bundeszentrale folgende Tipps:

  • Die Zecke muss so schnell wie möglich mit einer Pinzette oder einer speziellen Zeckenzange entfernt werden.
  • Sie wird dafür im Kopfbereich möglichst nah an der menschlichen Haut angefasst.
  • Sie wird vorsichtig mit gleichmäßiger Geschwindigkeit aus der Haut gezogen.
  • Sie darf dabei nicht zerquetscht werden. Sonst besteht die Gefahr, dass mit Erregern infizierter Speichel schneller übertragen wird.
  • Die Zecke darf nicht, wie manchmal empfohlen, mit Nagellack, Klebstoff oder Öl bedeckt werden. Solche Maßnahmen helfen nicht.
  • Die Wunde muss nach dem Entfernen der Zecke gründlich desinfiziert werden.

So entfernen Sie Zecken

Um die Zecke im Ganzen aus der Haut zu bekommen, rät man beim Berliner Robert Koch-Institut, diese gerade herauszuziehen und nicht zu drehen. Schließlich hat der Saugrüssel kein Gewinde, sondern Widerhaken. Die lassen sich aber leichter lösen, wenn man beim Herausziehen eine leicht drehende Bewegung macht, ist Schönbergers Erfahrung. „Egal ob nach links oder rechts.“

Auf keinen Fall dürfe man die Zecke aber beim Herausziehen quetschen – oder sie gar mit Kleber, Öl, Alkohol oder Nagellack malträtieren, warnt der Arzt. Im Todeskampf entleert sich die Zecke in die Wunde – und damit unter Umständen auch Borrelien. Wer Angst hat, beim Entfernen der Zecke etwas falsch zu machen, sollte zum Hausarzt gehen, rät Schönberger.

Auf jeden Fall sollte man die Wunde desinfizieren. Denn nicht nur mit Borrelien oder FSME-Viren kann man sich durch einen Zeckenstich infizieren. Auch andere Bakterien, etwa solche auf der Haut, können eindringen, warnt Dr. Susanne Schönberger. Ein juckender roter Fleck, der sich um den Stich ausbreitet, kann auch auf eine solche Superinfektion hindeuten.

So erkennen Sie eine Borrelien-Infektion

Eine kleine rote Stelle, die sofort nach dem Stich um die Wunde herum auftritt, sei dabei normal, sagt Dr. Günther Schönberger. „Das ist eine lokale Abwehrreaktion.“ Sie richtet sich gegen das fremde Eiweiß im Speichel der Zecke. Breitet sich die Rötung jedoch aus, sollte man zum Hausarzt gehen.

Er kann auch beurteilen, ob der rote Fleck vielleicht doch eine andere Ursache hat: Denn der kann auch ein Hinweis auf eine Borrelien-Infektion sein. Der Unterschied ist für den Laien nicht immer klar zu erkennen. Ist der rote Fleck auf der Haut sehr groß, oft etwa fünf Zentimeter, und innen heller, deutet dies eher auf ein Erythema migrans hin, ein typisches Anzeichen einer Borreliose. Eine solche Wanderröte – sie heißt so, weil sie nicht nur um den Stich herum, sondern auch anderswo am Körper auftreten kann – juckt zudem meist nicht. In der Regel kommt es aber erst nach einigen Tagen bis Wochen nach dem Stich dazu.

Symptome einer Borrelien-Infektion

Manchmal treten zusätzlich grippeähnliche Symptome auf: Kopf- und Muskelschmerzen, Fieber und Abgeschlagenheit. Sie können zunächst der einzige Hinweis auf eine Borreliose sein.

Einen Labortest, der sofort ein eindeutiges Ergebnis liefert, gibt es nicht. Zwar kann man das Blut auf borrelien-spezifische IgM-Antikörper untersuchen. Diese bildet der Körper aber nicht sofort. Frühestens zehn Tage nach dem Stich sind sie nachweisbar – und können einen Verdacht so stützen, wenn Symptome vorliegen. Wenig hilfreich ist ein Test auf IgG-Antikörper, der keine frische Infektion anzeigt. Sie verraten nur, dass das Immunsystem irgendwann mit Borrelien in Kontakt gekommen ist. Das kann Jahre zurückliegen.

Bei einem kleinen Anteil der Infizierten befallen die Bakterien nach einigen Monaten das Nervensystem, teils auch andere Organe wie das Herz. Umso schwieriger ist es für den Arzt, überhaupt an die Möglichkeit einer solchen Neuroborreliose zu denken. Zumal die Symptome äußerst vielfältig sind und viele andere Ursachen haben können. Zu den häufigeren gehören dabei schmerzhafte Nervenentzündungen, teils mit Gesichtslähmungen, zudem Gelenkschmerzen.

Therapie bei Borreliose

Einen Verdacht auf eine Neuroborreliose hatte Schönberger auch bei Robert M. Dabei konnte sich der nicht mal an einen Zeckenstich erinnern. Der Arzt ordnete eine Untersuchung des Liquors, auch „Nervenwasser“ genannt, an – beim Verdacht auf eine Neuroborreliose unerlässlich. Hierzu wird mit einer Punktionsnadel etwas Flüssigkeit aus dem Rückenmarkskanal entnommen. Und tatsächlich: Darin fanden sich Borrelien.

Dank der Diagnose konnte Robert M. endlich geholfen werden. Im Krankenhaus bekam er Infusionen mit Antibiotika. Tabletten, wie sie im Frühstadium einer Borreliose eingesetzt werden, reichen bei einer Neuroborreliose nicht aus. Robert M. haben die Infusionen geholfen. Mit den körperlichen Beschwerden war auch die vermeintliche Depression weg: Robert M. war wieder gesund.

Von Andrea Eppner

Die Experten

Dr. Günther Schönberger und seine Tochter Dr. Susanne Schönberger, die als Allgemeinärzte in einer Praxis in Grünwald tätig sind.

Zecken: Die häufigsten Zecken-Mythen

Von April bis September lauern sie auf ihre Wirte: Holzbock, Schafzecke oder die braune Hundezecke. Doch über Zecken existieren etliche Mythen. Wir klären die über häufigsten Irrtümer auf.

Gefährliche Blutsauger: Warum nur eine Impfung vor FSME schützt

Sie krabbeln auf Grashalmen, lauern im Gebüsch oder auf totem Holz. Nur auf Bäume, wie ihnen oft nachgesagt wird, klettern Zecken nicht. Höher als einen halben Meter will Ixodes ricinus, der Gemeine Holzbock, nur äußerst selten hinaus. Er lauert lieber nah am Boden, streckt seine Vorderbeine aus. Sensoren darin verraten ihm, ob sich ein Opfer nähert. Sie reagieren auf Wärme, Geruch, Berührung. Streift eine Maus oder Igel durchs Unterholz, oder läuft Hund oder Mensch durchs Gras? Dann nutzt das Spinnentier seine Chance. Sofort klammert es sich im Fell oder an Kleidung fest – und sucht sich eine Stelle zum Zustechen. Besonders beliebt: Hals oder Bauchnabel, Achseln, Kniekehlen und Ellenbeugen. Gern auch im Genitalbereich und an der Hüfte, wo der Rand eines Kleidungsstücks die Zecke stoppt. Dann bohrt sie ihre Mundwerkzeuge in die Haut. Steckt ihr Saugrüssel erst einmal darin, halten ihn Widerhaken fest. Jetzt kann die Zecke ihre Blutmahlzeit beginnen. Bis sie satt ist, dauert es oft mehrere Tage.

Vor allem Weibchen brauchen viel Nahrung, um Eier zu legen. Das bisschen Blut wäre dabei zu verschmerzen, würden Zecken bei ihrer Mahlzeit nicht auch Krankheitserreger übertragen. Am häufigsten kommt es zu einer Infektion mit Borrelien.

Experten schätzen die Zahl der Erkrankungen in Deutschland auf 50.00 bis 100.000 pro Jahr. In Bayern hat man seit Einführung der Meldepflicht im März 2013 bereits 8984 Fälle gezählt.

Borrelien und FSME

Borrelien lassen sich mit Antibiotika bekämpfen (siehe oben. Seltener, aber gefährlicher sind FSME-auslösende Flaviviren: Schützen kann man sich nur durch eine Impfung. Medikamente gegen den Erreger gibt es nicht. Hat man sich angesteckt, muss das Immunsystem selbst mit den Viren fertig werden.

Symptome bei FSME

Bei etwa einem Drittel der Infizierten zeigen sich ein bis zwei Wochen nach dem Stich erste grippeähnliche Symptome: Es kommt zu Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Betroffene fühlen sich abgeschlagen. Oft verschwindet das Fieber dann zunächst wieder.

Doch bei einem Teil der Infizierten geht die Krankheit nach ein paar Tagen in ein zweites Stadium über: Die Viren befallen das Nervensystem. Besonders häufig kommt es dabei zu einer Entzündung der Hirnhäute, der Meningen. Oft betrifft die Entzündung auch das Gehirn (Enzephalitis), seltener das Rückenmark. Dieses Stadium hat der Erkrankung ihren Namen gegeben: FSME steht für Frühsommer- Meningo-Enzephalitis.

Eine solche Entzündung ist lebensbedrohlich. „Diese Patienten sind schwerkrank“, sagt Dr. Günther Schönberger, Allgemeinarzt in Grünwald. Sie hätten meist heftige Kopfschmerzen, seien nicht selten verwirrt und zeigten oft neurologische Ausfälle. Diese reichen von Gleichgewichtsstörungen und Zittern bis zu Seh- und Schluckstörungen. Auch Krampfanfälle können die Folge sein. Nicht selten werden Betroffene bewusstlos oder fallen ins Koma. Sie müssen auf einer Intensivstation behandelt werden. Wer überlebt, trägt nicht selten bleibende Schäden davon. Auch der Grünwalder Arzt hat so einen Fall schon bei einem Patienten erlebt. Die Entzündung hatte das Kreislauf-Zentrum im Gehirn des Mannes geschädigt. Er hatte fortan Bluthochdruck. Und: Sein Wesen hatte sich verändert. Beim geringsten Anlass brach er in Tränen aus.

FSME-Impfung schützt vor den Viren

Schönberger rät seinen Patienten daher dringend zu einer Impfung. Sie ist der einzige zuverlässige Schutz vor FSME. „Und sie ist gut verträglich“, sagt er. Seiner Ansicht nach sollte sie wie die Tetanus-Impfung zum Standard- Impfprogramm gehören. Zumal Zecken nicht nur in Wald und Feld, sondern auch in Garten, Parks und Grünflächen lauern. Nirgendwo ist man vor den Plagegeistern sicher. Hat eine infizierte Zecke erst mal zugestochen, sollte man diese zwar schnell entfernen. Verhindern lässt sich damit aber allenfalls eine Infektion mit Borrelien, die in der Regel erst nach einigen Stunden übertragen werden. FSME-Viren gelangen indes schon kurz nach dem Stich in den Körper.

Bayern Risikogebiet für FSME-Infektionen

Die meisten FSME-Infektionen werden hierzulande aus Bayern (2014: 123 Fälle) und Baden-Württemberg gemeldet, in diesem Jahr waren es im Freistaat bereits vier. Bis auf wenige Ausnahmen gelten die alle Landkreise in Bayern als Risikogebiete. Hier raten Experten besonders zu einer Impfung (Karte der Risikogebiete: www.zecken.de).

Zecken machen aber nicht an Landkreis-Grenzen Halt. Zudem gibt es Risikogebiete in ganz Europa, auch in Österreich und Teilen Osteuropas. Vor Reisen in diese Regionen ist es daher ratsam, den Impfschutz entsprechend zu überprüfen.

Ein guter Anlass auch: Die Europäische Impfwoche, die heute beginnt. Der Impfschutz muss nach drei bis fünf Jahren aufgefrischt werden. Wer noch nie geimpft wurde, muss sich auf drei Injektionen einstellen: Nach der ersten Spritze folgt die zweite nach ein bis drei Monaten. Danach besteht bei den meisten schon ein voller Impfschutz. Damit dieser langfristig hält, braucht das Immunsystem noch eine Gedächtnisstütze. Fünf bis zwölf Monate nach der zweiten Impfspritze ist dafür noch eine dritte Injektion nötig. Damit ist man in Sachen FSME auf der sicheren Seite. Eine Impfung, die vor Borreliose schützt, gibt es indes leider nicht.

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