INTERVIEW 

Selfies an Kirchenbänken – Pfarrer erzählt von Herausforderungen an Ostern

Selfies an den Kirchenbänken: Gemeindemitglieder schicken Pfarrer Stefan Barton Fotos, die in der Zeit der Kontaktlosigkeit den Glauben an die Gemeinschaft symbolisieren sollen. 
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Selfies an den Kirchenbänken: Gemeindemitglieder schicken Pfarrer Stefan Barton Fotos, die in der Zeit der Kontaktlosigkeit den Glauben an die Gemeinschaft symbolisieren sollen. 

Durch die Corona-Krise ist in diesem Jahr vieles anders. Auch das Osterfest wird eines werden, wie wir es noch nicht erlebt haben. Das stellt auch die Kirche vor Herausforderungen. 

Dietzenbach – Die Corona-Pandemie stellt auch die Geistlichen vor neue Herausforderungen. Stefan Barton, Pfarrer der katholischen Gemeinde St.Martin, erzählt im Interview, wie er die Ostertage verbringen wird und wie die Menschen seiner Meinung nach aus der Krise gestärkt hervorgehen können.

Welches Buch haben Sie sich für die Feiertage vorgenommen?

Ich lese in diesen Tagen „Gott essen“ – Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls. Es handelt von Milch, Honig und Käse über Brot und Wein bis zu Cola und Kokosnuss. Der Autor, Anselm Schubert, wirft darin einen Blick auf das Letzte Abendmahl und dessen unterschiedliche Feier durch die Geschichte des Christentums hindurch, mit einem besonderen Akzent auf die dazu verwendeten Nahrungsmittel. Erhellend und amüsant gleichermaßen.

Wie werden Sie Karfreitag und die Ostertage verbringen, was wird alles anders sein?

Die Kartage beginnen schon mit dem Abend des Gründonnerstags. Ich werde stellvertretend für die ganze Gemeinde das letzte Abendmahl feiern. Das ist eine Herausforderung. Ist doch Pessach, die ursprüngliche Feier Jesu, auf Gemeinschaft angelegt. Seit einigen Tagen schicken mir Gemeindemitglieder Selfies von sich, die jetzt an den Kirchenbänken hängen. Eine schöne Geste, die daran erinnert, dass wir als Gemeinschaft in Dietzenbach glauben.

Wie fühlt es sich an, einen Gottesdienst in einer leeren Kirche zu feiern?

Nach nun schon über zwei Wochen habe ich mich ein wenig damit arrangiert. Der Gedanke, dass ich die Gottesdienste stellvertretend feiere und im Wissen darum, dass unsere Verbundenheit da ist, fühle ich mich dabei nicht alleine. Allerdings muss ich zugeben, dass es bis vorgestern ziemlich frisch in der nicht geheizten Kirche war. Aber mit einem Pullover unter den Messgewändern ging es dann doch ganz gut.

Was bedeutet es für Gläubige, Ostern nicht in der Gemeinschaft feiern zu können?

Am Palmsonntag konnte ich erleben, dass eine ganze Reihe Menschen nach und nach zur Kirche kamen, um sich die geweihten Palmsträuße zu holen. Häufig war von Bedauern die Rede und mindestens genauso häufig davon, dass dies jetzt halt besondere Umstände sind und wir das als Gemeinde schon meistern werden.

Was gibt Ihnen Hoffnung, dass die Gesellschaft die Corona-Krise bald übersteht?

Ostern ist das Fest der Christen, an dem wir feiern, dass das Leben den Tod besiegt hat. Ich erlebe in meinem eigenen Leben und in den Begegnungen mit vielen Menschen immer wieder Auferstehung: aus Krankheit, aus Verlassenheit, aus Mutlosigkeit, aus Betrübnis, aus Verbitterung, aus Einsamkeit und das Entstehen neuer Begegnungen. Viele kleine und große Gesten der Verbundenheit und eine große Zuversicht, dass wir diese große Herausforderung der Menschheit unserer Tage bestehen werden.

Wie meinen Sie das?

Die beschriebene Zuversicht und das Erleben sollen nicht die Not der Kranken und den Schmerz über die Toten dieser Pandemie kleinreden. Ich hoffe, dass viele wieder Gesundheit erlangen, dass die Wissenschaft Medikamente und Impfstoffe entwickeln kann und dass wir gemeinsam und in enger Verbundenheit die Toten betrauern werden können. Auch Trauer ist eine Kraft, die dem Leben dient.

Was sagen Sie Menschen, die an Ostern auf das Fest im Kreis der Familie nicht verzichten wollen?

Es ist ein wunderbares Gefühl, besondere Tage mit den Menschen zu begehen, denen man sich eng verbunden fühlt. Dazu gehört auch, dass ich mich einbringe, dass ich meinen Teil dazu beitrage, dass wir als Familie, als Freunde gemeinsam die Feiertage begehen können. Die große Herausforderung dieser Feiertage ist, dass wir die Anstrengung unternehmen müssen, nicht zusammen zu kommen, nicht gemeinsam am Tisch zu sitzen, uns nicht zu umarmen, damit wir dies alles wieder tun können, wenn die Gefahr vorüber sein wird. Vielleicht können wir das im Blick auf die Fastenzeit verstehen. Die eigentlich ja die „Vierzigtagezeit“ heißt. Vierzig Tage, die uns helfen sollen, den Blick auf das Wesentliche im Leben zu schärfen. In der italienischen Sprache erinnert uns der Name dieser Zeit an quaranta giorni, vierzig Tage, von denen die Venizianer im 15. Jahrhundert die Quarantäne abgeleitet haben. Die Herausforderung der Corona-Pandemie fordert uns vielleicht auch auf, bewusster zu leben. Bewusster zu leben und unser Leben zu gestalten ist ja auch das Thema von Ostern.

Was bieten Sie Ihrer Gemeinde über die Feiertage, trotz der Ausgangsbeschränkungen?

Mit dem Palmsonntag haben wir schon begonnen, indem wir die traditionellen Palmsträuße nach dem Gottesdienst vor der Kirche zur Abholung bereitstellten. Schon durch die ganzen Tage, an denen wir keine öffentlichen Gottesdienste feiern konnten, konnte die Predigt auf unserer Homepage abgerufen werden. Ab heute bis Ostersonntag wird unsere Kirche von jeweils 16 bis 18 Uhr für das stille Gebet des Einzelnen offen sein. Es wird darauf geachtet werden, dass nicht mehr als zwei Menschen gleichzeitig dies werden machen können.

Wie geht es weiter?

Nach dem Karfreitagsgottesdienst wird das Kreuz wie sonst auch zur Verehrung aufgestellt sein. Auch hier wird darauf geachtet, dass keine Berührungen möglich sind. Die Osternachtsfeier wird mit einem Feuer vor der Kirche eröffnet. Das Feuer wird vermutlich einige Zeit brennen. Die neue Osterkerze wird entzündet und die ganze Osternacht und den Ostersonntag über brennen und uns damit erinnern: Jesus Christus ist von den Toten auferstanden.

Was ist am Ostersonntag geplant?

Am Ostersonntag wird es um 12 Uhr ein Festtagsgeläute geben. Die beiden großen Kirchen in Deutschland haben sich darauf geeinigt. Zudem können für jeden der Kar- und Ostertage Audiostreams auf unserer Homepage (st-martin-dietzenbach.de) gehört werden. Musik, Gesang und Texte aus unserer Pfarrkirche. Aufgenommen in den letzten Tagen von Franziska und Max Ackermann, den Leitern unseres Chores Funkenflug. Die Kinder der Kindertagesstätte haben kleine Filme für Kinder zu den einzelnen Tagen und der Geschichte von Ostern gedreht. Auch diese finden sich auf der Homepage. Die klare Botschaft dieses Osterfestes geht über diese Tage hinaus. An jedem Sonntag einer Woche feiern wir Ostern. Wir feiern in jeder Woche eines Jahres, dass das Leben den Tod besiegt hat in der Auferstehung Jesu. Vielleicht eröffnet die besondere Situation um die Feier des Osterfestes in diesem Jahr neu das Verständnis dafür. In über 1 000 Osterkarten haben wir in diesen Tagen von der Auferstehung berichtet und vielen einen Gruß nach Hause gesendet.

Das Interview führte Ronny Paul.

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