Wo die Insel noch echt grün ist

Irlands wilder Südwesten

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Dursey Island: wackelige Seilbahn-Fahrt.

Wie die Finger einer Hand ragt Irlands zerfranster Südwesten in den Atlantik: nördlich Dingle, dann Iveragh mit der berühmten Panoramastraße Ring of Kerry, und schließlich der Mittelfinger: die Beara-Halbinsel.

Welch Glück, dass die meisten Urlauber den auch mit Bussen befahrbaren Ring of Kerry stürmen. Beara dagegen ist ein Paradies zwischen rauer Einsamkeit und subtropischer Pracht. Und am einsamsten ist es auf Dursey Island.

 „Mann, das war ein Theater gestern“, stöhnt Paddy hinter der salzwasserblinden Scheibe des Ticketschalters am Dursey Head. Seit vielen Jahren bedient Paddy (48) hier die einzige Seilbahn Irlands. Sie verbindet den südlichsten Zipfel der Beara- Halbinsel mit Dursey Island.

Das Theater hatte Bill, laut Paddy „potentester Zuchtbulle des Westens“, aufgeführt. Er wollte nach getaner Arbeit partout nicht wieder in die Kabine steigen, um damit vom Festland zurück nach Dursey Island zu entschweben. Man kann Bill gut verstehen, auch als Mensch. Denn zwischen den Steilküsten die mit der Seilbahn verbunden sind, strudelt die reißende Brandung des Atlantik. 15 Minuten dauert die einfache Fahrt hinüber auf die Insel. Sechs Menschen, sechs Schafe oder eine Kuh finden jeweils Platz in der Kabine mit den Holzbänken, wobei die Prioritäten klar geregelt sind: Tiere und Lasten haben vorrang vor Urlaubern, die nur zum Vergnügen nach Dursey wollen. So steht es auf dem Schild an der Kasse.

„Tropen, Tundra und Feuerland“

 Was es zu sehen gibt auf einer Insel, die neben einer Handvoll Menschen nur von Rindern und Schafen bevölkert wird? Nun, Tölpel zum Beispiel, Papageientaucher und Seehunde. Paddy erinnert sich gut an die Zeit, als noch mehrere Familien auf Dursey lebten: „Bei stürmischer See konnten sie die Insel oft wochenlang nicht verlassen.“

Garteninsel Garinish Island

Seit 1969 überwindet die Seilbahn die rund 200 Meter über die Meeresenge. Und trotzdem verließ einer nach dem anderen die Insel. Heute kommen nur die Bauern vom Festland an das südlichste Ende der Beara Peninsula, um nach ihren Schafen und Kühen auf den saftigen Wiesen zu schauen – und Urlauber, die die Einsamkeit suchen. „Tropen, Tundra und Feuerland“, hatte uns Steve beim Zapfen eines ordentlichen Stout am Tresen der Blueloo Bar in Glengarriff für die Umrundung der Halbinsel Beara versprochen. Die Tropen liegen hier gleich vor der Haustür. Eichenwälder, Zedern und meterhohe Rhododrendronbüsche umgeben den kleinen Ort. Im Bamboo Park wandelt man durch Bambushaine und Palmenalleen. Auf dem kleinen Garnish Island hat der Schotte John Allen Bryce vor 100 Jahren seine Vision vom mediterranen Paradies verwirklicht. Der Golfstrom half ihm dabei.

Nach den Tropen folgt die Tundra: Gleich hinter dem Fischereihafen Castletown schlängeln sich kurvige Ministräßchen durch Bilderbuchlandschaften für unverbesserliche Irlandromantiker: Hecken zeichnen Muster in leuchtendgrüne Wiesen, die getupft sind mit glücklichen Schafen. Am Klippenrand stemmen sich vor winzigen Gehöften zerzauste Palmen gegen den Wind, eine Kuhherde trabt langsam vor dem Auto her. Nur keine Hektik!

Eyeries etwa treibt es so unverschämt bunt

Irland und Nordirland

Als Feuerland kann man den sturmumtosten Dursey Head an der Spitze der Beara-Halbinsel gut durchgehen lassen. Steve hatte nicht übertrieben. Noch dramatischer gibt sich die Nordküste, rau und wild, mit spektakulären Ausblicken durch Felslabyrinthe auf den Atlantik. Wer einen schönen Strand in der Nähe sucht, ist beim verschlafenen Örtchen Allihies goldrichtig. Auch Künstler schätzen den herben Charme dieser Gegend. Eyeries etwa treibt es so unverschämt bunt, als hätte ein Maler zu tief ins Whiskyglas geschaut. In der Hauptstraße lehnen die Häuser in schrillem pink, orange und himmelblau aneinander. Die Farbe helfe Wunder gegen die Winterdepression, nuschelt der Wirt von O’Neill’s Bar durch die Zahnlücke.
Für die Beara-Halbinsel sollte man sich Zeit lassen. Verschlungene Gassen führen zum Glenmore Lake unter dem fast 700 Meter hohen Hungry Hill oder in ein abgeschiedenes, bergumschlossenes Tal, das an einem keltischen Steinkreis endet. Ein touristisches Muss ist dann wieder der Healy Pass, der im Wortsinn absolute Höhepunkt der Halbinsel. Bis zu 330 Metern windet sich die schmale Straße in Serpentinen über die Caha Mountains. Am Abendhimmel auf der Passhöhe ballen sich dramatische Wolkenbilder über grünen Tälern bis hinunter zur Küste. Kunterbunt: Eyeries Echt Irland.

Monika Zeller

REISE-INFOS ZU IRLAND

REISEZIEL Die 50 Kilometer lange Beara- Halbinsel liegt unterhalb der Iveragh-Halbinsel (mit dem Ring of Kerry) im Südwesten Irlands und gehört zum kleinen Teil zum County Kerry, größtenteils zum County Cork. Die Panorama- Küstenstraße Ring of Beara ist 140 Kilometer lang. Sie führt von Glengarriff nach Kenmare. Auf Beara gibt es eine Reihe von prähistorischen Monumenten. Wanderern beschert der gut ausgeschilderte Beara Way großartige Touren. Dursey Island liegt vor der Südspitze der Beara Peninsula.

ANREISE Aer Lingus fliegt viermal wöchentlich (Montag, Mittwoch, Freitag und Samstag) von München nach Cork und an drei Tagen in der Woche (Dienstag, Donnerstag, Samstag) nach Dublin. Jeweils ab ca. 80 Euro für den Hin- und Rückflug inklusive Steuern und Gebühren. Im Reisebüro oder unter www. aerlingus.com. Von Cork sind es mit dem PKW rund 100 Kilometer auf die Beara Peninsula, von Dublin 360 Kilometer.

REISETYP Für Menschen auf der Suche nach dem absoluten Irland-Klischee, mit grünen Wiesen und massenhaft Schafen, aber ohne Massentourismus.

SEHENSWERT

  • GLENGARRIFF Die vorgelagerte Garteninsel Garinish Island ist ein kleines Paradies mit mediterraner Vegetation.
  • HEALY PASS Serpentinen mit tollen Ausblicken.
  • GLEN INCHAQUIN PARK Schönes Wandergebiet mit Seen beim Ort Lauragh.
  • DURSEY POINT Spitze der Beara-Halbinsel, wo die Seilbahn zu Dursey Island übersetzt.
  • EYERIES Das wohl bunteste Dorf Irlands.
  • BANTRY HOUSE Rosamunde Pilcher in Irland: In der Bantry Bay südlich von Glegarriff liegt das Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert mit einem zauberhaften Gartenanlage. Hier wurde 2005 „Jenseits des Ozeans“ gedreht, eine Pilcher- Romanze.

WOHNEN Am besten in einem der vielen B & B. Windy Point heißt bezeichnenderweise das schnuckelige Gästehaus von Paddy in Garnish gleich neben der Seilbahn-Station nach Dursey Island. Tel. 00353/27-73017, www.windypointhouse. com, ab 30 Euro pro Person. 

WEITERE INFOS Tourism Ireland, Frankfurt, Tel. 069/923 18 50, www.tourismireland.de

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