Im Offenbacher Capitol

Weihnachts-Lounge: Beliebtes und nie Gehörtes

Offenbach - Die Weihnachts-Lounge im Capitol ist Kult. Auch die zehnte Ausgabe im Offenbacher Konzerthaus ist ausverkauft. Von Markus Terharn

Darauf ruht sich das Orchester indes nicht aus: Zum Jubiläum mischt die Neue Philharmonie Frankfurt Bewährtes und Innovatives und wartet mit mehreren Uraufführungen auf. Für die eindrucksvolle vokale Seite sorgen die zirka 100-kehligen Chöre am Fuldaer Dom. Leitmotivische Funktion hat das beliebte Weihnachtslied „Tochter Zion“. Erstmals erklingt es in „Christmas at Carnegie Hall“, einer gefälligen Ohrwurmsammlung aus John Williams’ Filmmusik zu „Kevin – Allein zu Haus“, von Marco Jovic in sattem Sound arrangiert. Schon dabei muss das Publikum an sich halten, um nicht mitzusummen. Zu großer Form laufen die von Jens Troester am Pult temperamentvoll befeuerten Instrumentalisten in der Suite aus Peter Tschaikowskis „Dornröschen“ aus. Von dessen drei um diese Jahreszeit landauf landab vergastspielten Balletten ist dieses am seltensten zu erleben. Schade, denn es bietet zackiges Blech, schönes Holz, schwelgerische Streicher und sogar ein feines Harfensolo. Genießerisch kosten die Philharmoniker die sanglichen Melodien aus, lassen es aber auch nicht an tanzbaren Rhythmen fehlen.

Zwischen den fünf Sätzen, gekrönt vom wienerischsten Walzer des Russen, macht die Schauspielerin und Sprecherin Claudia Urbschat-Mingues mit dem Märchen bekannt – nicht in der bekannten Grimm-Version, sondern in Charles Perraults Urfassung, verdeutscht von Ludwig Bechstein. Das ergibt reizvolle Irritations-Effekte, stimmstark gestaltet. Ungewohnt schwere, aber sehr gehaltvolle Kost nach der Pause: Großzügig unterstützt von der Dr.-Marschner-Stiftung, hat Tomasz Adam Novak eine dreiviertelstündige Sinfonische Kantate über „Tochter Zion“ geschaffen. Statt der Schuke-Orgel seiner Heimatkirche St. Lamberti zu Münster steht ihm die Dr.-Marschner-Orgel zur Verfügung, die er zu zwei gewaltigen Improvisationen nutzt – virtuos über „O Heiland, reiß die Himmel auf“; innig, fast jenseitig wirkend, aber nicht weniger fingerfertig über „Macht hoch die Tür“.

Sportgala im Capitol

In den Ecksätzen über „Nun komm, der Heiden Heiland“ und „Tochter Zion“ lässt die eindrucksvolle Chor-Armada hören, was sie unter Leitung von Domkapellmeister Franz-Peter Huber einstudiert hat. Der bringt seinen warmen Bariton solistisch ein, muss aber Sopranistin Isabel Reinhard die Krone überlassen, deren „Wie soll ich dich empfangen“ einen wohltuenden Ruhepunkt im Orchester- und Orgeldonner setzt. Und dann ein Geschenk für die Offenbacher, komponiert von Ralf Massing, eingerichtet von Marco Jovic, aus der Taufe gehoben von der Neuen Philharmonie. Ehe das Auditorium endlich selbst singt!

Rubriklistenbild: © dpa

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