Will ich Meer?

+
Mann im Ring: Matthias Kristlbauer war als Kreuzfahrt-Neuling auf der MSC Lirica.

Unser Kollege Matthias Kristlbauer hat noch nie eine Kreuzfahrt gemacht. Für solche wie ihn gibt es jetzt Schnupperreisen, gerade mal lang genug, um einmal das Meer zu spüren und sich am Ende zu fragen: Will ich mehr davon?

Als das Gespräch auf die Kreuzfahrt kommt, sagt Regine nur ein Wort und hebt dabei auffällig die Stimme: „Duuu?“ Dann bricht meine Kollegin in schallendes Gelächter aus. Ja. Ich! MSC Lirica heißt das Schiff, und durch die Nordsee soll es fahren – von Hamburg über Helgoland nach Amsterdam und zurück. Drei Nächte an Bord. So zum Schnuppern, erkläre ich Regine. Falls ich doch mal mehr Meer will. Man wird schließlich älter. Kreuzfahrten macht mittlerweile fast jeder. Selbst mein Freund Markus, der vorher im Urlaub immer nur nach Österreich gefahren ist.

Drei Tage später. Mein Handy fiept. Markus meldet sich von seiner Kreuzfahrt zurück. „War super“, sagt er. Und warnt mich vor der Nordsee. Ziemlich ruppig da oben. Kann schnell bei Zwieback und Tee enden. Dann schleudert mir Markus noch ein „Schiff ahoi!“ hinterher. Ich frage mich, wie’s seine Frau mit ihm aushält. 18 Stunden später. Der Hamburger Hafen unweit der neuen Elbphilharmonie. Vor mir steht die MSC Lirica. 251 Meter lang, fast 29 Meter breit, Platz für 2070 Passagiere. Deck Bellini, Kabine 10120 steht auf meinem Schiffsticket. Mit Meerblick. Neben mir steht mein Trolley-Koffer. Viel Gepäck habe ich nicht dabei. Schwerer wiegen da schon meine Vorurteile über Kreuzfahrten. Ob sie abbaubar sind? Willkommen an Bord!

VORURTEIL 1

Kreuzfahren macht seekrank„Nimm die mit!“, hatte meine bessere Hälfte Christina gesagt und mir vor der Abfahrt eine Packung Kaugummi in die Hand gedrückt. Wirkstoff Dimenhydrinat – gegen Reiseübelkeit. Am ersten Morgen an Bord wanke ich das erste Mal – ich stehe gerade unter der Dusche. Die Lirica kreuzt irgendwo vor Helgoland. Ein leichter Druck im Hinterkopf bleibt bis zum Nachmittag. Die See bleibt rau, am Nachmittag wage ich mich trotzdem im Fitnessraum aufs Laufband. Es wankt. Am Abend liegen schon die ersten Passagiere flach. Ich nicht. Einmal nur kehrt das Schwanken zurück – als ich wieder festen Boden betrete. Ich habe mich so an den Seegang gewöhnt, dass ich ihn mit an Land nehme.

1 x 1 - Tipps für die erste Kreuzfahrt

Kleines Einmaleins an Bord

VORURTEIL 2

Ich kriege PlatzangstIn eine Innenkabine geh’ ich nicht! Das war mir klar. Da krieg ich Platzangst. Mein kleines Reich hat zumindest ein Fenster, aber keinen Balkon. Aber draußen hat’s ohnehin gerade mal fünf Grad, und der Nord-Ost-Wind weht mit 20 Knoten. Ich gehe auf Schiffserkundungstour und kenne mich nach einem Tag halbwegs aus. Rund 1800 Passagiere sind an Bord plus 700 Besatzungsmitglieder. Am ersten Morgen treffe ich sie – zumindest gefühlt – alle auf einmal beim Frühstück. Nach einer Dreiviertelstunde kommt mein Tee. Am nächsten Morgen würde das besser sein, erzählt mir eine Passagierin aus Norddeutschland. Ich will es nicht darauf ankommen lassen und trinke an der Bar meinen Cappuccino – allein. Am Nachmittag habe ich den Fitnessraum ganz für mich. Man kann an Bord offenbar auch mal allein sein. Das erstaunt mich. VORURTEIL 3 Ich brauch kein Dinner Jacket Das Hemd ist frisch gebügelt, das Sakko sitzt, und die Jeans ist neu – trotzdem komme ich mir am zweiten Abend etwas deplatziert vor. Die Menschen um mich herum – ihr Alter ist bunt gemischt – sind fein gekleidet. Schon beim Blick auf das Tagesprogramm am Morgen war ich stutzig geworden. Da stand als Kleidervorschlag: „Heute Abend festlich“. Der dunkle Anzug aber hängt zu Hause im Schrank. Zum Glück sind die anderen Abende in puncto Kleiderordnung entspannter. Ich beschließe dennoch: Bei der nächsten Kreuzfahrt kommt der Anzug mit!

VORURTEIL 4

Übungen sind überflüssig

 Die Miene des Mannes verfinstert sich. Da sei ich jetzt aber selbst schuld, sagt Guglielmo Siviero. Siviero ist Staff Captain, der zweite Mann an Bord, und sauer, dass ich an keiner der beiden Sicherheitsübungen teilgenommen habe. „Wir sind da sehr streng“, sagt Siviero und breitet einen riesigen Plan aus mit dem Rettungskonzept des Schiffes. Laut Statistik sind in fünf Jahren von 100 Millionen Menschen, die weltweit auf Kreuzfahrt waren, 16 ums Leben gekommen – vor der Havarie der Costa Concordia. Als ich Staff Captain Siviero beteuere, dass ich mir das Video über die Sicherheit an Bord sicherheitshalber zwei Mal im Bordfernsehen angesehen habe, wisse, wo meine Schwimmweste sei und mein Sammelpunkt, schaut er freundlicher.

VORURTEIL 5

Seetage sind langweilig
Um 8.40 Uhr kommt die Durchsage, Kapitän Corrado Iaconis habe entschieden, die Passagiere nicht nach Helgoland überzusetzen. Der Wellengang sei zu hoch. Nichts wird es also mit dem Landgang. Also ein Seetag – bei Nieselregen. Was tun? „Macht ihr erst mal Sport, wir gehen shoppen“, sagen zwei Frauen mittleren Alters im Hamburger Dialekt zu ihren Männern. Wenig später hat sich vor dem Duty Free Shop eine Schlange gebildet. Weil das Wetter nicht zum Sonnen an Deck taugt, gehe ich nach einem Spaziergang übers Schiff ins Restaurant. Essen ist ja immer ein Zeitvertreib. Die Speisesäle sind an diesem Tag gut gefüllt.

VORURTEIL 6

Der Landgang als Herdentrieb
Amsterdam – die Stadt der Grachten, der Coffee Shops und Rotlichtviertel. Aber ich bin erst einmal auf der Suche nach der „7“. Das ist die Nummer der Gruppe, mit der ich von Bord gehen soll. Die „7“ steht auf der orangefarbenen Kelle der Gruppenleiterin. Als sich meine Schlange in Bewegung setzt, um von Bord zu gehen, trabe ich hinterher. Mit dem Bus geht’s durch die Stadt. Ich entdecke freudig den ersten Coffee Shop! Wenig später stehen spärlich bekleidete Damen in einem Schaufenster!! Wir fahren dran vorbei – geradewegs in eine Diamantenschleiferei. Nach zehn Minuten endet die Führung in einem Verkaufsgespräch. Danach geht’s weiter zur Grachtenfahrt. Die gefällt mir. Dennoch frage ich mich, ob ich nicht besser auf eigene Faust hätte losziehen sollen. Schon nach gut fünf Stunden in Amsterdam legt die Lirica wieder ab. Heimfahrt nach Hamburg.

Zwei Wochen später. Ich treffe mich mit Markus in München. Wir haben unseren üblichen Stammtisch zum Kreuzfahrertreff deklariert. Er schwärmt mir vor von seiner Tour um die Kanaren und erzählt, dass er schon die nächste Kreuzfahrt gebucht hat. An Silvester will er nach Dubai. Ich stutze. Dubai? Auch keine schlechte Idee. Ja, eine Kreuzfahrt könnte ich mir schon wieder mal vorstellen. Und in Dubai soll ja auch die Sonne zuverlässig scheinen.

Matthias Kristlbauer

DIE REISE-INFOS ZUR MSC LIRICA

DAS SCHIFF Die MSC Lirica wurde 2003 in Dienst gestellt. Sie hat 780 Kabinen, 372 davon sind Außenkabinen mit großen Fenstern. Die 132 Suiten verfügen über einen Balkon. Auf der Lirica gibt es vier Restaurants, acht Bars und Salons und eine Diskothek. Das Theater bietet Platz für 700 Gäste. Der Spa- und Wellnessbereich mit Sauna und Sportgeräten über der Kommandobrücke bietet eine hervorragende Aussicht.

DIE ROUTEN Die Lirica fährt bis Oktober 2012 verschiedene Routen ab Norddeutschland, hauptsächlich ab Hamburg, vereinzelt auch ab Kiel. Die Kreuzfahrten haben eine Dauer ab drei Tagen, wie die von uns beschriebene Schnupperkreuzfahrt von Hamburg über Helgoland nach Amsterdam und wieder zurück nach Hamburg. Die längsten Reisen dauern 13 Tage. Bis Ende November ist die Lirica dann im Mittelmeer unterwegs, im Winter in der Karibik (ab/bis Dominikanische Republik).

DIE PREISE 3 Tage/2 Nächte Mini-Kreuzfahrt nach Helgoland ab/bis Hamburg pro Person ab 169 Euro in der Innenkabine, 239 Euro in der Kabine mit Meerblick und 349 Euro in der Balkonsuite. Preisbeispiele inklusive Vollpension, zzgl. An- und Abreise. Bis zu zwei Kinder bis 17 Jahren reisen an vielen Terminen in der Kabine mit zwei Erwachsenen frei.

TRINKGELD Am Ende der Kreuzfahrt fällt zusätzlich ein Service-Entgelt von 7 Euro pro Erwachsenem und beanstandungsfrei an Bord verbrachter Nacht an. Für Kinder bis 13 Jahre wird kein Service-Entgelt erhoben. Für Jugendliche von 14 bis 17 Jahren wird ein Service-Entgelt von 3,50 Euro berechnet.

AN- UND ABREISE per Bus von Deutschland aus nach Kiel und Hamburg, Preis ab 70 Euro pro Person.

REISETYP Die Minikreuzfahrt in der Nordsee eignet sich für Urlauber, die testen wollen, wie ihnen das Leben an Bord gefällt. Schönwettergarantie gibt es allerdings gerade in dieser Region nicht.

INFO/BUCHUNG direkt bei MSC Kreuzfahrten unter Tel. 089/856 35 53 33, im Internet unter www.msc-kreuzfahrten.de oder im Reisebüro.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare