Wanderer zwischen Welten

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Begeisterung fürs Pilgern: Der Bestseller von Hape Kerkeling „Ich bin dann mal weg“ ist immer noch für viele eine „Initialzündung“.

Die Verwirrung ist zunächst groß. So viele Wege. Ein Netz von Routen, von denen bekanntere in Frankreich beginnen, die sich tatsächlich seit langem durch Deutschland und angrenzende Länder im Osten schlängeln. Von Peter Schulte-Holtey

Gott weiß, wo ihr Ursprung wirklich liegt. Eines weiß man sicher: Sie alle enden in Santiago de Compostela, in Spanien.  Seit dem Mittelalter pilgern Menschen auf dem Jakobsweg. Ihr Ziel ist das Grab des Heiligen Apostels Jakobus, das in Santiago de Compostela liegen soll. 1970 waren es gerade mal 68 registrierte Pilger, zuletzt erreichte die Zahl derer, die entweder den ganzen Weg oder den durch Spanien - mindestens aber die letzten 100 Kilometer zu Fuß, zu Pferd oder mit dem Rad zurückgelegt haben, fast 130 000.

Schätzungen gehen davon aus, dass sich inzwischen mehr als 500.000 Deutsche jedes Jahr mit dem Pilgerstock in der Hand und dem Allernötigsten im Rucksack auf den Weg machen. Das liegt nicht nur an Hape Kerkelings „Jakobsweg-Schlager“ „Ich bin dann mal weg“. Denn Ziele wie Lourdes in Frankreich, Mariazell in Österreich oder Altötting bei München freuen sich ebenfalls über enormen Zuspruch. Von einer „bunten Schar“ wird berichtet. Jeder habe seine eigene, spezielle Motivation, sagen erfahrene Pilger: Männer um die 50, in der zweiten oder dritten Lebenskrise, sinnsuchende Pärchen oder Berufsaussteiger, Frauen, die ihre Beziehungen überdenken, Mädchen und Jungen vor der Berufswahl. Die Begeisterung ist riesig, die neuen Pilgerführer und -papiere sind gefragt wie nie. In den Ausweisen sammelt man entlang der Route als Nachweis die Stempel der Kirchengemeinden. Das Internet ist voller enthusiastischer Pilgerblogs und Reiseberichte.

Sehnsucht nach Langsamkeit

Auch in Hessen begegnet man immer häufiger den „Wanderern zwischen den Welten“. Es ist die Sehnsucht nach Langsamkeit, nach Ausbruch aus einem von Hektik und Reizüberflutung geprägten Alltag, nach einem einfachen Leben, die viele Menschen „bewegt“. Ihre Motivation hat mal religiös gerichtete Ziele, mal dient sie der Selbstfindung. „Die heilsame Kraft der geistlichen Wanderung kann bei uns auf schönen Wegen durch Hessen mehrmals im Jahr erlebt und genossen werden“, heißt es bei der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, die sich intensiv um Pilger bemüht und ihnen viele Hilfen an die Hand gibt. „In Gruppen legen wir täglich etwa 20 - 25 Kilometer zurück, übernachten einfach in Gemeindehäusern, genießen Gastfreundschaft und das fröhliche herzliche Miteinander in der Gruppe, gestalten jeden Tag mit geistlichen Elementen wie Abendmahlsfeiern, Bibeltexten, Gesprächs- und Schweigezeiten, Singen und Beten.“ Ein attraktives Angebot: „In einer Gruppe mehrere Tage zu Fuß unterwegs sein. Als Pilgerin, als Pilger nah an der Erde den Kontakt zu den Wurzeln menschlichen Lebens suchen. Sich dabei im einfachen Leben neu auf Gott besinnen und sich so dem Himmel annähern.“

Auf den Spuren des Apostels Jakobus kann man von Marburg nach Köln pilgern. Dieser alte Pilger- und Handelsweg sei im Zuge der Rekonstruktion des historischen Jakobswegenetzes neu ausgewiesen worden, so Kundige. „Dieser Jakobsweg gliedert sich damit in den Deutschland in der Mitte querenden, großen Jakobsweg von Görlitz nach Aachen ein und bildet somit ein wichtiges Mittelgebirgsteilstück innerhalb des deutschen Pilgerwegemosaiks, das seinem eigentlichen Ziel in Santiago de Compostela die Pilger aus dem Osten Europas und der Mitte Deutschlands zuführt“, ist auf „Fernweg.de“ zu lesen.

Alles Gepäck auf dem Buckel mit sich tragen

Von Frankfurt nach Marburg führt ein durchgehend markierter Ökumenischer Pilgerweg. Über 150 Kilometer erstreckt sich der Elisabethpfad, der von der Frankfurter Deutschordenskirche über das Kloster Altenberg bis zur Elisabethkirche in Marburg (bis zur Reformation einer der wichtigsten Wallfahrtsorte) führt. Der Elisabethpfad-Verein bietet nach eigenen Angaben seit Jahren zehntägige Gruppenwanderungen von Frankfurt - und in diesem Jahr erstmals auch von Eisenach bis zur Elisabethkirche in Marburg - an.

Der Verein macht auch ein Schnupperangebot: „Pilgerinnen und Pilger müssen auf den großen Routen durch Europa alles Gepäck auf dem Buckel mit sich tragen und mit meist sehr einfachen Schlafquartieren zufrieden sein. Das ist nicht jedermanns Sache, und manche sind körperlich dazu nicht mehr in der Lage. Sind die alle von den wunderbaren heilsamen Erfahrungen der geistlichen Wanderung ausgeschlossen? Das muss nicht sein! Machen Sie einen Versuch und schließen Sie sich unseren Tagestouren auf dem Elisabethpfad an.“ Er kann alleine gegangen werden, aber der Trägerverein lädt auch jedes Jahr zu Gruppenwanderungen auf dieser Route ein. Übrigens: Der Pilgerweg weist ein rotes Wanderzeichen auf.

Weiteres Angebot für Pilger in Hessen: Eine Aktionsgruppe von Landkreisen, Städten, Kirchen und Einzelpersonen hat sich zu einem Verein zusammengeschlossen und beim Bonifatiusjubiläum vor fünf Jahren einen markierten Weg zwischen Hochheim und Fulda eingerichtet.

Informationen über die Route und Quartiere am Weg gibt es unter der Adresse www.bonifatiusroute.de. Auf der interessant gestalteten Internetseite finden man Links und Adressen über Unterkünfte und Einkehrmöglichkeiten zwischen Mainz und Fulda. Die Strecke ist auf den gesamten 180 Kilometern ausgeschildert. Zudem kann man unter dieser Webadresse nach Reisepartnern suchen.

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