„Herzlichen Glückwunsch, du hast HIV“

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Das T-Shirt ist ein Teil der Anti-Aids-Kampagne „Aids ist ein Massenmörder“ des Vereins Regenbogen. Der Verein richtet sich gegen die Diskriminierung von HIV-positiven Menschen.

München - Eigentlich wollte Jan seine Familie nicht mehr anlügen, sich nicht mehr verstellen. Deshalb hat er sich als schwul geoutet. Doch jetzt hat er sich mit HIV angesteckt – das Versteckspiel beginnt von Neuem und damit ein Leben zwischen Zynismus und Wut. Von Kathrin Rosendorff

In München gibt es kein Aids“, sagt Jan. David nickt. Dann lachen sie. Nicht fröhlich, nicht verzweifelt – eher zynisch. Jan ist 29, Chefkoch, groß, schlaksig und schrill: Er hat weißblond-gefärbtes Haar, trägt einen schwarzen Knopf-Ohrring, auf seinem türkisfarbenen T-Shirt steht in fetten weißen Lettern: „Sorry girls, I’m gay“. David, 23, ist der Studi-Typ mit Khaki-Hose und Kurt-Cobain-Blick. Verträumt-melancholisch eben. „Eigentlich bin ich schon von Natur aus oft depri. Seitdem ich weiß, dass ich positiv bin, bin ich halt noch schlechter drauf“, sagt David und zieht an seiner Zigarette. Gerade macht er sein Abi nach.

Die zwei Jungs sind Kumpels, beide homosexuell, beide unter 30. Seit einem Jahr leben sie mit dem Wissen, den tödlichen HI-Virus in ihrem Blut zu haben. Heute haben sie sich zufällig getroffen. Beim Mittagessen im Café Regenbogen in der Münchner Aidshilfe. Als die Spaghetti serviert werden, sagt Jan: „Heute feiere ich meinen ersten HIV-Jahrestag.“ „Herzlichen Glückwunsch“, antwortet David und sticht in seine Nudeln.

Eigentlich wollte er nur Blut spenden

Auch diese Plakate sollen vor der gefährlichen Krankheit warnen.

Sommer 2008. Jan sitzt im Biergarten, als der Anruf vom Gesundheitsamt kam. „Eigentlich wollte ich Blut spenden. Dann haben sie mir gesagt, mit meinen Werten stimme etwas nicht“. Die ganze Nacht spukt ihm der Gedanke durch den Kopf: „Was ist wenn …?“. Der Magen krampft. Am nächsten Tag geht der Chefkoch zum Gesundheitsamt. Gleich nach der Arbeit. Auf dem Stuhl rechts von ihm sitzt der Arzt, links die Ärztin. „Sie haben sich angesteckt“, sagt die Medizinerin. Was sie ihm danach erzählen, hört er nicht mehr.Jan geht nach Hause, will es seinem Freund gleich sagen – auch wenn er Angst hat, dass der ihn dann verlässt. Sein Partner telefoniert – stundenlang. „Ich habe es nicht mehr ausgehalten, ihn angeschnauzt, dass ich auch mal telefonieren muss“. Sein Freund mault zurück, dann sieht er in Jans verheulte Augen. Er legt auf. „Ich bin positiv“, brechen die Worte aus Jan heraus. Sein Freund drückt ihn an sich. „Böse war er mir nicht, eher enttäuscht“, sagt Jan. Am meisten Angst hatte der 29-Jährige davor, seinen Freund vielleicht auch angesteckt zu haben. „Aber er ist negativ. Gott sei Dank. Ironischerweise hatten wir in unserer Beziehung immer geschützten Sex.“ Als er es seiner besten Freundin erzählt, schreit sie ihn an: „Bist du zu blöd, ein Gummi zu benutzen?“ Danach weint sie.

Jan hatte ungeschützten Sex mit einem Liebhaber

Angesteckt hat Jan sich bei einem „Sex-Freund“, wie er ihn nennt. Seit sieben Jahren lebt der Chefkoch in einer festen Beziehung. Dass der ungeschützte Sex mit seinem Liebhaber ein Risiko ist, hat er eigentlich gewusst. „Der war immer viel in Berlin unterwegs. Dort, wo bei Dark-Room-Partys eigentlich immer ohne Gummi rumgefickt wird“, weiß Jan. „Aber der Sex war einfach geil, und da habe ich lieber auf das Gummi als auf den Sex verzichtet“, meint er fast entschuldigend. Der 29-Jährige zieht ein Stadtmagazin für Schwule aus dem Zeitschriftenhalter. Vom Cover lächelt ein attraktiver Typ. Die Zähne sind strahlend-weiß, die Wangen rot. Ein bisschen sieht er aus wie der große Bruder vom Zwieback-Jungen der Marke Brandt. „Der hat mich angesteckt“, flüstert Jan David zu. Laut traut er sich das im Café nicht zu sagen, sonst würde er sich strafbar machen: „Wegen der Persönlichkeitsrechte“.

Seinem Liebhaber ist es egal, ihn angesteckt zu haben

Ja cool, dann können wir ab jetzt immer ohne Gummi.“ Das hat sein Sex-Freund zu ihm gesagt, als Jan ihm eröffnete, sich bei ihm angesteckt zu haben. Wenn Jan heute Lust auf One-Night-Stands hat, dann nur mit Kondom. Dass er HIV hat, erzählt er den Jungs aber nicht: Zu groß ist seine Angst vor Klatsch in der Szene. Seine Angst, dass sie aufstehen und abhauen. Einmal in der Woche geht er zur Münchner HIV-Selbsthilfegruppe ‚20 Plus’.

Für ihn ist es wichtig, mit gleichaltrigen Betroffenen reden zu können. „Wir stehen am Anfang unseres Lebens, am Anfang unserer Karriere oder mitten in der Ausbildung. Das ist was ganz anderes, wie wenn man sich erst mit 45 Jahren mit HIV ansteckt“, betont Jan. „Als ich zur Gruppe kam, waren nur zwei dabei. Mittlerweile sind wir immerhin zu fünft“, erzählt er weiter. „Ja ja, in München gibt es kein Aids“, witzelt David. In der Restaurant-Küche weiß es keiner. Jan hat Angst um seinen Job. „Ich bin fit, habe noch keinen Tag gefehlt.“ Das Bild des dahin siechenden Aidskranken mit hässlichen Flecken auf der Haut, sei zwar schon lange nicht mehr aktuell, herrsche aber definitiv noch in den Köpfen der Anderen. „Ich kann zwar rein rechtlich nicht gekündigt werden, aber die würden dann schon irgendeinen Grund finden. Freunden von mir ist das passiert.“

Auch seinen Eltern, die in Mecklenburg-Vorpommern auf dem Land leben, will er erst einmal nichts sagen. Die Welt würde für sie zusammenbrechen. „Vielleicht sage ich es, wenn ich stabil genug bin, um meine Mutter zu trösten. Hast du es deiner Mutter schon gesagt, David?“ Der schüttelt den Kopf.

Seine Familie weiß nicht, dass er positiv ist

Der Kampf gegen Aids ist immer noch ein Kampf gegen Vorurteile und deshalb verheimlichen viele HIV-Positiven ihre Infektion. Sogar vor der eigenen Familie.

Das Schlimmste ist das Lügen“, sagt Jan. Damals hat er sich vor seiner Familie als schwul geoutet, um ohne Versteckspiel leben zu können. Jetzt muss er wieder lügen. Von seinen regelmäßigen Arztbesuchen alle drei Monate, bei denen sein Blutbild auf Helferzellen und Viruszahlen kontrolliert wird, weiß seine Mutter nichts. Die Tabletten, die den HI-Virus eindämmen und den Krankheitsverlauf anhalten, lassen ihn „bis mindestens ins Rentenalter leben“, sagt er. Wenn er sie denn auch verträgt. Noch aber muss er die Tabletten nicht nehmen: „Meine Werte sind bislang gut“. Erst bei unter 200 Helferzellen will er mit der Therapie beginnen. Vor den typischen Nebenwirkungen, wie einem Stiernacken oder einem dicken Bauch in Kombination mit dünnen Ärmchen und Oberschenkeln, graust es ihm. Und er könnte an einem Herzinfarkt sterben, weil die Tabletten die Blutfettwerte in die Höhe schießen lassen. Trotzdem liegen schon zwei dieser dicken rot-blauen Tabletten bei ihm zu Hause: Falls doch mal das Gummi platzen sollte. „Sie wirken als eine Art ‚Pille-Danach’ für den gesunden Freund“, hat der Arzt erklärt.

Warst Du auch wütend auf dich, weil Du dich nicht geschützt hast?“, fragt David. „Ja, und ich bin es immer noch. An vielen Tagen. Aber ich kann ja nicht mein ganzes Leben lang wütend auf mich sein“, antwortet Jan und zuckt mit den Schultern.

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