Nervenkitzel für Touristen

Hinterkaifeck: Auf den Spuren eines Mordes

+
Sechs Tote werden vor 90 Jahren in einer Einöde bei Schrobenhausen gefunden.

Sechs Tote werden vor 90 Jahren in einer Einöde bei Schrobenhausen gefunden. Die Morde von Hinterkaifeck an einer Bauernfamilie sind bis heute ungeklärt. Ein Nervenkitzel für Touristen.

Blattsalat mit Schafskäse, Schweinefilet im Kräutermantel an Cognacrahmsauce - ein delikates Menü hat sich Maria Weibl zur Stärkung ihrer Gäste ausgedacht. „Die Leute sollen erst essen und dann wandern. Umgekehrt hört sonst keiner mehr zu“, sagt die Gästeführerin. Seit drei Jahren bietet sie ihre Laternenwanderung mit vorherigem Vier-Gänge-Menü zum Tatort eines grausamen Verbrechens an.

Übernachtung inklusive Mordfall

Normalerweise hält Weibl die Führungen nur auf Anfrage für geschlossene Gruppen bis zu 30 Teilnehmern ab, die aus ganz Deutschland anreisen. Nur selten schreibt sie die Wanderung öffentlich aus, so wie jetzt. Denn in der Nacht zum Sonntag (1. April) jährt sich der grausame Mord zum 90. Mal. Die Resonanz war riesig. „Über 80 Gäste haben sich angemeldet“, erzählt sie, „ich musste sie auf zwei Termine aufteilen.“

Alle sechs Bewohner der Einöde Hinterkaifeck sind unter diesem Grabstein im Friedhof von Waidhofen nahe der oberbayerischen Stadt Schrobenhausen begraben. In der Nacht zum 1. April 1922 ist die Bauernfamilie ermordet worden.

Nachdem sich die bunt gemischte Gruppe in dem Gasthof in Waidhofen (Landkreis Neuburg-Schrobenhausen) gestärkt hat, geht es mit Laternen durch die dunkle Nacht. „Ich führe nur von November bis April. Denn die Dunkelheit, die Kälte und der Nebel machen das Romantische bei dieser Führung aus“, schwärmt Weibl. Beim Marschieren berichtet sie über die Geschichte der Familie, vom inzestuösen Verhältnis zwischen Vater und Tochter und vom Tathergang. Mit einer Hacke wurden allen sechs Opfern die Schädel eingeschlagen. „Mich gruselt schon ein wenig“, sagt eine ältere Dame. „Alleine würde ich hier nicht spazieren gehen.“

Der sechsfache Mord ist nicht das einzige Thema der Führung. Maria Weibl nutzt die Gelegenheit, um ihren Gästen Geschichte, Geographie und Heimatkunde näherzubringen. Sie erzählt vom Spargelanbau, von Flora und Fauna. Als die Wandergruppe am sogenannten Hexenhölzl vorbeikommt, ein langgezogener dunkler Wald, berichtet sie: „Von hier aus ist der Mörder wohl zum Hof gekommen.“

Die Polizei ging seinerzeit von einem Raubmord aus. Diese Theorie wurde jedoch verworfen, als sich herausstellte, dass alle Wertsachen noch da waren. Hinter dem Wald liegt die Wiese, wo der Hof einst stand. 1923 wurde er abgerissen. Nur noch ein Gedenkstein erinnert an das schreckliche Geschehen. Die Gruppe singt das Kirchenlied „Näher mein Gott zu dir“.

Makaber findet die Wanderung niemand. „Ja mei, die Tat ist doch schon 90 Jahre her, und wenn man heute den Fernseher anmacht, hört man allein in einer halben Stunde von mehr Toten“, sagt ein Mann. „Auch die noch lebenden Nachfahren finden es sehr positiv, dass wir die Führung hier anbieten“, ergänzt Maria Weibl.

Das starke Interesse verwundert nicht. Zwei Kino- und mehrere Dokumentarfilme sowie Theaterstücke arbeiten den sechsfachen Mord auf. In den 1970-er Jahren schrieb der Journalist Peter Leuschner zwei Abhandlungen über den Kriminalfall, 2006 verfasste Andrea Maria Schenkel den Bestseller „Tannöd“ - der Hinterkaifecker Mord stand Pate. Ein Plagiatstreit zwischen Leuschner und Schenkel entbrannte. Doch schon in den 1950-er Jahren hatte der Eichstätter Josef Ludwig Hecker (1910-2000) unter dem Namen Josef Ludwig den Stoff literarisch mit „Nacht in Hinterkaifeck“ verarbeitet.

Heute wird in zahllosen Internetforen kommentiert und spekuliert. Ein pensionierter Kriminaler aus Ingolstadt befasst sich sogar noch mit dem Fall und hält in der Region Vorträge. „Wer es letztendlich war, weiß niemand“, sagt Maria Weibl zum Abschluss der Wanderung im Waidhofener Friedhof, wo die Mordopfer begraben liegen. „Und ich glaube auch nicht, dass wir das jemals erfahren werden. Hinterkaifeck wird immer ein Mythos bleiben.“

Von Christine Engel, dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare