„Okay, dann bleibt er eben stehen“

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Ein Experte des TÜ-Hessen  kontrolliert Bremsanlage und Fahrgestell.

Hainburg - „Nur Pipi! Hier nix Pipi !?“ Der Peugeotfahrer aus Frankreich hängt verwirrt und zappelig im Autositz. Ist das nun eine Autobahnraststätte mit öffentlicher Toilette oder nicht. „Sie befinden sich hier mitten in einer Verkehrskontrolle. Von Michael Eschenauer

Bei LKW-Kontrollen geht es nicht nur um Bremsklötze und Lenkzeiten.  Da muss mitunter entschieden werden, ob der Schweinelaster trotz eines schadhaften Reifens weiterfahren darf, weil bei einem Reifenwechsel die maximale Transportdauer überschritten würde, oder ob die Tiere warten müssen.

Haben Sie nicht gesehen, dass die Zufahrt gesperrt ist?“ Auch wenn die hell ausgeleuchtete Autobahnraststätte Mainhausen an der A3 Richtung Würzburg wie Andromeda mitten im Dunkel des Universums lockt, Polizeihauptkommissar Detlef Simon bleibt hart. „Sie können aussteigen, aber dann ist ein Bußgeld fällig“, sagt der Leiter der Kontrollstelle und Vizechef der Verkehrsinspektion beim Polizeipräsidium Südost. Der Franzose gibt kopfschüttelnd Gas. Andere Besucher des abgesperrten Rastanlage würden gerne mit ihm tauschen. Aber sie kommen nicht weg.  An diesem milden Spätsommerabend führen hier rund 40 Mitarbeiter verschiedenster Behörden eine „Schwerverkehr Großkontrolle“ durch. An Simons Seite stehen unter anderem Experten vom Regierungspräsidium, vom Bundesamt für Güterverkehr, der Veterinär- und Lebensmittelüberwachung und vom Zoll. An einem Picknicktisch gibt‘s Kaffee und Apfelstrudel. Stromgeneratoren für die Lichtmasten brummeln gegen die unermüdlich laufenden Motoren der Polizei-Einsatzwagen an. 

Alle Räder stehen still, Lichtmasten leuchten die für den normalen Verkehr gesperrte Rastanlage Mainhausen aus. Rein kommt nur, wer von einem Streifenwagen hierher dirigiert wird. Bei Weiskirchen füllt sich unterdessen der Parkplatz mit Truckern, die über Funk von Kollegen gewarnt wurden.

Die Kontrolle ist zwar eine der größeren, aber Routine beim Polizeipräsidium Südost hessen. Sechs davon hat man in diesem Jahr schon hinter sich. Begonnen hat sie um 15 Uhr und sie wird bis 0.30 Uhr dauern. Eine langwierige Angelegenheit, aber es geht ja auch um die Sicherheit jener Riesen, die zwar verharmlosend Brummis genannt werden, sich aber in rollende Bomben verwandeln können. Im Bereich des Polizeipräsidiums Südost hessen waren im vergangenen Jahr 2022 Lastwagen an Unfällen beteiligt. Dies ist ein Anteil von 13,7 Prozent an der Gesamtunfallzahl von 14.810.

Ein selbstgebasteltes Kabel zur Fahrzeugbefestigung zu sehen.

Am nächsten Tag wird Simon in seiner Lagemeldung 91 kontrollierte Schwerlastfahrzeuge bilanzieren, von denen 42 Mängel aufwiesen. Zehn waren derart marode oder unsicher, dass die Weiterfahrt untersagt wurde. Simon nennt das Ergebnis relativ gut. „Die Erfahrung sagt, dass es keine Lkw ohne Mängel gibt“, stellt er an diesem Abend fest. Die ordnungsgemäße Sicherung der Ladung, die Beachtung der Vorschriften beim Transport von Gefahrgut, die Funktionstüchtigkeit der Bremsanlagen, abgefahrene Reifen, korrodierte Rahmen oder mangelhafte Stoßdämpfer sind ein paar der wichtigsten Punkte, auf die die Kontrolleure ihre Aufmerksamkeit richten. Hinzu kommen die Lenk- und Ruhezeiten.

Das System ist bewährt und einfach. „Wir haben fünf Schlepper, die greifen sich verdächtige Laster aus dem fließenden Verkehr heraus und begleiten sie zum Kontrollpunkt“, sagt Oberkommissar Konstantin Hein. Er steht mit seinem Streifenwagen auf dem Rastplatz Weiskirchen wenige Kilometer vor der Kontrollstelle. Im Radio singt Freddy Mercury gedämpft „Another one bites the dust“ als sein scharfes Auge am Laster von Enrico hängen bleibt. „Ich schätze mal, der ist so an die sechs Zentimeter zu hoch. Die Sattelplatte ist wohl falsch justiert.“ Hein ist Abmessungsspezialist, andere Kollegen haben andere Spezialgebiete. Er gibt Gas, zieht an Enricos Laster vorbei, schaltet Blaulicht und das „Bitte Folgen“-Schild ein.

Hassans, Josefs und Atzes auf dem Rastplatz

Rund um die müffelnde Toilettenanlage am Rastplatz herrscht ein Gewimmel wie auf dem Basar. Mit den Armen rudernde, kopfschüttelnde „Hassans“ „Josefs“, „Papas“, „Atzes“ oder „Timmis“ - gut identifizierbar an den Namensschildern im Führerhaus - stehen neben sperrangelweit offenen Lastwagen. Uniformierte in Leuchtwesten mit Klemmbrettern, Messlatten und Laptops wuseln umher. Hier wälzt einer die Vorschriften für den Transport von Ferkeln, dort wird über Handy mit dem Zoll über eine Sondergenehmigung für den Transport von Schaumstoff-Abfall konferiert.

Aufsehen erregt ein paar Meter weiter der Lastwagen mit ungesicherten Traktorreifen und Gullydeckeln. Das Umladen wird vier Stunden dauern. Ein Trucker macht sich mit Polizeibegleitung zur Fahrzeugwaage auf. Der Mann vom TÜ-Hessen schiebt sich mit seinem Rollwagen unter den MAN-Zug und lässt den Lichtkegel seiner Taschenlampe umherwandern, Fahrtenschreiber werden angezapft, Reifen begutachtet. Am Ende öffnet sich eine Truckerhand, um die Rechnung entgegenzunehmen.

Ein elektronischer Fahrtenschreiber angezapft.

Der Italiener mit dem Tattoo, glaubt, es ginge nur um ein paar Zentimeter Überbreite und lacht viel - noch. „Volltreffer“, murmelt einer der Mitarbeiter der Verkehrssicherheit. Antonio und seine Firma tauchen wegen verschiedener nicht bezahlter Bußgelder im Vollstreckungsprogramm des Zolls auf. Da hat sich was angesammelt. Macht summa summarum 4.521 Euro. Zahlbar sofort. „Keine Geld“, sagt der Besuch vom Mittelmeer. „Okay, dann bleibt er eben stehen“, kommt die Antwort von Zoll-Mitarbeiter Christian Buß. Fahrer aus Staaten, mit denen die Bundesrepublik keine Vereinbarung über den gegenseitigen Einzug von Bußgeldern unterhält, müssen EC- oder Kreditkarte zücken, wenn sie das Geld nicht bar dabeihaben. Oder sie lassen sich etwas vom Arbeitgeber per Blitzanweisung schicken. Man fahre die Kunden sogar zum Bankautomaten, sagt Buß. Ist ein Brummi höher als vier und breiter als 2,55 Meter, zücken die Mitarbeiter der Verkehrsinspektion ihre Tabelle.

Hier wird exakt der wirtschaftliche Vorteil durch die Überladung ermittelt und abgeschöpft. Schadhafte Reifen oder fehlende Sicherungsgurte müssen kein Problem sein. Es gibt Firmen, die liefern frei Autobahnparkplatz. Auch Umladehelfer rücken an. Kann sich der Fahrer selbst helfen, ist man auch zufrieden. Stellt sich dessen Chef aber stur, drohen unfreiwillige Urlaubstage auf Asphalt. Nach der Kontrolle bei Mainhausen stand ein slowakischer Lkw, der mit 25 Tonnen ungesicherten PET-Flaschen unterwegs war, bis Mitte der folgenden Woche auf einem Autohof herum. Man wollte die 300 Euro Bußgeld nicht zahlen.

Wer ein so Ungetüm sicher transportieren will, tut gut daran, es fest zu verzurren. Oft verzichten Speditionsfirmen hierauf. Zwar hätten die Fahrer oft alles dabei, aber Zeitdruck oder Bequemlichkeit ließen manchen auf sein Glück vertrauen und nicht auf gute Gurte, so der Leiter der Kontrollstelle, Detlef Simon. 

Neben Enrico stehen Fatima und Milan. Die platinblonde Beifahrerin oben auf dem Iveco hat die Hand in der Gummibärchen-Tüte. Ihr Begleiter war 28 Kilometer zu schnell gewesen. Für den „Transitfahrer aus abkommensfreien Ländern“ sind 95 Euro fällig zuzüglich 25 Euro an Verwaltungsgebühr. Milan zückt die Brieftasche. Hassan aus Antalya ist sauer und will feilschen. Sekunden zuvor hat man ihm den Bescheid über eine Sicherheitsleistung über 900 Euro in die Hand gedrückt. Die Ladung ist sechs Zentimeter zu hoch. „Viel teuer, ich selbst bezahlen, Chef nix geben, Familie nix zu essen.“ Hassan wird mit seinem Scania nach Offenbach geleitet, wo am nächsten Morgen die Höhe des Aufliegers neu eingestellt werden soll.

No verstehen. Alles Rumania.“ Der VW-Transporter aus Südosteuropa mit der Aufschrift „Transport Persoane“ ist überladen, scheint auf der Straße zu kratzen. Auf dem Anhänger schaukelt ein alter Opel Vectra, symbolisch gesichert mit Drahtschlingen. Im Innern türmt sich ein Warensortiment, das aus einer Wohnungsauflösung stammen könnte. Dunkelhaarige junge Männer und Frauen sowie zwei Kinder blicken ängstlich durch die Scheiben. Das von der Polizei um einige Kilo erleichterte Gespann kommt mit einem Bußgeld von 380 Euro davon.

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