Reiseland zwischen Tempeltanz und Totenstille

Kambodscha erwacht

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Spiegelbild einer glanzvollen Vergangenheit: Zentrum des historischen Khmer-Königreichs waren die Tempelanlagen von Angkor

Kambodscha? Liegt nicht unbedingt auf der Route des Asien-Urlaubers. Jahrzehntelange Bürgerkriege, zuletzt die blutige Diktatur der Roten Khmer von 1975 bis 1979, haben in dem Land bis heute sichtbare Wunden hinterlassen.

Aber an Angkor Wat, dem größten Tempelkomplex aller Zeiten, kommt der Sammler von Weltsensationen nicht vorbei. Also doch Kambodscha. Werner Menner wagte den Blick in eine großartige Vergangenheit und eine ungewisse Zukunft.

Angkor ist einmalig und unvergesslich, ein dem Dschungel entrissenes Weltwunder aus mythischer Zeit. Kein Wunder, dass Touristen in Heerscharen über die grandiosen Ruinen einer vor Jahrhunderten versunkenen Epoche herfallen. Sie kommen vor allem aus asiatischen Ländern, die meisten aus dem nahen China. Sie stürmen die Bauwerke, bauen sich in Kompanie-Stärke vor den Tempeln auf, strecken ihre Handys hoch und fotografieren – vor allem sich selbst. Die Fresken von Angkor Wat, die gigantischen Wurzeln, die den Ta Prohm-Tempel zu verschlingen scheinen, und auch die rätselhaften Gesichter am Bayon mit ihrem zu Stein gewordenen geheimnisvollen Lächeln – all das ist bestenfalls schmückendes Beiwerk.

Siem Reap prächtiger Markt und Altstadt mit französischem Flair

Reisende, die der Tempel, des Landes, seiner Geschichte und der Menschen wegen kommen, sind in der Minderheit. Wir sitzen im Ta Prohm – staunen, bewundern und können die Genialität jener, die diesen Tempel ersonnen, erbaut und belebt haben, doch nur ahnen. Und plötzlich eine Stimme, leise und eindringlich: „Vor ein paar Jahren haben wir hier noch gekämpft, aufeinander geschossen und getötet.“ Es ist unser Begleiter und Dolmetscher.

Die roten Khmer haben seinen Vater ermordet, als er selbst drei Monate alt war. Später, als die Macht der roten Horden gebrochen war und sie sich in den Dschungel zurückziehen mussten, kämpfte er auf Seiten der Regierungstruppen gegen sie – und verlor zwei Brüder. Gebrochen hat ihn das nicht, aber es wirkt nach. Er hat ein Waisenhaus gegründet, in dem 20 fremde und zwei eigene Kinder ein Heim gefunden haben – und eine bessere Zukunft finden sollen. Seine Mutter lebt am Tonle Sap-See, nicht weit entfernt von Siem Reap. Dort, in einem der schwimmenden Dörfer, versucht sie mit ihrem Bruder und dessen Familie über die Runden zu kommen.

Von einem Boot aus betrachtet, wirken die Szenen in den schwimmenden Dörfern geradezu malerisch; das Elend wird auf Distanz gehalten. Auch in Siem Reap, dem Städtchen mit den unzähligen Hotels und Lokalen aller Preiskategorien. Die Stadt lebt von Angkor, der weltberühmten Tempelanlage vor ihren Toren. Sie verfügt über den modernsten Flughafen des Landes, einen prächtigen alten Markt und eine Altstadt mit kolonialem, französischem Flair. Sich hier wohlzufühlen, ist einfach – vorausgesetzt, man verläuft sich nicht in eine der riesigen Hallen, in denen traditionelle Apsara-Tempeltänze geboten werden. Nein, nein, die Tänze sind gut, nur das Essen und das Umfeld sind eine Zumutung.

Auch die 315 Kilometer lange Straße, die Siem Reap mit Phnom Penh verbindet, könnte besser sein. Nur die 700 Jahre alte Khmer-Brücke bei Kompong Kdei scheint die Zeit unbeschadet überstanden zu haben. Ab und zu eine Kneipe, in der frittierte Spinnen zu den Spezialitäten gehören; ab und zu ein Dorf mit überwiegend älteren Menschen. Menschen mit unbeteiligt blickenden Augen, mit fehlenden Armen und Beinen – abgerissen bei der Explosion von Minen, von denen noch immer Millionen zwischen abgelegenen Tempelruinen und in Reisfeldern liegen. Tödliche Erbstücke für jene, die den blutigen Terror der Roten Khmer unter Pol Pot überlebt haben.

Der Ruch der furchtbaren Vergangenheit liegt über Phnom Penh

Dann die ersten Killing Fields, Orte des Grauens, an denen das Pol Pot-Regime zwischen 1975 und 1979 Kinder, Frauen und Männer ermorden ließen – nahezu ein Drittel der Bevölkerung. Über den Gräber ist Gras gewachsen, doch die Narben der alten Wunden schmerzen noch immer – und werden es noch lange Zeit tun. Kambodscha tut sich schwer mit der Aufarbeitung seiner Vergangenheit: Nicht nur der König und der Premier haben Flecken auf ihrer Weste. Auch sie haben mit jenen paktiert, die auch im Toul Sleng-Gefängnis – einst eine Schule in Phnom Pen, heute Museum und Gedenkstätte – Tausende bestialisch ermorden ließen. Nur sieben von 16 000 Gefangenen haben hier die Torturen überlebt.

Der Ruch der furchtbaren Vergangenheit liegt über Phnom Penh. Man spürt ihn – beim Besuch der Tempel, von denen nur einer die Zerstörungswut der Roten Khmer unbeschadet überstanden hat, auf den Märkten, in den Straßen der Stadt und in den Gesichtern der Menschen. Nur im großartigen Nationalmuseum, im goldglänzenden Königspalast und in der prachtvollen Silberpagode sind die Spuren des Bösen gründlich getilgt. Kambodscha ist ein Land auf der Suche nach sich selbst. Ein Land mit Menschen, deren Hoffnung auf eine bessere Zukunft ungebrochen ist. Auch das spürt man – etwa im ebenso gemütlichen wie sauberen und ausgezeichneten Restaurant „Friends“, wo Straßenkinder eine Perspektive bekommen, indem sie für eine Zukunft im Gastgewerbe ausgebildet werden. Kambodscha ist ein Land mit einmaligen Sehenswürdigkeiten und mit leidgeplagten Menschen, die in mühevoller Kleinarbeit die Last der Vergangenheit bewältigen müssen. Besucher, die um des Landes und der Menschen willen kommen, helfen dabei.

KAMBODSCHA Mit 181 035 Quadratkilometern ist Kambodscha etwa halb so groß wie Deutschland. Kambodscha ist ein Königreich. Hauptstadt ist Phnom Penh. Amtssprache (mit eigener Schrift) ist Kambodschanisch (Khmer). Etwa 90 Prozent der Kambodschaner sind Buddhisten.

ANREISE Flug von München nach Bangkok (z.B. mit Thai Airways, ab 488 Euro). Weiter z. B. mit Bangkok Airways nach Siem Reap (ab 170 Euro) oder Phnom Penh (ab 210 Euro).

EINREISE Visa für Kambodscha können bei der Botschaft in Berlin (Benjamin- Vogelsdorff-Straße 2, 13187 Berlin, E-Mail: REC-berlin@t-online.de) oder bei der Einreise an der Grenze/am Flughafen beantragt werden. Voraussetzung: ein noch sechs Monate gültiger Reisepass und zwei Lichtbilder. Kosten: zwischen 13 Euro (Grenze) und 30 Euro (Botschaft).

REISEZEIT/KLIMA Die beste Reisezeit liegt zwischen November und Februar. Es ist sonnig, Regen fällt kaum und die Tagestemperaturen liegen bei 25 bis 30 Grad. Regenzeit ist zwischen Mai und Oktober. Im April, dem heißesten Monat, können die Tagestemperaturen bei hoher Luftfeuchtigkeit auf bis zu 40 Grad ansteigen.

GELD/WÄHRUNG Die einheimische Währung, der Riel, ist nur auf lokalen Märkten üblich. Ansonsten sind nahezu alle Preise in US-Dollar angegeben. Es empfiehlt sich, Dollar in bar mitzuführen, Euro werden kaum akzeptiert, können aber an wenigen Stellen (Banken, größere Hotels) umgetauscht werden.

REISETYP Drei gute Gründe für Kambodscha sind die Tempel von Ankor, die zu den größten Sehenswürdigkeiten dieser Erde gehören, das Land, das nach der blutigen Herrschaft der Roten Khmer dabei ist, wieder zu sich selbst zu finden und die noch nicht überlaufenen Traumstrände am Golf von Thailand.

WOHNEN Einfache Hotels gibt es schon ab 20 Dollar (13 Euro) pro Nacht, luxuriöse Unterkünfte wie das legendäre Raffles Grand Hotel in Siem Reap kosten ab 250 Dollar (160 Euro) pro Nacht. Eine Auswahl an Vier-Sterne-Hotels ist als Baustein z.B. über Meier’s Weltreisen buchbar.

SEHENSWERT SIEM REAP Wichtigste Sehenswürdigkeit sind die Khmer-Tempel von Angkor. Sie können mit Führer, per Auto, Moped-Taxi oder Motorrad-Rischka, aber auch mit Fahrrädern erkundet werden. Es gibt mehrere Rundwege, von denen der kleinere 17 Kilometer, der große 26 Kilometer lang ist. Der Tagespass kostet 20 US-Dollar (13 Euro), der Drei-Tage-Pass 40 Dollar (26 Euro). Info im Internet: www.theangkorguide.com

PHNOM PENH Königspalast und Silberpagode, Nationalmuseum, Tuol Sleng-Foltergefängnis, die Tempel Wat Ounalom, Wat Sarawan und Wat Phnom. Die Killing Fields von Choeung Ek liegen im Süden der Stadt.

EXTRA-TIPP Eine Fahrt auf dem Tonle Sap-See zu den schwimmenden Dörfen. Der Tonle Sap ist der größte See Südostasiens. Von Norden wird er durch mehrere Zuflüsse gespeist, im Süden mündet er als Fluss bei Phnom Penh in den Mekong.

VERANSTALTER Marco Polo-Reisen in München organisiert Touren durch Kambodscha, die mit Trips nach Laos oder Vietnam kombiniert werden können. Preisbeispiel: 17-Tage-Reise nach Laos, Kambodscha und Vietnam ab 2749 Euro pro Person. Infos: Tel. 089/1500190, www.marco-polo-reisen.com

LITERATUR Erich Follath: Die Kinder der Killing Fields – Kambodschas Weg vom Terrorland zum Touristenparadies. DVA/ Spiegel, 19,95 Euro.

WEITERE INFOS Prospekt- und Informationsmaterial zu Kambodscha bekommt man beim Indochina-Service in Starnberg, Tel. 08151/770222, im Internet: www.indochina-services.com

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