Ade Labberbrot und roter Tee

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Eine Übersicht der Jugendherbergen in Hessen.

Frankfurt - Übernachten im Indianerzelt, Schwitzen in der Sauna oder Jonglieren im Zirkuszelt: Die Jugendherbergen in Hessen bieten in ihrem 100. Jahr viel mehr als Tischtennisplatten, Feuerstellen und Brettspiele. Von Ira Schaible (dpa)

Achtbettzimmer mit Toilette und Dusche auf dem Gang, roter Tee und labbriges Brot mit Bierwurst zum Abendessen gehören auch in immer mehr der über 30 Häuser zwischen Helmarshausen im Norden und Erbach im Süden der Vergangenheit an. „Unsere kleinen und großen Gäste haben sich in dem, was sie wünschen und was sie brauchen, weiter entwickelt. Sie sind anspruchsvoller geworden“, sagt Uwe Kathmann vom Vorstand des Jugendherbergswerks Hessen.

Pauschalprogramme mit „hohem pädagogischen Anspruch“ seien zunehmend gefragt. Die Gäste „gucken schon, dass man nicht einfach nur schwimmen geht, sondern dass den Kindern dabei auch etwas vermittelt wird“. Jedes Haus habe damit begonnen, ein Profil zu entwickeln und kaufe dafür auch Fachleute von außen ein. Das Angebot reicht von Eskimo-Touren mit Schlittenhunden in Hilders und Indianer-Camps in Waldeck über Zirkus-Seminare in Lauterbach und Ritterworkshops in Büdingen bis zu Klettern im Hochseilgarten in Gräfenwiesbach.

Lesen Sie außerdem den Bericht zur ersten Jugendherberge Hessens, der Burg Hessenstein, hier .

Wir sind besonders stark in allem, was mit Natur zusammenhängt“, beschreibt Kathmann einen Trend aller Herbergen, die sich als außerschulische Lernorte verstehen. Daneben werde die Stärkung sozialer Kompetenzen groß geschrieben. Dazu gehört neben Gewalt- und Suchtprävention auch die Förderung der Gemeinschaft. 40 bis 50 Prozent der Gäste seien Schulklassen, aber es kämen auch immer mehr Familien und junge Erwachsene.

Auslastung der Häuser hängt von Profil und Komfort ab

Rund 660 000 Übernachtungen zählte das Jugendherbergswerk im vergangenen Jahr in Hessen und entsprach damit laut Kathmann dem langjährigen Durchschnitt. Die Auslastung der einzelnen Häuser hänge von deren Profil und Komfort ab. Erfolg hätten vor allem Häuser mit Vierbettzimmern mit Dusche und WC sowie mehreren Schulungsräumen. In Bad Homburg und Fulda etwa sei das schon Standard, und bei allen Um- und Neubauten sei es das Ziel. Allerdings könne aus finanziellen Gründen maximal eine Herberge pro Jahr rundsaniert werden. Als nächste steht das Haus in Korbach an.

33 Herbergen gehören direkt zum Jugendherbergswerk, 3 andere - darunter Frankfurt - sind eng mit ihm verbunden. Bad Karlshafen musste Ende 2008 geschlossen werden. „In das Haus hätte sehr viel investiert werden müssen, und als gemeinnütziger Verein müssen wir Schwerpunkte setzen“, erläutert Kathmann. Im Jahr zuvor musste Hessenstein aufgegeben werden. „Über Standorte muss man sich immer unterhalten“, sagt er. „Ich habe auch ständig Kommunen, die anfragen, ob wir nicht eine neue Jugendherberge eröffnen können.“

„Das Essen muss gut schmecken“

Verändert hat sich auch die Leitung der Häuser. „Den autoritären Herbergsvater, der mit erhobenen Zeigefinger durch die Jugendherberge rennt, wird man nicht mehr sehen“, sagt Kathmann. „Da muss man altersgerecht die Kinder und Jugendlichen ansprechen und auch ernst nehmen.“ Die Häuser seien zudem um Qualitätskonzepte bemüht, die auch zertifiziert würden. Dazu gehören auch die Mahlzeiten. „Das Essen muss gut schmecken“, sagt Kathmann. „Wenn der Kaffee oder der Tee nicht mehr warm ist, wird das nicht mehr verziehen.“

Mehr Informationen zu den Jugendherbergen in Hessen finden Sie auf der DJH-Homepage

Trotz festgelegter Mindeststandards variiere das Essens-Angebot zwar von Haus zu Haus, sei aber vielfältiger geworden. „Es gibt nicht mehr nur ein Gericht, sondern mehrere“, verspricht Kathmann. „Es gibt kaum noch eine Klasse, in der nicht mindestens drei oder vier Kinder eine Allergie haben - und die haben in der Regel nicht die gleiche.“ Darauf werde genauso Rücksicht genommen wie auf die Ernährungsgewohnheiten von Moslems und Vegetariern.

Einschränkungen beim Alter gibt es für die Gäste nicht mehr. Einzige Voraussetzung ist ein Mitgliedsausweis. Wanderer und Radfahrer etwa steigen inzwischen wieder häufiger in den Jugendherbergen ab. „Die Landesregierung hat ja auch für den Ausbau der Radrouten und Wanderwege einiges gemacht“, nennt Kathmann einen Grund. In Hessen gebe es eben auch einfach tolle Gebirge.

Die (bald) Neueste

Von den 33 hessischen Jugendherbergen soll Korbach als nächste saniert werden. 1,3 Millionen Euro stehen dafür zur Verfügung. Neben dem Brandschutz spielt der Komfort eine große Rolle: Jedes Zimmer wird ein eigenes Duschbad haben. „Drei Viertel unserer Zimmer haben bereits ein eigenes Bad, manche allerdings nur mit Waschbecken statt Dusche“, sagt Herbergsleiterin Rebekka Rieth-Figge. „Für die übrigen gab es nur eine Waschrinne im Gemeinschaftsbad, wie man es von früher kennt.“

Nähere Infos zur Korbacher Jugendherberge finden Sie hier .

Etwa 12 000 Schüler übernachten jedes Jahr in der Korbacher Jugendherberge. Rieth-Figge und ihre elf Mitarbeiter können den Wunsch nach einem eigenen Bad verstehen. „Selbst die Kinder wollen das heute.“ Das traditionsreiche Herbergsleben sieht sie dennoch nicht in Gefahr: „Zähneputzen an der Waschrinne macht das Jugendherbergsfeeling ja nicht aus.“

Die (derzeit) Neueste

Die Jugendherberge in Fulda wurde als letzte von Grund auf renoviert. Nach neunmonatigem Um- und Ausbau öffnete die 1936 erbaute Herberge, die unter Denkmalschutz steht, im Oktober vergangenen Jahres wieder ihre Türen. Jedes der 44 Zimmer hat jetzt einen eigenen Sanitärbereich. Die Zahl der Betten erhöhte sich um 44 auf 174. Es gibt Einzelzimmer, Zwei-, Drei-, Vier-, Fünf- und Acht-Bettzimmer.

Nähere Infos zur Jugendherberge Fulda finden Sie hier .

Die Jugendherberge in der Domstadt verfügt über einen großen Speiseraum, eine Cafeteria, einen Spielraum und sieben Tagungsräume. Diese sind mit Fernseher, Video, Beamer, Projektoren, Mikrofonanlage und Internetanschluss ausgestattet. „Modern - aber dennoch 100 Prozent Jugendherberge“, beschreibt Herbergsleiter Dirk Voortmann das Haus. Es gibt sogar ein Klavier. Der Landesverband Hessen investierte 3,2 Millionen Euro in den Bau.

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