Traumhafte Schulzeiten im Mümlingtal

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Die „Giraffenklasse“ posiert in ihrer Lese- und Spielecke fürs Foto. Derzeit werden die Zweit- und Drittklässler an der Waldbachschule gemeinsam unterrichtet, und zwar von Sandra Vollrath (links) und Schulleiterin Andrea Böhme.

Bad König - In der ersten Stunde steht Mathematik auf dem Plan. Die Zweitklässler üben das Einmaleins mit 2, 5 und 10. Das können die Drittklässler schon lange. Sie bekommen stattdessen ein Heft zum Thema Europa. Darin müssen sie Euro-Scheine und -Münzen einkleben und die verschiedenen Ein-Euro-Münzen den richtigen Ländern zuordnen. Von Katrin Diel

Nur 13 Kinder sitzen im Klassenraum – das ist wohl der Traum eines jeden Lehrers. An der Waldbachschule Zell in Bad König ist diese Zahl Realität. 46 Kinder besuchen derzeit die Grundschule. Jahrgang 2 (sieben Schüler) und Jahrgang 3 (sechs Schüler) werden zusammen unterrichtet. Es gibt nur drei Klassenräume, folglich können nur drei Klassen gebildet werden. „Das war schon immer so“, sagt Schulleiterin Andrea Böhme.

Die Jenaplanschule: Sie basiert auf den vier Grundformen der Bildung: Gespräch, Spiel, Arbeit und Feier. Diese Grundformen wechseln ab, sodass die Schulzeit durch einen kindgemäßen Tagesrhythmus bestimmt wird. Jahrgangsübergreifendes Lernen hat seinen täglichen Platz. Ziel ist die Förderung individueller Kompetenzen und der Persönlichkeit. Die Jenaplan-Pädagogik möchte weg von Zensuren und standardisierten Lernkontrollen. Das Konzept wurde 1927 von dem Pädagogen Peter Petersen begründet, der einen Lehrstuhl für Erziehungswissenschaften an der Universität Jena innehatte.

Die Waldbachschule ist eine sogenannte Zwergschule. Sie steht in Zell, dem größten Ortsteil von Bad König mit etwa 1300 Einwohnern. Der Ort liegt im Mümlingtal an der B 45, eingerahmt von den Hügeln des Odenwalds. Durch die Gemeinde fließt der Waldbach, der im Volksmund „die Dorfbach“ heißt und nachdem die Grundschule seit 2004 benannt ist. Das Schulgebäude ist über 40 Jahre alt, hat aber in den letzten Weihnachtsferien einen neuen Anstrich erhalten. Auch sonst wirkt die kleine Dorfschule durchaus modern: Es gibt PC-Arbeitsplätze in den Fluren und den Klassenräumen. Seit dem aktuellen Schuljahr präsentiert sie sich mit verschiedenen Projekten als „musikalische Grundschule“, zurzeit ist außerdem eine Forscherwerkstatt im Aufbau. Was es nicht gibt, ist ein automatischer Gong. Pünktlich um 7 Uhr 45 an diesem Dienstagmorgen schlägt Lehrerin Sandra Vollrath mit einem kleinen Schlegel gegen eine Klingel – ein helles „Pling“ verkündet den Beginn der Stunde. „Ich wünsche euch einen wunderschönen guten Morgen“, begrüßt sie die Klasse. „Guten Morgen, Frau Vollrath“, schallt es ihr einstimmig entgegen.

Das Schulgebäude wurde vor über 40 Jahren errichtet. Es liegt an einem Hang, eine Treppe im Flur führt hinab ins Untergeschoss.

An der Tafel hängen bunte Folien mit den Fächern für den heutigen Stundenplan: Mathe, Deutsch und Sport. Mit einer Lesestunde endet der reguläre Unterricht, es folgen freiwillige Angebote wie Computer- oder Sport-AG. Unter der Decke des Klassenzimmers sind Leinen gespannt, daran hängen gebastelte Blumen und Zettel mit den Buchstaben des Alphabets. In einer Ecke gibt es eine Sitzgruppe mit Sofa und Sessel und ein Regal mit Spielen. Auf der Fensterbank stehen Bücher aufgereiht.

Sandra Vollrath hebt den Arm und legt einen Finger an die Lippen. Die Kinder sollen zur Ruhe kommen. Die Zweitklässler bekommen ein Heft, mit dem sie die gelernten Einmaleins-Reihen wiederholen sollen. „Ihr dürft in eurem eigenen Tempo arbeiten“, sagt die Lehrerin. „Aber macht es ordentlich und schludert nicht.“

Während Christian Münzen und Scheine in sein Euro-Heft klebt, verbindet sein Banknachbar Albert die Zahlen der 2er-Reihe miteinander. Auch Finn, der rechts von Christian und Albert sitzt, ist mit Rechenaufgaben beschäftigt. Christian steht auf und holt sich einen Kasten mit Buntstiften von der Fensterbank. Damit malt er die Flaggen der zugehörigen Länder neben die abgebildeten Euro-Münzen in seinem Heft.

Im Schulgebäude tragen die Kinder Hausschuhe oder Strümpfe. „Damit bei Regenwetter die Räume trocken bleiben“, erklärt die Schulleiterin. „Und die Kinder sich die Klamotten nicht nass machen, wenn sie mal auf dem Boden sitzen.“

Konzept ist Teil der Jenaplan-Pädagogik

Dass die Schüler jahrgangsübergreifend unterrichtet werden, ist nicht bloß eine aus der Not heraus entstandene Tugend. Das Konzept ist Teil der Jenaplan-Pädagogik, der die Schule sich seit Anfang der neunziger Jahre verschrieben hat (siehe Info-Kasten). Ihre Vorgängerin habe sich schon für diese Pädagogik interessiert und an verschiedenen Jenaplanschulen hospitiert, berichtet Andrea Böhme. Auch sie selbst habe sich während ihres Studiums mit dem Thema befasst.

Nicht nur Klasse 2 und 3 lernen zusammen. Auch in Sachkunde, Religion und Englisch (ab der 3. Klasse) werden die jüngeren und die älteren Jahrgänge jeweils zusammen unterrichtet. Sport haben alle gemeinsam. Das führt dazu, dass an der Waldbachschule jeder jeden kennt – die Lehrer alle Schüler und die Schüler sich untereinander. In der Regel haben die Kinder vorher schon den benachbarten Kindergarten zusammen besucht.

Rücksicht auf Jüngere nehmen

Die Kleinen lernen von den Großen“, beschreibt Schulleiterin Böhme die Vorzüge des Konzepts. „Und die Großen lernen, Rücksicht zu nehmen und die Jüngeren zu unterstützen.“ Und außerdem: „Was man einmal jemand Anderem erklärt hat, das merkt man sich auch selbst besser.“ Ihre besondere Situation sei für die Zweit- und Drittklässler keine große Sache, meint Böhme. „Sie wissen natürlich, wer 2 und wer 3 ist, aber ansonsten spielt das keine Rolle.“

Gegen viertel nach acht werfen die Schüler einen Blick auf die Micky-Maus-Uhr neben der Tür. „Müssten wir nicht schon Deutsch haben?“, fragen sie. „Nein, erst um halb“, erinnert Sandra Vollrath sie. „In zwölf Minuten.“

In der zweiten Stunde kommt Andrea Böhme dazu. Sie unterrichtet die „Giraffenklasse“ normalerweise gemeinsam mit Sandra Vollrath, musste sich aber an diesem Morgen um die Erstklässler kümmern, weil eine Kollegin ausgefallen ist. Wieder schlägt Sandra Vollrath den kleinen Gong, die Schüler packen Hefte und Bücher unter die Tische, die Mathestunde ist zu Ende.

Lebensweltbezogenes Lernen

In Deutsch geht es um den Vatertag, der zwei Tage später bevorsteht. Alle Kinder sollen ein Akrostichon schreiben. Sie wissen schon, was das ist, sie kennen es vom Muttertag. Jeder bekommt einen Zettel, auf dem von oben nach unten der Name des Vaters steht. „Papa Lars“, zum Beispiel, oder „Papa Stefan“. Jeder Buchstabe des Namens soll den Anfang eines Satzes bilden. Manchmal gar nicht so einfach. Christian muss sich für seinen „Papa Alexander“ ziemlich viele Sätze ausdenken. Und wie könnte der Satz mit X anfangen? „X-Beine hat er nicht“, schlägt Sandra Vollrath vor. „Oder: Xylophon spielen kann er nicht.“ Christian wendet ein, dass sie gar kein Xylophon zuhause haben. „Na, dann passt es doch“, meint die Lehrerin.

„Lebensweltbezogenes Lernen“ lautet das pädagogische Stichwort. „Die Kinder sollen einen Bezug dazu haben“, sagt Böhme. Im Sachunterricht zum Beispiel dürfen sie zu Beginn eines Schuljahres aus einer Anzahl von Themen selbst eine Auswahl treffen. In Religion werden Fragen aus dem Alltag aufgegriffen, „nichts völlig abgehobenes“. Auch die Sachaufgaben in Mathe sollen einen Bezug zur Lebenswelt der Kinder haben, können sich etwa um Geld und Einkaufen drehen: „Was brauche ich, was kriege ich zurück?“ Im Deutschunterricht ist das Akrostichon zum Vatertag ein Beispiel für dieses Konzept. „Die Kinder sollen nicht nur basteln, sondern dem Papa auch etwas Nettes mitteilen können“, erklärt Böhme.

Training für die Bundesjugendspiele

Während der Schulstunde stehen die Lehrerinnen die wenigste Zeit am Pult. Meistens stehen oder sitzen sie bei einem Schüler, schauen ihm über die Schulter oder helfen ein bisschen, wenn er nicht weiterkommt. In Sachen Akrostichon arbeiten die Mädchen disziplinierter als die Jungs, die ungeduldig auf ihren Stühlen herumrutschen und nicht so recht Ideen haben. Gleich können sie sich beim Sport austoben.

Nach der Frühstückspause geht es los zum Bus. In der Regel fahren die Klassen in die Sporthalle einer anderen Schule. „Aber heute sind wir bestimmt draußen, auf dem Sportplatz in Bad König“, sagt Alex. „Zum Trainieren für die Bundesjugendspiele.“ 

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