Ostern 1647:

Stadt menschenleer, Feld verwüstet

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Abt Franziscus II. (Blöchinger) ließ die heutige Wasserburg wohl um 1700 oder 1705 errichten. Sie entstand an der Stelle einer früheren Wasserburg, die offenkundig bereits zu Zeiten des 30-Jährige Kriegs existierte.

Seligenstadt - Ostern ist das höchste Fest der Christen und das zentrale Ereignis ihrer Religion. Auch die weltlichen Aspekte haben in unseren Tagen positive Vorzeichen, denken wir nur an die Ferientage, an Osterspaziergang oder Eiersuche mit den Kindern. Von Michael Hofmann

Zwar gibt es die beliebten Ostereier-Märkte in unserem Kloster leider nicht mehr, aber wir Seligenstädter können uns frohgemut auf die Feiertage einstimmen. Das war nicht immer so und ganz schlimm Mitte des 17. Jahrhunderts.

Dem durchlauchtigen Großherzoge von Hessen und bei Rheine, Ludwig, widmete Johann W. Steiner im Jahre 1820 seine „Geschichte und Beschreibung der Stadt und Abtei Seligenstadt in der großherzoglich-hessischen Provinz Starkenburg“. Ein ausführliches Kapitel verfasste der „Historiograph“ nach Auswertung vieler Quellen und Materialien dabei zum Jahr 1647, als der 30-jährige Krieg, der Not, Elend und Tod über die Menschen brachte, in Seligenstadt noch einmal seine Fratze zeigte:

Gegen Ostern wurde der Stadt die Einquartierung französisch-weimarischer Truppen angekündigt. Diese Nachricht erschreckte die leidgeplagten Seligenstädter derart, „dass alles beschloss mit den besten Habseligkeiten nach Hanau zu flüchten, wohin bereits viele Einwohner aus Obernburg, Amorbach, Klingenberg, Aschaffenburg und Steinheim aus gleicher Furcht ihre Zuflucht genommen hatten.“ In der Abtei, so Steiner weiter, „blieben aber mehrere Geistliche, unter anderem der mutige Prior Walz“, zurück. An Palmsonntag kamen 300 Mann weimarischer Infanterie in die Stadt. „Prior Leonhard Walz ging ihnen entgegen und wurde, wie er selbst sagte, gar freundlich von ihnen aufgenommen.“ Walz stammte aus Obernburg und war der 70. Abt des Klosters. Ebenso wie er zuvor als Pfarrer in Seligenstadt „für das Seelenheil der ihm Anvertrauten wirkte, so setzte er sich ein für die klösterliche Zucht. Auch sind seine Pflichttreue und Begeisterung für die Rechte des Klosters überliefert“, schreibt Hubert Post in seiner „Geschichte der Benediktiner-Abtei Seligenstadt“ (2003).

„Als die weimarischen Soldaten damals aber nirgends auf den Gassen Einwohner gewahr wurden und endlich die Wohnungen ganz leer fanden, zerstörten sie in der ersten Wut mehrere Häuser und brannten die Wasserburg nieder“, berichtet Steiner. Mit Mühe und „freundlicher Zuredung“ habe Walz es geschafft, die Soldaten von weiteren Zerstörungen abzusehen. Der Gottesmann, den Post als bescheiden, würdig, fromm und gütig beschreibt, hatte sich bei ihnen so beliebt gemacht, dass die protestantischen Soldaten während des zehntägigen Aufenthalts dem katholischen Gottesdienst in der Abteikirche sehr oft und ohne ihn im Mindesten zu stören, beiwohnten. Auch zu Ostern hätten sie dem Gottesdienst besucht und der Predigt, die Walz gehalten hatte, sehr aufmerksam zugehört.

Die französisch-weimarischer Truppen waren die Letzten, die der 30-jährige Krieg in die Mauern Seligenstadts führte. Das folgende Jahr 1648 begann zwar mit einem Feldzug des französischen Feldherrn Turenne und des schwedischen Oberkommandierenden Wrangel, der Westfälische Frieden ließ viele der wieder in die Stadt Seligenstadt zurückgekehrten Einwohner aufatmen. Aber die erste Erleichterung wich schnell der Ernüchterung. Zwar war der Friede hergestellt, „aber menschenleer war die Stadt und verwüstet das Feld. Brandschatzungen und Erpressungen aller Art hatten das bare Feld rar gemacht und daher fehlte es an notwendigen Mitteln, an arbeitenden Händen und an Geld, die wenigen in Bewegung setzen zu können.“ Nach den Bürgermeisterechnungen hatte die Stadt von 1623 bis 1648 20 000 Gulden an Kriegsgeldern zu zahlen.

Die hauptsächlichen Bemühungen des Stadtrats, so fasst Steiner zusammen, „gingen deshalb in dieser Periode dahin, fremde Professionisten und Durchreisende zum Etablissement in Seligenstadt zu bereden und, ohne nach Vermögen zu fragen, nur auf arbeitende Menschen bedacht zu sein. Um diese Zeit wanderten denn auch daselbst gegen 60 niederländische Wollenweber mit ihren Familien ein.“ Der Rat der Stadt nahm sie im April 1652 auf, darunter die Namen Wilhelmi, Gerhard, Ackersmann, Chambre, Valentin, Dalquen und Gottgeb.

Nach 15 Jahren waren die Wunden des Krieges schon fast geheilt, die Einwohnerzahl nahm bedeutend zu, „sodass der Pfarrer, welcher bisher allein sein Amt versehen konnte, sich nun um Hülfe umsehen musste. Aus der Asche und den Ruinen entstanden neue Häuser.“

Der Wohlstand war Ende des 17. Jahrhunderts wieder überall sichtbar. Eben so schnell erholte sich die Abtei. Obwohl es um die Finanzen des Klosters noch schlecht bestellt war, ließ Abt Leonhard Walz in Hörstein ein neues Hofhaus bauen. Dort erholte er sich, so oft er konnte, dort starb er auch am 16. Mai 1666 und wurde im „Mutter-Gottes-Chor“ beigesetzt.

Nach der Resignation (Amtsverzicht) seines Nachfolgers Nicolaus II (Petermann, 1666-1674), der „schweigend das Kreuz der Undankbarkeit“ trug, kam Franciscus I (Hoffmann, 1674-1695), ein Kölner von Herkunft, vorher Pfarrherr in Großauheim, ins Amt. Damals hatte sich die Abtei fast wieder zu altem Wohlstand erhoben. Der Abt war „von unbescholtenem Wesen und ein Kämpfer für die Gerechtigkeit. Franciscus war ein strenger und entschlossener Richter und bestrafte lockere Sitten. Nimmer ruhend und betriebsam bemühte er sich, das beschädigte Kloster und die Abteikirche wiederherzustellen“, lobt Hubert Post. Zu Recht, denn die Liste seiner Baumaßnahmen ist beeindruckend.

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