Spielend durch China

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Spiel mit mir: XiangQi ist in China ein Volkssport, bei dem man auch als Tourist leicht in Kontakt mit den Einheimischen kommt.

China, das Reich der Mitte, ist eines der unergründlichsten Reiseländer dieser Welt, und das liegt nicht nur an seiner Größe von unvorstellbaren 9,6 Millionen Quadratkilometern...

Wer sich die Größe Chinas vorstellen will: das ist fast 30 mal die Fläche Deutschlands. Spielend erlebt man Geschichte und Kultur des erwachenden Riesen auf den Spuren eines uralten Brettspiels.

Ist das der Reiswein oder ist das die Hitze? Du reibst dir die Augen, weil du nicht glauben magst, was du da siehst: Ein rechteckiges Feld in bewaldete Hänge gefräst. Die helle Fläche würde zwei Fußballteams Auslauf bieten, wären da nicht die Riesensteine, die über das Areal verteilt die Schnittpunkte eines akribisch markierten Gitternetzes definieren.

CHINA - DER RIESE IM OSTEN

Mit 9,6 Millionen Quadratkilometern ist China der flächengrößte Staat in Ostasien und nach Russland, Kanada und den USA der viertgrößte Staat der Erde.

XiangQi soll die Mutter der virtuellen Königsjagd sein, vor gut 2200 Jahren als strategisches Spiel zwischen zwei konkurrierenden Teilreichen um die Vorherrschaft und den Himmelsthron entwickelt. Seitdem ist XiangQi im Reich der Mitte quer durch alle Bevölkerungsschichten eine Massenbewegung. Überall zocken die Fans ihre Partien, die Bauern nach der Feldarbeit, die Städter in der Suppenküche. XiangQi hat geschätzt eine halbe Milliarde Anhänger und ist damit das beliebteste Brettspiel auf dem Planeten.

Sein Szenario ist sehr realistisch. Die Gegner müssen ihre Verbände über einen Grenzfluss führen und die rote beziehungsweise schwarze Festung stürmen. Das Hinterland wird von Soldaten bewacht, und von Elefanten, chinesisch „xiang“, die Namenspatrone des XiangQi.

XiangQi ist ein Code, den eben jeder versteht, in Peking, Shanghai oder Hongkong.

Der Fernsehgigant CCTV berichtet auf seinem Sportkanal 5 regelmäßig über XiangQi-Wettkämpfe der Stars. Turniere werden inszeniert wie Popkonzerte, Girls in Mini und bauchnabelfreien Tops machen die Auslosungen der Rundenpaarungen zu Hinguckern.

XiangQi ist ein Code, den eben jeder versteht, in Peking, Shanghai oder Hongkong. Das gibt spielbegeisterten Touristen einen nonverbalen Kommunikator an die Hand. Denn sie werden trotz Sprachbarrieren überall spontan Bekanntschaften machen. Läuft irgendwo eine Partie, auf dem Bürgersteig oder an der Uferpromenade: einfach dazugesellen, rasch wird einer der Teilnehmer dem langnasigen Zaungast seinen Platz am Brett anbieten.

Und so ganz nebenbei gewinnt der Reisende beim XiangQi vertiefte Einblicke in Geschichte und Kultur der Zukunftsnation, die eine der Supermächte im dritten Jahrtausend Jahrtausend sein wird. Schließlich spiegelt China-Schach en miniature die Lehren des Sun Tsu wider, der vor rund 2500 Jahren mit seiner berühmten „Kunst des Krieges“ das erste Handbuch der Militärwissenschaft verfasst hat. Ein Erbe, das Chinas Führer stets in Ehren hielten, angefangen bei General GuanYu (160–219) bis hin zum 1997 verstorbenen Reformer Deng Xiao Ping.

XiangQi ist ein Volksschach um zwei konkurrierende Staaten, die ein umkämpfter Grenzfluss trennt.

Der China-Reisende kann mit XiangQi spielend Orte und Plätze entdecken. Das beginnt schon in Peking. Die „Verbotene Stadt“ findet ihr Gegenstück auf dem XiangQi-Brett, nämlich in Gestalt der beiden Kastelle. Wie Chinas Gelber Fluss das Riesenreich prägt, so wird das XiangQi-Brett dominiert von einer zentralen Wasserscheide, an deren Ufern die Verbände von Rot und Schwarz in Stellung gehen.

Xingyang in der nordchinesischen Provinz Heilongjiang rühmt sich, Hauptstadt des XiangQi zu sein. Ein Anspruch, den ein gigantischer Schachpark demonstriert, mit XiangQi-Steinen, die annähernd sechs Meter Durchmesser haben.

Das spektakulärste Monument des Asienschachs ist allerdings nicht von Menschenhand geschaffen: Steil fallen die Klippen des 2200 Meter hohen Hua Shan ins Tal, auf Felsvorsprüngen biegen sich zerzauste Bäume in den Wind. Das Bergmassiv in der Provinz Shaanxi ist der Athos der Chinesen. Mönche haben dort ihre Einsiedeleien gebaut. Der Hua Shan ist das spirituelle Zentrum des Taoismus, und auch das hat mit XiangQi zu tun.

XiangQi ist im Reich der Mitte quer durch alle Bevölkerungsschichten eine Massenbewegung.

Im zehnten Jahrhundert studierte der Gelehrte Chen Tuan intensiv die Werke des Konfuzius und trainierte nebenbei fleißig XiangQi. Das wurde dem schachverrückten Bürgerkriegshelden Zhao Kuang Yin zugetragen, und der ehrgeizige Offizier forderte den frommen Mann zum Wettkampf. Am Ende triumphierte der Mönch. Zhao Kuang Yin überschrieb dem Tao-Orden als Siegesprämie den Hua Shan.

Ein Tempel vor dramatischer Kulisse erinnert an das Treffen. Und hat der Wanderer nach einem halsbrecherischen Aufstieg über einen kaum befestigten Pfad den offenen Pavillon erreicht und setzt er sich da droben an jenen steinernen Tisch, in dessen Platte die 90 Wegkreuze des XiangQi-Plans gemeißelt sind, dann fühlt er sich den Geistern der mythischen Meister ganz nahe.

René Gralla

DIE INFOS ZUR SCHACH-REISE

REISEZIEL Die Volksrepublik China ist mit 1,3 Milliarden Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Erde, der flächengrößte Staat in Ostasien und mit einer Landfläche von 9,6 Millionen Quadratkilometern nach Russland, Kanada und den USA der viertgrößte Staat der Erde. Die Volksrepublik China grenzt an 14 Staaten. Im Uhrzeigersinn sind dies: Vietnam, Laos, Myanmar, Bhutan, Nepal, Indien, Pakistan, Afghanistan, Tadschikistan, Kirgisistan, Kasachstan, Russland, die Mongolei und Nordkorea.

DAS SPIEL XiangQi ist ein Volksschach um zwei konkurrierende Staaten, die ein umkämpfter Grenzfluss trennt. Regeln des XiangQi findet man im Internet unter www.chinaschach.de.

DIE REISE „Zug um Zug durch das Reich der Mitte“ heißt die Rundreise auf den Spuren des Chinaschachs, die beim Hamburger Veranstalter China Holidays zum Preis ab 2359 Euro (inklusive Linienflügen, Bahnfahrten, Verpflegung und Übernachtungen) gebucht werden kann. Termin ist der 13. bis 26. September, ein weiterer für 2011 ist in Planung. Die Route führt von Peking über die legendäre Geburtsstätte des XiangQi bei Gaixia bis nach Shanghai. Begleitet wird die Rundreise von René Gralla, dem einzigen Fachjournalisten in Deutschland für strategische Brettspiele aus Asien. Info und Buchung unter Tel. 040/32332240, im Internet: www.chinaholidays.de

REISETYP Für Menschen, die eines der komplexesten Länder der Welt nicht nur stichpunktartig sehen, sondern seine Menschen auch verstehen wollen.

REISEVERLAUF Nach der Ankunft in Peking führen Experten in das gar nicht so komplizierte Regelwerk des XiangQi ein. Anschließend steht neben den touristischen Musts (Verbotene Stadt, Große Mauer) ein Empfang in der Zentrale der World XiangQi-Federation auf dem Programm. Und natürlich Spaß am Brett ohne Ende, in Parks und in Suppenküchen, überall dort eben, wo sich die Fans treffen. So schlägt das schlaueste Spiel auf diesem Planeten unterhaltsame Brücken von Mensch zu Mensch. Höhepunkte des Trips: Der Weiler Qijia, dessen Dorfplatz sich jeden Abend in einen Open-Air-Turniersaal verwandelt, sowie Xingyang, die Kulturhauptstadt des XiangQi. Im Herzen der Game City warten ein Megaschachpark und gigantische Steine mit sechs Metern Durchmesser – das ist Weltrekord.

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