Ervin allein in Offenbach

Heiligabend weit weg von der Familie

+
Rumäne Ervin bleibt über die Feiertage in Offenbach.

Offenbach - Auf dem Offenbacher Weihnachtsmarkt verkaufen immer mehr Menschen aus Osteuropa. Weil die Buden an Heiligabend und bis Januar geöffnet haben, verbringen viele Zeitarbeiter die Feiertage fernab ihrer Familien. Doch der gute Verdienst ist es ihnen wert. Von Sarah Neder 

Ervin Asztalos schaufelt geduldig gebrannte Mandeln in das dreieckig gefaltete Papier. Die Klassischen, so wie es die Kundin gewünscht hat. Er wiegt das Tütchen. „Zwei Eurrrro zwanzig“, sagt er mit rollendem R. Die ältere Frau lässt die Münzen passend auf den Tresen klimpern. „Danke, auf Wiedersehen“, sagt der 22-Jährige etwas schüchtern. Schon seit Ende November steht Ervin auf dem Offenbacher Weihnachtsmarkt. Dafür ist er aus seiner Heimat, dem rumänischen Reghin, angereist. Sein Deutsch ist mittlerweile ganz passabel, deshalb traut ihm Chef Klaus Eiserloh auch Kundenkontakt zu. Kollegin und Landsfrau Olivia steht zu den Stoßzeiten eher an der Popcorn-Maschine. Ihre Sprachkenntnisse reichen für den Verkauf noch nicht aus.

„Leute, die am Kunden sind, sollten der deutschen Sprache mächtig sein“, sagt Weihnachtsmarktausrichter Klaus Kohlweyer. „Das bringt sonst nichts.“ Der Vorsitzende des Vereins ProOF weiß, dass rumänische und bulgarische Arbeitskräfte immer beliebter werden: „Etwa 80 Prozent der Beschicker arbeiten mit diesem Personal.“ Klaus Eiserloh und seine Frau Natalie beschäftigen an ihren beiden Ständen insgesamt acht Zeitarbeiter aus Osteuropa, vier im Mandelbüdchen, vier am Grillstand. Die Aushilfen findet Eiserloh über einen Vermittler oder über Empfehlungen seiner Angestellten. Klar, da sei auch hin und wieder ein Untauglicher dabei, erzählt er. Mit seinen diesjährigen Angestellten ist er aber zufrieden: „Sie sind sehr fleißig und zuverlässig.“

Seit Jahren hat der Hanauer keine deutschen Helfer mehr beschäftigt. „Es ist ein schwerer Job, man muss viel dafür mitbringen“. Zum Beispiel Zeit und Flexibilität. Sechs Wochen durchzuarbeiten, dazu seien heute nur wenige bereit, meint der Schausteller. Auch Klaus Kohlweyer beobachtet, dass Deutsche den Job immer seltener machten. „Das ist vergleichbar mit dem Spargelstechen“, sagt er. Trotz Mindestlohn schreckten viele Einheimische vor der Knochenarbeit zurück.

Weihnachtsmarkt in Offenbach

Ein anderer Bezug der Osteuropäer zum Lohn spiele dabei auch eine große Rolle, meint Eiserloh. „Ich zahle 8,50 Euro pro Stunde. Das ist für die Leute sehr viel Geld.“ Einige kämen schon zum vierten oder fünften Mal und hätten sich in ihrer Heimat ein schönes Haus zusammengespart. Während der Glühweinsaison leben Ervin und seine sieben Kollegen in einer Art Wohngemeinschaft. Eiserloh hat für sie ein Appartement an der Luisenstraße gemietet, so haben sie morgens und abends nur einen kurzen Fußweg.

Etwa 90 Prozent seiner Beschäftigten, schätzt der Chef, schicken ihren Lohn in die Heimat, um ihre Familien zu unterstützen. Viele sind schon am 22. oder 23. Dezember zurückgereist, um gemeinsam mit ihren Lieben Weihnachten zu verbringen. Andere blieben bis Januar, um einen halben Monat lang zusätzlich Geld zu verdienen. So auch Ervin. Die Feiertage verbringt er in Offenbach, mehr als 1000 Kilometer von daheim entfernt. Trotzdem hat er es sich in seiner Wohnung gemütlich gemacht. „Ich Baum kaufen“, sagt Ervin in gebrochenem Deutsch. Wenn er Weihnachten zu Hause mit seiner Familie feiert, sitzen sie abends zusammen und genießen ein festliches Mahl, schildert der Rumäne.

Doch ganz neu und ungewohnt ist die Situation für ihn nicht. Bereits im vergangenen Jahr fiel für Ervin das Fest der Liebe in der Heimat aus, weil er auf dem Offenbacher Weihnachtsmarkt arbeitete. „Er hat es noch gut. Er ist Junggeselle, hat keine Frau oder Kinder zu Hause“, findet Eiserloh. Für die freien Tage hat Ervin aber schon einen Plan geschmiedet: Er will gut essen und ausschlafen. Denn am verkaufsoffenen Sonntag, 27. Dezember, geht das Geschäft noch einmal los – bis Sonntag, 3. Januar.

Bilder: Weihnachtsmarkt auf der Rosenhöhe

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare