Kassen wollen Daten nicht für Tarife nutzen

Noch kein gläserner Patient

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Ein Fitnesstracker kann viele Daten wie zum Beispiel den Puls erfassen.

Offenbach - Einfach rausgehen und laufen ist heutzutage nicht mehr angesagt. Der moderne Mensch zeichnet seine Aktivitäten mit digitalen Helfern auf. Von Sebastian Schwarz

Der Datenschutz ist bei den Anwendungen problematisch, eine große Menge an Informationen wird gesammelt. Egal ob Laufstrecke, Puls, Blutzuckerwerte oder Schlafverhalten – die eigene Gesundheit lässt sich mit Apps und Fitnesstrackern immer genauer digital aufzeichnen und auswerten. Und immer mehr Menschen machen beim Trend zur digitalen Selbstvermessung mit. Datenschutz spielt dabei oftmals keine große Rolle für die Anwender, obwohl sich bei der Nutzung der Geräte und Apps ein riesiger Berg von privaten Informationen ansammelt. Und der weckt natürlich Begehrlichkeiten. Sehr spannend könnte der Datenschatz zum Beispiel für Krankenkassen sein. Theoretisch könnten sie damit den Lebenswandel ihrer Kunden detailliert nachvollziehen.

Auf den Trend zur Selbst-Quantifizierung ist man bei den Versicherern nämlich schon längst aufmerksam geworden. „Das Thema digitale Gesundheit ist nicht nur eine Modeerscheinung oder ein Trend, der lediglich eine Gruppe von wenigen, jungen Menschen bewegt“, sagt Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK). Der Versicherer will künftig den Kauf von Fitnesstrackern und „Wearables“ mit bis zu 250 Euro unterstützen. Eine ähnliche Bezuschussung hatte zuvor bereits die AOK Nord angekündigt. Einen ersten Vorstoß zur umfassenden Nutzung von Kundendaten hat der Privatversicherer Generali unternommen. Wer sich dort per Programm kontrollieren lässt, darf auf einen Rabatt hoffen – einen gesunden Lebenswandel vorausgesetzt. Der Tarif soll Anfang 2016 an den Start gehen. Von Verbraucher- und Datenschützern kommt heftige Kritik.

Bei der gesetzlichen TK verneint man ähnliche Absichten. „Wir werden die Daten von unseren Kunden nicht anfordern“, versichert Denise Jacoby, Sprecherin der TK. Zudem plane man keine solchen Tarife, bei denen es Boni für gesunden Lebenswandel gebe. Auch bei der Barmer GEK will man auf ein solches Modell erstmal verzichten. „So etwas können wir uns derzeit nicht vorstellen“, sagt Sprecherin Brigitte Schlöter. Komplett aufs Messen und Vergleichen müssen Barmer-Kunden aber nicht verzichten. Seit 2014 bietet der Versicherer eine eigene Bewegungs-App an. Datenschutz wird dabei großgeschrieben. „Die Nutzung ist anonym, wir erhalten weder Informationen über die Nutzer noch über deren Aktivitäten“, bekräftigt Schlöter.

Klar gegen das Modell Rabatt für gesunden Lebenswandel hatte sich bereits die Allianz-Krankenversicherung positioniert. Die AOK Hessen hingegen hat zu dem ganzen Themenkomplex noch keinen abschließenden Standpunkt definiert. „Es ist fraglich, ob Fitness-Armbänder wirklich zur Prävention beitragen“, sagt der Gesundheitsexperte des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, Kai Vogel, dem Evangelischen Pressedienst. Der Experte warnte vor den möglichen Risiken der Armbänder: „Fitness-Tracking könnte dazu verleiten, mehr Sport zu machen als gut für einen ist.“ Zum Beispiel jogge man trotz Grippe oder Erkältung, wenn das Armband mangelnde Bewegung kritisiere oder die Kasse einen Bonus für regelmäßige Bewegung zahle. Kostenlose Anwendungen enthielten zudem häufig Werbung. Vogel empfiehlt die Bewertungen der Stiftung Warentest.

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