Die letzte Krakauer

Mit 83 steht Metzger Hirche nochmal auf dem Weihnachtsmarkt

Altstadtmetzger Horst Hirche, hier mit seinem Sohn Wolfgang, setzt sich mit 83 Jahren endgültig zur Ruhe: An diesem und nächstem Wochenende ist er mit seinem Stand letztmals auf dem Weihnachtsmarkt.
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Altstadtmetzger Horst Hirche, hier mit seinem Sohn Wolfgang, setzt sich mit 83 Jahren endgültig zur Ruhe: An diesem und nächstem Wochenende ist er mit seinem Stand letztmals auf dem Weihnachtsmarkt.

Langen - Er ist Metzger aus Leidenschaft: Horst Hirche steht mit 83 Jahren ein letztes Mal mit seinem Stand auf dem Weihnachtsmarkt. Bis zum Sommer war er noch jeden Samstag auf dem Altstadtmarkt zu finden. Von Vanessa Kokoschka 

Das Metzgerhandwerk ist Horst Hirche quasi in die Wiege gelegt worden. In Niederschlesien, wo er geboren und aufgewachsen ist, betrieb seine Familie eine Metzgerei. „Da ich keine großartigen Hobbys hatte, außer ein bisschen Fußball spielen, stand ich schon als kleiner Junge hinter der Theke und habe Papier gefaltet“, erinnert sich Hirche. Später folgte dann die Ausbildung im väterlichen Betrieb. Nun, nach jahrzehntelanger Arbeit mit Fleisch- und Wurstwaren, geht Hirche in den Ruhestand. In einem Alter, in dem andere schon seit Längerem ihre Rente genießen. „Ich habe immer Freude daran gehabt, Wurst zu machen. Die Arbeit hat mich nie gequält“, erklärt der 83-Jährige. „Andere sind nach vier Stunden Arbeit kaputt, ich war noch nach zehn Stunden mit Herz und Seele dabei.“

1956 kam Hirche aus Görlitz nach Langen und bewarb sich in der Metzgerei Georg A. Sallwey. Damals gehörte neben der Fleischerei noch die Gastwirtschaft „Zur Traube“ mit Tanzlokal zum Betrieb. Dort blieb er ein Jahr und zog dann weiter: In Berlin und Düsseldorf machte er während seiner Wanderjahre Station, schnupperte in andere Betriebe hinein und bildete sich fort. Denn Metzger sein sei meist nicht nur ein Job: „Wir waren Schlachter, Wurstmacher, Ausbilder, Verkäufer und Buchhalter in einem“, sagt Hirche. Das Rhein-Main-Gebiet blieb aber Hirches neue Heimat. Mit 24 Jahren machte er an der Frankfurter Meisterschule seinen Berufsabschluss und arbeitete dann wieder bei G. A. Sallwey. Hirche heiratete die Metzgerstochter, Helga Hirche-Sallwey, und übernahm 1965 die Fleischerei.

Gemeinsam mit Schwippschwager Helmut Graf betrieb Hirche die Metzgerei, die es seit 1802 in Langen gibt, mehr als drei Jahrzehnte lang. „Früher gab es hier in der Stadt insgesamt 16 Metzger. Heute sind es nur noch zwei“, bedauert Hirche. Damals sei die Konkurrenz so groß gewesen, dass sich die Metzger zeitweise untereinander nicht gegrüßt hätten. „Doch je weniger wir wurden, desto stärker ist der Zusammenhalt geworden. Jetzt ziehen wir alle an einem Strang.“ Trotzdem sieht der ehemalige Metzger für seinen Beruf keine Zukunft: „Der Beruf wird aussterben. Das ist schade.“ Mit dem Billigfleisch aus den Supermärkten könne kein Metzgerbetrieb mithalten.

Hirche selbst zählt mittlerweile zu den Urgesteinen in der Stadt. Wenn die Langener „zum Mordche“ (ein Metzger in der Familie hieß Martin Sallwey) gingen, dann kauften sie bei Hirche ein und blieben meist noch auf einen Ebbelwoi in der Gaststätte nebenan. Die Bedürfnisse der Stadt und ihrer Bewohner zu stillen, das liegt Hirche am Herzen. Auch über Fleisch-und Wurstwaren hinaus. Als Mitglied des Verkehrs- und Verschönerungsvereins sei er aktiv an der Gründung des Altstadtmarkts beteiligt gewesen, erzählt Hirche. „Der Ortskern muss lebendig bleiben. Die meisten wollen nur Geschäfte machen, aber man muss dabei auch Eigeninitiative zeigen.“ Ebbelwoifest, Kesselfleischessen oder Straußwirtschaften im Hof: „Da war bei uns die Bude voll. Wie in den Zelten beim Oktoberfest“, erinnert sich Sohn Wolfgang. Der 53-Jährige ist seit 1989 mit seinem Catering-Service „Tischlein Deck Dich“ selbstständig. Als Nachfolger für den Betrieb sei er noch nie in Frage gekommen: „Der Metzgerberuf war mir schon immer zu hart.“ Der Ruhestand seines Vaters bedeutet für ihn auch in beruflicher Hinsicht einen Verlust: „So Annehmlichkeiten wie: ,Ich bin krank, kannst du für mich wohin fahren?‘, fallen dann natürlich weg“, stellt Wolfgang Hirche fest.

Bilder: Weihnachtsmarkt in Langen

Horst Hirches Abschied selbst kam auf Raten: 2007 stellte die Metzgerei den Verkauf ein, im Sommer diesen Jahres war der Senior zum letzten Mal mit seinem Verkaufsstand auf dem Altstadtmarkt. Mit dem Weihnachtsmarkt beendet Hirche nun offiziell sein Arbeitsleben. Für seine Kunden ist dies somit die letzte Möglichkeit, noch mal schlesische Spezialitäten beim „Mordche“ einzukaufen: gekochte Krakauer, Well- und Grützwürste, geräucherte Schweinelende oder Hausmacher Sülze. „Ich habe Kunden aus Neu-Isenburg und aus Griesheim, die extra herkommen für meine Produkte“, sagt Hirche nicht ohne Stolz.

Nun, wo der Ruhestand seine Schatten vorauswirft, beginnt für Hirche eine neue Zeit. Der Ruheständler will sich gemeinsam mit seiner Frau in Bad König im Odenwald zurückziehen. Angst vor Langeweile habe er nicht. „Wir sind innerhalb des Ortes schon gut bekannt. Und jetzt, wo ich so viel Zeit habe, kann ich auch mal in alten Fotos blättern.“ Und falls doch noch mal was in Langen ansteht, sei er immer erreichbar: „Schließlich bin ich nicht auf einem anderen Stern.“

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