Wenn das Auge im Fernsehen mithört

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Beim „Bildton“ oder auch „Musik im ON“ genannt, sieht der Zuschauer auch das, was er hört: Lucas, Costa und Kiki Cordalis (von links) im Treff des Hessischen Rundfunks auf dem Hessentag in Langenselbold.

Es muss ein Traumjob sein! Kilian Moritz darf stundenlang Musik hören, bei der Arbeit. Er ist Leiter der Fernsehmusikredaktion des Hessischen Rundfunks (hr) und lädt zu einem interessanten Blick hinter die Kulissen des Funkhauses am Dornbusch in Frankfurt ein. Von Peter Schulte-Holtey

Rein geht es - in ein „Büro voller Töne“. Erste Frage: „Und hier gibt es also für jede Filmszene den richtigen Klang?“ Moritz nickt - greift ins Regal. „Kein Problem - wir antworten auf fast alle Wünsche.“ Jazz, Pop, Fastnachtsschlager, Arien - nichts ist unmöglich.

Tausende CDs stehen in einem Nebenraum, gestapelt in Regalen bis zur Decke, sortiert nach Stichworten - „Sommer“, „Drama“, „Sport“, „Natur“, „Quizshow“. Von Pop bis Oper, viele Instrumentalstücke - für fast jeden Geschmack und für verschiedenste „Stimmungslagen“ ist etwas dabei. „Die CD als Tonträger ist aber schon wieder Auslaufmodell. Inzwischen liegen weit über 500.000 dieser Produktionsmusiken auf Servern und können online recherchiert und heruntergeladen werden. Irgendwann können wir diese CD-Berge alle wegwerfen,“ stellt Moritz klar. Für die schnellen, tagesaktuellen TV-Anforderungen sei diese vorgefertigte Produktionsmusik von CD aber noch immer die erste Wahl.

Welche Stimmung soll transportiert werden?

Auch Geräusche liegen fertig produziert in dem Redaktionsbüro vor, auf CD festgehalten. Wie hört sich eigentlich eine Demonstration an? Und Schritte ... leichtes Frauengetrappel, schwere Männerstiefel, nackte Füße auf Fliesen? „Kein Problem, das zeige ich mal an einigen Beispielen.“ Moritz will sich auf die Suche begeben, doch das Telefon hält ihn zurück. Anruf des Kollegen von einem TV-Magazin: „Ich brauche was für einen Beitrag aus der Landwirtschaft. Kannst du uns schnell ein paar passende Klänge zusammenstellen?“ Moritz verspricht Hilfe im IC-Tempo, fragt welche Stimmung transportiert werden soll. Ein Griff ins Regal des prallgefüllten Archivs, Silberling in den CD-Player, Startknopf gedrückt. Er hört sich kurz Musikstücke an, wechselt die CD. Nach einigen Minuten wird er fündig. „Töne vom Bauernhof, warum nicht? Dazu ein leises Musikstück für den Hintergrund.“ Moritz kann aber auch anders, er berichtet von größeren Musik-Projekten: Denn für ARD-Spielfilme, Tatort-Krimis oder Dokumentationen wird extra ein Komponist ausgewählt und beauftragt; er „maßkomponiert“ und produziert exklusiv eine neue Filmmusik.

Wirkung von Musik wird immer noch unterschätzt

Wer die Gespräche zwischen demLämmerspieler und Filmredakteuren verfolgt, ahnt, welche riesige Bedeutung der gute „Sound“ für Spielfilme oder Magazinbeiträge hat. „Wer nicht den rechten Ton trifft, kann schnell den gesamten Fernsehbericht vermurksen“, so die Erklärung zwischen zwei Telefonanrufen. „Musik kann die emotionalen Empfindungen des Zuschauers enorm beeinflussen.“ Auch die „Programm-Oberen“ bei den Fernsehsendern würden es immer wieder einfordern: „Wir müssen unsere Sendungen noch viel mehr emotionalisieren - mit Gefühlen aufladen.“ Für Moritz ist’s eine klare Sache: „Am besten mit Musik!“ Und er ergänzt nach kurzem Nachdenken: „Das sage ich nicht, weil ich selbst Musiker oder Musikredakteur bin. Nein, dies ist physiologisch, also angesichts von Lebensvorgängen, bedingt.“ Die Wirkung werde noch immer oft unterschätzt. Moritz: „Dabei wird dieses Thema schon seit langem erforscht. Und immer wieder kommt man zu dem Ergebnis: Bilder spielen nur scheinbar die Hauptrolle. In Film und Fernsehen geht ohne Musik nichts. Das Auge hört mit.“

Die Musik sagt, was passiert

Musik - ein Alleskönner

Der Einfluss von „Ton-Untermalung“ wächst in vielen Lebensbereichen. Musik kann Stimmungen und das Schmerzempfinden beeinflussen, hat zum Beispiel der Genfer Psychologe Marcel Zentner in Studien herausgefunden. Wie die Versuche zeigten, führten die Stücke bei den meisten Testpersonen auch zu ähnlichen Empfindungen. So löst die Tritsch-Tratsch-Polka von Johann Strauss die stärksten Freude- oder Machtgefühle aus. Die richtige Musik im Ohr sorgt dafür, dass Patienten auf dem OP-Tisch weniger lokale Betäubungsmittel brauchen. Mit Musik lassen sich nicht nur Babys besser in den Schlaf wiegen, sie hilft auch Senioren, berichten Forscher aus Taiwan. Sie testeten mit westlicher oder chinesischer Entspannungsmusik. Ergebnis: Die Testpersonen schliefen schneller ein und freuten sich über eine bessere Schlafqualität.

Jetzt kommt Moritz in Fahrt. „Bedeutung von Musik“ - darüber hat er schon auf vielen Fachveranstaltungen referiert. Filmmusik bestimme die Handlung, erzeuge Spannung und Emotion, verschleppe oder beschleunige die Story, sagt er. Zum Beispiel im Mafia-Krimi „Der Pate“ Teil 1 sei dies gut gelungen. In dem Film-Klassiker gebe es einen Wechsel zwischen zwei Handlungssträngen „Taufe und Gemetzel“. Moritz: „Im Grunde wird daraus aber eine Szene, weil Orgel-Musik die komplette Sequenz zusammen hält. Wer den Film noch einmal sieht, sollte genau darauf achten, an welchem Punkt kurz auf ,Stille' gesetzt wird, wann von hohen Tönen auf tiefe gewechselt wird.“ Moritz erklärt es mit großem Engagement: Filmmusik kann Bild-Sequenzen zu einer Einheit zusammenfügen oder zusammenhalten. Sie vermag aber auch zu polarisieren, sie kann ein und demselben Bild völlig verschiedene Stimmungen und Botschaften geben. Moritz: „Wenn man einfach ein Haus von außen zeigt, dann sagt mir die Musik, was Innendrin passiert: ,Dark Tones-Musik' lässt mich auf ein Drama schließen, Softiges, Schmusiges auf eine Liebesszene: Die Musik erzeugt völlig konträre Wirkungen! Sie kann auch vorwegnehmen. Schon bevor etwas im Film passiert, weiß der Zuschauer durch die Musik, was passiert - z. B. etwas Liebevolles, etwas Schlimmes; oder es kann natürlich als Überraschungseffekt etwas Entgegengesetztes passieren: zärtliche Musik und dann die Gewalttat.“

Richtige „Ton-Unterlage“ sorgt für besseren Handlungsfluss

Franka Potente in „Lola rennt“ - ein Film, der auch musikalisch überraschte. Nahezu ununterbrochen sorgt der treibende Rhythmus für den packenden Drive. Wenn es dann plötzlich still wird, ist die Wirkung enorm.

Und wie „arbeiten“ Boulevard-Magazine mit Tönen? Moritz ist überzeugt davon, dass die richtige „Ton-Unterlage“ für besseren „Handlungsfluss“ sorgt. „Die Magazine nutzen das, sie setzen häufig von vorne bis hinten auf Musik, oft an der Hörbarkeitsgrenze, aber sie ist da und hält das Tempo, suggeriert Wichtigkeit und Dringlichkeit! Musik kann beschleunigen, treiben, vorantreiben. Allerdings muss die Musik sehr reduziert sein und darf niemals vom Text des Beitrages ablenken! Sie darf den Film nicht ,erschlagen’.“
Aber auch in Spielfilmen gibt es viele Beispiele. Im Film „Lola rennt“ sei dies gut gelungen: „Der Grundbeat läuft fast permanent durch, minutenlang, und reißt die Zuschauer mit. Das war relativ neu. Umso stärker ist der Effekt, wenn plötzliche Ruhe ist. Nach zwanzig Minuten, wenn Lola erschossen wird, kommt die totale Stille. Null-Komma-Gar-Nix. Die Wirkung ist riesig.“

Bilder wirken völlig unterschiedlich, nur durch die Wirkkraft Musik

Jetzt ist der hr-Redaktionsleiter kaum noch zu bremsen: „Mit dem Anhören von Musik schaffe ich es, Stimmungen und Gefühle zu verstärken, mit dem Anhören von Musik kann ich mich motivieren, kann Begeisterung in mir auslösen und kann mich dabei abreagieren oder mich fallen lassen.“. Beispiele müssen her. Moritz greift zur Fernbedienung seines DVD-Players, stellt die Werbung für einen Ort in Österreich vor - langsamer Kameraschwenk über romantische Täler und saftige Bergwiesen, zwei Versionen, die sich lediglich bei der Musikuntermalung unterscheiden. Schnell ist klar, dass ein und dieselben Bilder völlig unterschiedlich wirken, nur durch die große Wirkkraft der Musik.

Übrigens: Grundsätzlich unterscheidet man in Film und Fernsehen zwischen „Musik im OFF“ (Filmmusik, die der Zuschauer zwar hört, aber nicht sieht, woher sie kommt) und der „Musik im ON“ (bei der der Musiker oder Sänger auch zu sehen ist). Letzteres kann im Spielfilm ein Musiker im Bild sein, das sind aber auch die Interpreten in einer Unterhaltungssendung. Moritz: „Auf dem Hessentag in Langenselbold produzierten wir drei große Schlagersendungen mit allen Größen aus der Musikbranche. Das sind die bunten und schönen Rosinen im Arbeitsalltag, auch wenn da mehr Verwaltungskleinkram mit dran hängt, als man vermutet.“

Urheberrecht ist in dem Job ein wesentlicher Teil der Arbeit

Erneut ein Anruf. Kollegen fragen: „Hast du Musik zum Thema ,Korkfußboden’?“ Moritz lacht über diese Frage und erläutert seine Vorgehensweise: „Natürlich hat eine Musikdatenbank nicht den Begriff ,Kork’! Also heißt’s überlegen. Welchen Charakter, welche Stimmung soll die Musik unterstützen? Soll es bei dem Filmbeitrag um Schadstoffbelastung, um Unwohlsein gehen, dann wird nach ,Dark Moods, Dark Tones, Emotions’ gesucht. Soll der Beitrag eher schnell und witzig sein, mit Augenzwinkern? Dynamic, Action, Sport? Oder ist hier Kork als ,Wohlfühl-Bodenbelag’ mit krabbelndem Baby drauf zu sehen? Welche Grundstimmung?“ Moritz wird Antworten finden.

In der „Grupo Arabal“ spielt der hr-Redaktionsleiter den Kontrabass: Anna Tarnawska/Geige, an der Gitarre Karin Scholz (Ehefrau von Moritz) und Thomas Richter/Flöte. Kilian Moritz, Jahrgang 1965, war Musikredakteur und Radiomoderator beim Bayerischen Rundfunk und ist seit neun Jahren Fernseh-Musikchef beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Er studierte Musik sowie Kulturmanagement und absolvierte den Masterstudiengang Medienrecht am Mainzer Medieninstitut. Moritz ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern.

Das ist ihm noch sehr wichtig: „Urheberrecht ist in unserem Job ein wesentlicher Teil der Arbeit. Ungeklärte Musikrechte sind ein häufiger Stolperstein, spätestens dann, wenn ein Film außer im Fernsehen auch auf einem Festival oder im Kino gezeigt werden soll“, erzählt der hr-Mann. Wenn ein Regisseur unbedarft einen Titel der Rolling Stones in seinen Spielfilm einbaut, müsse dieser spätestens bei der „Zweitverwertung“ (wie Kino, Festival oder DVD) ausgetauscht werden, da die Kosten für diese Musiktitel fast unbezahlbar seien. Ebenso verhalte es sich mit dem Online-Stellen von TV-Sendungen. Moritz: „Wenn aktuelle Fernsehbeiträge nach der Sendung nicht in der sendereigenen ,Mediathek’ im Internet aufzufinden sind, so liegt dies in den meisten Fällen an nicht  vorliegenden Musikrechten zur Internet-Nutzung.“
Ein interessanter Beruf. Vielleicht wird mancher Leser jetzt dazu verleitet, sich mehr Gedanken über die „Musik-Produzenten“ hinter der Kamera und auf den Redaktionsetagen zu machen. Sie sind immer und überall auf der Suche nach dem richtigen Ton.

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