In vielen Seniorenheimen gibt es nicht ausreichend zu essen und zu trinken

Pflegeexperte: „Würde der Alten wird verletzt“

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Viele sind entsetzt über die negativen Schlagzeilen zum Zustand der Pflege in Deutschland. Schwarze Schafe gibt es überall, möchte man einwenden. „Tatsächlich ist es aber eine ganze Herde“, sagen Fachleute.

Offenbach -  Niemand sollte sich etwas vormachen. Trotz monatlicher Kosten von mehr als 3000 Euro gibt es in vielen Pflegeheimen in Deutschland keine Spur von „dolce vita“. Von Peter Schulte-Holtey

In Wirklichkeit ist die „schöne, heile Prospektwelt“ der „Seniorenresidenzen“ oftmals pure Fantasie. „Immer noch bekommen in vielen Pflegeheimen Menschen nicht ausreichend zu essen und zu trinken, schon gar nicht in dem Tempo, in dem Sie schlucken können“, weiß Gottlob Schober, Pflegeexperte beim Südwestfunk (SWR). Seit Jahren recherchiert er zum Schwerpunktthema „Altenpflege“.

Gibt es Hoffnung – trotz der vielen negativen Meldungen?

Gottlob Schober, Pflegeexperte beim Südwestfunk.

Seit mehr als 30 Jahren sprechen wir von Pflegenotstand und sind immer noch am Anfang. Es fehlen viele Pflegekräfte. Es gibt noch immer keinen bundeseinheitlichen Personalschlüssel. Die Politik will zwar jetzt 8000 neue Pflegestellen schaffen. Doch das wirkt absurd. Stellen Sie sich vor, es ist Hochwasser. Die Rettungskräfte sagen, wir brauchen 80.000 Sandsäcke, sonst säuft die Innenstadt ab. Und die Politik sagt: Okay, wir haben es verstanden, wir schicken euch 8000. Die Katastrophe ist unvermeidbar.

Das gilt leider auch für die Pflege. Tag für Tag wird die Würde der alten Menschen tausendfach verletzt. Die alten Menschen liegen oft stundenlang in ihren Ausscheidungen. Kennt man etwas Würdeloseres und Erbärmlicheres? Pfleger allerdings haben das schon vor Jahrzehnten in exakt den gleichen Worten kritisiert.

Wird denn durch mehr Geld für die Pflege alles automatisch besser und einfacher?

Leider nein. Immer noch bekommen in vielen Pflegeheimen Menschen nicht ausreichend zu essen und zu trinken, schon gar nicht in dem Tempo, in dem sie schlucken können. Oftmals werden Menschen gewindelt, obwohl sie mithilfe noch zur Toilette gehen könnten. Menschen haben häufig nicht die Möglichkeit, mindestens einmal täglich an die frische Luft zu kommen, weil niemand da ist, der sie begleitet. In jedem Knast ist der Hofgang Standard. Menschen werden gefesselt, nur weil sie gebrechlich und sturzgefährdet sind und niemand die Zeit hat, sie zu betreuen. Selbstverständliche Kriterien werden oftmals nicht eingehalten.

Der Personalmangel ist also überall spürbar ...

Ja – viele der guten Pflegekräfte verlassen den Beruf, und wir holen uns Ersatz aus aller Herren Länder. Wie lange wollen wir noch über die schlechten Arbeitsbedingungen reden? Seit Jahrzehnten heißt es aus der Pflege: „Wir sind am Ende, die Pflege steht unmittelbar vor dem Kollaps.“ An den Missständen in der Pflege hat sich in den vergangenen Jahrzehnten leider nichts geändert, auch nicht durch die Pflegereformen und die neuen Einstufungskriterien des medizinischen Dienstes.

Ein Altenpfleger soll einen Schwerkranken in einem Pflegeheim in Groß-Umstadt getötet haben; Mordfälle des Krankenpflegers Niels H. sorgen für Schlagzeilen: Versagt das Frühwarnsystem in Pflegeheimen?

Leiter von gut geführten Einrichtungen nehmen jede Beschwerde ernst und gehen ihr intensiv nach. In schlecht geführten Häusern ist das oftmals leider nicht der Fall. Hier gelten kritische Angehörige oftmals als Querulanten, und ich habe auch Fälle recherchiert, wo Pflegeeinrichtungen sogar Hausverbote ausgesprochen haben. Dann sind bedürftige Menschen getrennt von ihren Angehörigen und oftmals allein. Engagierte und motivierte Pflegekräfte solidarisieren sich mit kritischen Angehörigen. Würden in allen Häusern Personen, die in der Pflege Verantwortung tragen, ihrer Verantwortung nachkommen, dann könnte es diese Missstände in dem Ausmaß nicht geben.

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Brauchen wir in der Pflege allgemein eine verbesserte Kultur des Hinschauens?

Was ich bei meinen Recherchen immer wieder feststelle: Der Fisch stinkt vom Kopf. In den gut geführten Häusern, und die kochen alle nur mit Wasser, haben wir Fort- und Weiterbildung für alle Mitarbeiter. Da sind Supervision, psychologische Begleitung, Seelsorge Standard. Es arbeiten dort auch andere Berufsgruppen – Sozialpädagogen, Hospizmitarbeiter, Psychologen und therapeutisch geschultes Personal. Es sind viele Menschen da, die sich kümmern.

In diesen Häusern gibt es ein Frühwarnsystem, ein Bündnis aller Berufsgruppen und Menschen, die für Pflegebedürftige Verantwortung übernehmen. Die Heimaufsicht ist überflüssig, weil sie 365 Tage im Haus ist. Schlechte Pflege, Missstände, Skandale werden dort schnell aufgedeckt, und ich wage die Prognose, dass ein Skandalpfleger wie Niels H. dort nicht lange sein Unwesen hätte treiben können.

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