Des Täters Spuren - auf ewig gebannt

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Exitus nach Bauchschuss. Die Hände des „Toten“ kommen bei der Ermittlung am Tatort in Tüten, damit dort wichtige Spuren nicht zerstört werden.

Wiesbaden - Schüsse, Schreie, dann Totenstille im wahrsten Sinne des Wortes – und den Streit um Geld und Drogen hat mal wieder ein Mensch mit dem Leben bezahlt, während sich ein weiterer verletzt am Boden krümmt.  Von Jens Dörr

Immerhin ist es von Vorteil für die kriminalwissenschaftlichen Ermittlungen, dass die Nachbarn den Vorgang gehört und sofort die Polizei verständigt haben.Soweit das Szenario einer „Präsentation mit bundesweitem Premiere-Charakter“, wie das Kriminalwissenschaftliche Institut des Hessischen Landeskriminalamts (LKA) die Show der Ermittler in den eigenen Räumlichkeiten im Wiesbadener Behördenviertel nennt.

Mit diesem Gerät lässt sich Munition genau bestimmen, feinste Kratzer und Kerben werden sichtbar und ermöglichen unter Umständen das Aufspüren der verwendeten Waffe.

 „Wir widmen diese Veranstaltung den Opfern der Morde“, betont LKA-Präsident Peter Raisch vor den Vorführungen. Und er verliert trotz aller Technik-Begeisterung, die in den folgenden 90 Minuten offenbar wird, nicht die menschliche Seite des Themas aus den Augen. „Unsere Ermittlungsarbeit basiert auf den Fakten, die uns der Tatort liefert“, leitet Raisch in das ein, was seine Mitarbeiter wochenlang geprobt haben und nun – bis ins Detail perfekt – vorführen. Dabei solle man sich tunlichst von den Impressionen der TV-Krimis lösen – „die wahre Arbeit der Kriminalisten wäre für Fernsehzuschauer langweilig.“

So ganz mag man diese Auffassung allerdings nicht teilen, lässt man sich anschließend auf die nachgestellte Tatort-Besichtigung und Spurensicherung ein. Die ist vom ersten Moment an spannend und informativ zugleich.

Dr. Peter Altheimer bei der Infrarotspektroskopischen Untersuchung. Der promovierte Chemiker hat sich auf die Spur eines rätselhaften Pulvers gesetzt, das am Tatort gefunden wurde.

Am Ort des Verbrechens legen die Mitarbeiter des LKA trotz Vollschutzkleidung zunächst einen Trampelpfad an, um keine Fußspuren zu hinterlassen. Ein erster Überblick genügt, um zu erkennen, dass sich hier etwas Dramatisches ereignet hat: Auf der Couch liegt eine Plastikpuppe als Stellvertreterin für das Opfer. Dabei handelt es sich um einen Mann mit einer blutigen Wunde in der Magengegend – er ist tot, wie die sofortige Untersuchung ergibt. Später werden Spezialisten „die Leiche“ abtransportieren. Zunächst aber bleibt der Tote wie auch der Verletzte Bestandteil einer Szenerie, die es unverändert festzuhalten gilt. Wichtig ist für die Ermittlungen, dass der Tatort so wie vorgefunden eins zu eins abgebildet wird. Grund: Nur ein kleiner Teil der Kriminalisten, die an der Aufklärung etwa eines Mordes mitarbeiten, sind direkt am Ort des Geschehens und bei der Spurensicherung dabei. Viele Ermittler machen sich erst nachträglich ein Bild.

Spurensicherung am Tatort. Da der Großteil der späteren Ermittler niemals den Ort des Verbrechens sehen wird, muss jedes Detail genau festgehalten werden.

Das gelingt inzwischen mit einer Ausrüstung, wie sie sich auch Hessens Innenminister Volker Bouffier (CDU), der das Spektakel in Wiesbaden ebenfalls verfolgt, vor einigen Jahren nicht hätte vorstellen können. Die neueste Errungenschaft ist eine 360-Grad-Spheron-Kamera, mit der der Tatort abgelichtet wird. Das Gerät kostet 200.000 Euro, bietet eine Auflösung von 50 Millionen Pixel und einen 400-fachen Zoom.  Mit ihm wird es möglich, selbst in komplett abgedunkelten Räumen feinste Details taghell darzustellen. Beim Mehrfach-Mord in Rüsselsheim vor einigen Monaten kam die Kamera bereits zum Einsatz, verschaffte den Ermittlern im Labor im Nachhinein dasselbe Bild, das sich den Kollegen vor Ort bot.

Ganzkörperschutz, Schuhhüllen und Plastiksockel, auf denen sich die Kriminalisten fortbewegen - all das dient dazu, den Tatort nicht mit Fremdspuren zu verschmutzen.

Überflüssig werden die dennoch nicht. Hilka Verhoeven etwa ist inzwischen an den Platz der Gewalttat geeilt. Sie ist Mitarbeiterin des Fachbereichs Schuh-, Reifen- und Handschuhspuren - wohlgemerkt nicht für Fingerabdrücke. Die fehlen manchmal nämlich, weil besonders schlaue Täter Handschuhe tragen. Scheinbar schlaue Täter: „Abdrücke von Handschuhen können fast so individuell wie Fingerabdrücke sein“, erklärt Verhoeven. Details zu den Handschuhen – etwa ob die an den Fingerkuppen Noppen haben und wie diese genau beschaffen sind – verraten oft mehr als der Laie vermutet.

Die Spheron-Kamera ist in der Lage, ein 360-Grad-Rundumbild des Tatorts festzuhalten. Sie kostet 200 000 Euro, bietet eine Auflösung von 50 Millionen Pixel und einen 400-fachen Zoom.

Nicht immer müssen es die besonders aufregenden Fälle sein, bei denen Experten wie Verhoeven zum Einsatz kommen. Auch wenn es sich „nur“ um Sachbeschädigungen oder um Terror mit anonymen Briefen handelt, bringen sie sich ein. Zu tun gibt es für sie genug: Im Jahr 2008 sicherte man in 2087 Fällen fast 6000 Handschuh-Spuren. Nicht nur die wandern in eine Datenbank – alles wird für die Aufklärung eventueller weiterer Fälle in der Zukunft dokumentiert. So auch die oft diskutierten DNS-Spuren, deren Analyse einen Menschen mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit identifizieren kann. DNS steht für Desoxyribonukleinsäure. Sie enthält das Erbgut der Zellen.

Auf diesem Gebiet hat das LKA in der jüngeren Vergangenheit ebenfalls kräftig aufgerüstet: Im neuen DNS-Labor arbeiten 160 Experten und Naturwissenschaftler auf der einen sowie Kriminalwissenschaftler auf der anderen Seite. Was unter anderem damit zu tun hat, dass Minister Bouffier sich schon seit einiger Zeit für die verstärkte Erfassung und Nutzung von DNS-Spuren ausspricht.

Bierflaschen auf dem Tisch

Am fiktiven Tatort in Wiesbaden haben die Ermittler unterdessen weitere Fundstücke eingepackt: Bierflaschen zum Beispiel, die vor der Leiche auf dem Tisch standen. Sie werden später in einem Kabinett bedampft, was Oberkommissar Felix Moser vorführt. Auch der Pullover des Toten wird untersucht: Hochmodernes Gerät kann Schmauchspuren in der Kleidung derart genau untersuchen, dass sich etwa die Entfernung des Schützen und die Schussrichtung ergibt.

Damit wiederum wird die Position des Täters klar, und es kann dort wiederum gezielt nach Abdrücken, DNS-Spuren oder verlorenen Gegenständen geforscht werden. So funktioniert, leicht vereinfacht dargestellt, kriminalistische Arbeit am Tatort. Auf der Mattscheibe gibt es das nur selten zu sehen.

Das Neueste vom Neuen kommt bei Dr. Peter Altheimer zum Einsatz: Bei der Infrarotspektroskopischen Untersuchung versucht der promovierte Chemiker herauszufinden, welche Bestandteile genau das Pulver ausmachen, das am Tatort gefunden wurde. „Ich nehme quasi den Fingerabdruck einer Substanz“, erläutert Altheimer.

Sekundenschnelle Analyse

Auch hier nutzt er eine umfangreiche Datenbank und erhält, nachdem er die Moleküle in Schwingungen versetzt hat, in Sekundenschnelle Informationen darüber, worum es sich handelt. Ebenso verfährt man bei Flüssigkeiten. Bei Unfällen mit gefährlichen Substanzen sind Altheimer und das 40.000 Euro teure Gerät ebenfalls gefragt.

Wenn die Täter schlauer werden, müssen die Ermittler noch besser vorbereitet sein – LKA-Präsident Raisch betont, dass die beste Technik ohne kriminalistische Erfahrung allerdings wenig nutze. Beim gestellten Fall im Wiesbadener Kriminalamt klappt am Ende alles: Aufgrund der Ermittlungen am Tatort und im Labor wurde ein Tatverdächtiger auf der Flucht gestellt.

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